Kritik

In Berlin wächst kein Orangenbaum

„In Berlin wächst kein Orangenbaum“ // Deutschland-Start: 24. September 2020 (Kino)

Seit 15 Jahren schon sitzt Nabil (Kida Ramadan) im Knast. Und eigentlich würde er dort noch viel länger bleiben, schließlich hat er bei einem Überfall einen Polizisten ermordet. Doch Nabil ist krank, schwer krank, viel Zeit bleibt ihm nicht, weshalb ihm angeboten wird, frühzeitig rauszukommen, um in Freiheit zu sterben. Bevor es so weit ist, hat er aber noch einige Pläne. Zum einen wäre da Ivo (Stipe Erceg), der ihm immer noch einen ganzen Haufen Kohle vom Überfall damals schuldet. Kohle, die er seiner Exfrau Cora (Anna Schudt) geben will, damit die gut versorgt ist. Außerdem erfährt er, dass er eine Tochter namens Juju (Emma Drogunova) hat, der er gerne vor seinem Tod noch näher kommen würde …

An Engagements mangelt es Kida Khodr Ramadan eigentlich nicht gerade. Der durch 4 Blocks auch einem größeren Publikum bekannt gewordene Schauspieler ist eigentlich ständig in irgendwelchen Filmen oder Serien zu sehen. In rund 100 Titeln hat er bislang bereits mitgewirkt, ohne dass ein Ende absehbar wäre. Doch dem in Beirut geborene Darsteller reicht das offensichtlich nicht, will vielleicht mehr als die Nebenrollen, die ihm häufig angeboten werden, weshalb er inzwischen auch selbst zuweilen Regie führt. Sein Debüt war das 2018 gezeigte Drama Kanun, das er mit Til Obladen inszenierte und einer ganzen Reihe von Autoren schrieb. Nun folgt mit In Berlin wächst kein Orangenbaum seine erste Solo-Regie, die es im Gegensatz zu seinem Debüt sogar regulär ins Kino schafft.

Zwischen Drama und Genre
Wenig überraschend ist dieses Gewächs wieder im Grenzbereich zwischen Drama und Genre angesiedelt, ein Bereich, der es Ramadan besonders angetan zu haben scheint – zuletzt etwa in Man from Beirut und Dünnes Blut. Auch das Thema der familiären Bande ist wieder sehr verstärkt darin verwoben, wobei im erweiterten Sinn nicht nur die Blutsverwandtschaft zählt, sondern auch das Verhältnis zu Ivo, der schon immer zum Leben von Nabil gehörte. Warum das so ist, wird dabei aber nicht wirklich klar. Zwar verwendet In Berlin wächst kein Orangenbaum sehr exzessiv die Möglichkeit des Flashbacks, um eine bestimmte Szene aus der Kindheit vor dem geistigen Auge des Protagonisten und des Publikums vorbeiziehen zu lassen. Doch das ist am Ende nicht so aussagekräftig wie offensichtlich vermutet.

Allgemein merkt man Ramadan und seinem Co-Autor Juri Sternburg an, dass sie unbedingt viel erzählen wollten und dabei auch die Tiefe suchten. Da geht es um Ehre und Freundschaft, den Heimatbegriff und Sehnsüchte, um Aufarbeitung und eine schwierige Annäherung. Doch der Wille allein reicht nicht aus. Ein Problem ist, dass der Film sich einfach in so viele Themengebiete wagt, dass daraus ein willkürlich zusammengestopfter Flickenteppich wird. Wenn beispielsweise Juju unterwegs einem netten jungen Mann begegnet, dann bedeutet das Liebe auf den ersten Blick, sofortige Bedrohung durch den Papa mit anschließender Versöhnung, ohne dass irgendeine Form von Entwicklung möglich wäre. Vieles hier bleibt rudimentäre Revuenummer, kommt einfach nicht zu einem durchgängigen Film mit einer klaren Richtung zusammen.

Der unnatürliche Kampf um Tiefe
Das andere Problem ist, dass In Berlin wächst kein Orangenbaum schon sehr offensiv darum bemüht ist, irgendwie bedeutend und tiefgründig sein zu wollen. Allerdings ist das dann gleichzeitig dick aufgetragen und irgendwie nichtssagend, von der eigenen Bedeutung ergriffen, obwohl nur Klischees abgearbeitet werden. Es fehlt eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Gesagten, der Wille, die Kalendersprüche nicht einfach nur abzuschreiben, sondern auch zu verwerten. So aber nimmt sich der Film viel zu ernst, obwohl er an zu vielen Stellen sinnbefreit und unfreiwillig komisch ist – etwa beim dreisten Ende, das einem als Zuschauer schon sehr viel abverlangt.

Vereinzelt gibt es schon gute Szenen, wenn Ramadan sich damit zufriedengibt, einfach nur zu beobachten, anstatt krampfhaft eine Aussage hineinpressen zu wollen. Gerade Emma Drogunova (Bonnie & Bonnie) gelingt es immer mal wieder, dem Film die Natürlichkeit zu verleihen, die man hier so schmerzlich vermisst. Besonders bei den doch arg konstruierten Dialogen darf man zusammenzucken. Doch weder die Nachwuchsschauspielerin, noch die zahlreichen Gaststars, die sich die Klinke in die Hand drücken – darunter Tom Schilling, Frederick Lau und Sabin Tambrea – reichen aus, um dem mäßigen Inhalt wirklich Paroli bieten zu können. Dieser Orangenbaum ist ein doch recht kümmerliches Gewächs.

Credits

OT: „In Berlin wächst kein Orangenbaum“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Kida Khodr Ramadan
Drehbuch: Juri Sternburg, Kida Khodr Ramadan
Kamera: Ngo The Chau
Besetzung: Kida Khodr Ramadan, Emma Drogunova, Anna Schudt, Stipe Erceg

Bilder

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

In Berlin wächst kein Orangenbaum
„In Berlin wächst kein Orangenbaum“ folgt einem todkranken Verbrecher, der noch ein paar letzte Dinge in Ordnung bringen will. Das Drama mit Genreanleihen versucht dabei jede Menge Themen anzuschneiden, kommt aber über willkürlich zusammengefügte Klischees nicht hinaus, die auch aufgrund der dürftigen Dialoge nicht überzeugen. Am Ende nimmt sich der Film zu ernst und frustriert durch seine Unnatürlichkeit.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort