Kritik

Man From Beirut

„Man from Beirut“ // Deutschland-Start: 20. Mai 2020 (Kino)

Auch wenn Momo (Kida Khodr Ramadan) nicht sehen kann, so hat er doch eine beachtliche Karriere als Auftragsmörder hingelegt. Als er und sein Kumpel Kadir (Blerim Destani) wieder ihrer Arbeit nachgehen, ist es jedoch anders als sonst. Während Momo ohne zu zögern die beiden Menschen in der Wohnung tötet, so bringt er es doch bei dem kleinen Mädchen Junah (Dunya Ramadan) nicht übers Herz. Mehr noch: Er schnappt sich Junah und nimmt sie bei sich auf – zum Entsetzen von Kadir. Und auch ihre Auftraggeber sind nicht begeistert von dem Verlauf der Ereignisse. Und so wird Kollegin Jessica (Susanne Wuest) angeheuert, damit sie das Trio aus dem Verkehr zieht …

Mörder sind auch nur Menschen! Zumindest in Filmen wird uns das immer wieder erzählt, wenn Vertreter oder Vertreterinnen der tötenden Zunft Kindern begegnen und sich auf einmal genötigt fühlen, sich dieser anzunehmen. Léon – Der Profi mit Jean Reno wird in solchen Fällen immer wieder gern als Beispiel herangezogen. Ein neueres Beispiel ist Proud Mary, das aufzeigt, dass auch Frauen skrupellose Killer sein können – wenn nicht gerade Muttergefühle aufkommen. Um in einem solchen Umfeld bestehen zu können, filmisch gesehen, braucht es im Idealfall natürlich schon eines Alleinstellungsmerkmals, welches die Vorwürfe der bloßen Kopie entkräftet.

Der mörderische Neuanfang
Im Fall von Man from Beirut sind es ein paar kleinere Punkte, die den Film zwar nicht wirklich neu machen, ihn aber ein wenig hervorstechen lassen. Zum einen sind solche Werke sicherlich nichts, was man mit dem deutschen Kino in Verbindung würde. Wobei Regisseur und Co-Autor Christoph Gampl, der auch schon bei Ramadans Regiedebüt Kanun beteiligt wart, keine rein deutsche Geschichte erzählt. Stattdessen sind die beiden Auftragsmörder, die wir zu Beginn kennenlernen, ursprünglich aus dem Libanon und suchen nun in Deutschland eine neue Heimat. Ob das in diesem Berufszweig so ohne Weiteres funktioniert, sei mal dahingestellt. Zumindest aber ist das Krimidrama von dieser Sehnsucht nach Beständigkeit und einem normalen Leben geprägt, von der Frage, wer man ist und wer man sein möchte.

Eine weitere Besonderheit ist, dass Momo eben blind ist. Auch das ist sicherlich nicht die beste Voraussetzung bei seiner Berufswahl, auf einen Menschen zu zielen, ohne diesen sehen zu können, das ist schon eine gewisse Herausforderung. Um nicht zu sagen Wahnsinn, vor allem wenn Momo wie zu Beginn in einem fremden Umfeld unterwegs ist. Das hat dann ein bisschen was von Daredevil, ist ebenso wenig an einem reinen Realismus interessiert. Der Actionanteil ist jedoch deutlich geringer, Man from Beirut ist eher eine Mischung aus Drama und Krimi, verknüpft die Genreauswüchse mit einer Art Milieuporträt. Das Milieu selbst ist dabei weniger spannend: Gampl und sein Storypartner Boris Naujoks setzen auch hier auf diverse Klischees.

Kunstvolle Sehnsucht
Interessanter ist da schon die Verpackung dieser Klischees. Man from Beirut ist fast komplett in Schwarzweiß gehalten und im alten 4:3-Format gedreht, wohl auch als Verbeugung vor den Klassikern. Doch das wird mit nicht-narrativen Naturaufnahmen verbunden, die teils das Gefühl der Sehnsucht noch weiter verstärken. Das Gefühl eines Anderswos. Das ist alles auch recht hübsch anzusehen, verleiht dem eher genügsamen Inhalt etwas Kunstvolles. Aber eben auch Künstliches: Die anvisierte Emotionalität zwischen den Figuren verfehlt der Film, obwohl der dauerbeschäftigte Kida Khodr Ramadan hier mit seiner eigenen Tochter Dunya vor der Kamera steht.

Gesehen haben muss das Ergebnis nicht unbedingt. Der Film, der derzeit in verschiedenen Autokinos und Open-Air-Kinos unterwegs ist, mag sich an dem einen oder anderen Klassiker orientieren, wird selbst aber wohl keiner werden. Doch die Kombination aus den schönen Bildern und dem Multi-Kulti-Einschlag rund um die importierten Killer, verbunden mit der leichten Melancholie, sind zumindest genug Gründe, um sich das mal anschauen zu können und ein bisschen Genreförderung zu betreiben.

Credits

OT: „Man from Beirut“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Christoph Gampl
Drehbuch: Christoph Gampl, Boris Naujoks
Musik: Greatest Kidz
Kamera: Eeva Fleig
Besetzung: Kida Khodr Ramadan, Blerim Destani, Dunya Ramadan, Susanne Wuest

Bilder

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Man from Beirut
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Man from Beirut
In „Man from Beirut“ nimmt sich ein Auftragsmörder eines kleinen Mädchens an: Das ist als Geschichte nicht unbedingt taufrisch, wird aber mit kunstvollen Bildern und einem leichten Multi-Kulti-Einschlag verbunden, wenn im Mittelpunkt zwei libanesische Killer stehen, die sich nach einer Heimat sehnen. Tatsächlich zu Herzen geht das nicht, es reicht aber für einen soliden Zeitvertreib.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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