Kritik

Dünnes Blut

„Dünnes Blut“ // Deutschland-Start: 6. August 2020 (DVD/Blu-ray)

Nach dem katastrophalen Ausgang einer Geiselnahme ist Kriminalkommissar Alexander Bischoff (Simon Licht) bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen und wundert sich deshalb, als man ihn mit einem prestigeträchtigen, sehr komplexen Fall beauftragt. Er soll die Ermittlung leiten gegen die Familie Kaplan, deren Anführer Murat (Kida Khodr Ramadan) ein Schmuggelnetz kontrolliert, deren Verzweigungen bis hinein in viele arabischsprachige Länder geht. Die Polizei vermutet, Kaplan erwarte eine sehr große Lieferung, doch mehr als das wissen sie leider nicht, sodass Bischoffs erste Aufgabe besteht, sich Informationen zu beschaffen. Eine gute Quelle scheint Bischoff wie auch den anderen Ermittlern der Weg über den ehemaligen Boxer Gabriel Stark (Mehrdad Taheri) zu sein, der unter anderem wegen einer Gefängnisstrafe seine Karriere beenden musste. Weil er nicht gegen ihn aussagte und er sich bisher als loyal erwiesen hat, zieht ihn Murat gegenüber seinem eigenen Sohn Cenk (Burak Yigit) vor. Als Bischoff Stark soweit hat, dass er gegen die Kaplans aussagen will, eskaliert der Streit zwischen Gabriel und dem eifersüchtigen Cenk. Dies bringt nicht nur die Ermittlung in Gefahr, sondern auch Gabriel, der nun nicht nur sich, sondern auch die Mutter seines noch ungeborenen Sohnes schützen muss.

Ein freier Mensch
In seinem Spielfilmdebüt als Regisseur widmet sich Mehrdad Taheri dem Genre des Gangsterfilms, welches spätestens seit der Serie 4 Blocks und Filmen wie Nur Gott kann mich richten gerade so etwas wie eine Blütezeit erlebt. Jedoch ist Taheri nicht nur als Regisseur tätig, sondern spielt zudem die Hauptrolle, schrieb das Drehbuch und produziert Dünnes Blut, eine Geschichte, die davon handelt, inwiefern man als freier Mensch leben kann in einer Welt, die von Abhängigkeiten bestimmt ist, wie er selbst in seinem Regiestatement sagt.

Im Zentrum der Handlung von Dünnes Blut stehen zwei Männer, die von einem Netz aus Abhängigkeiten umgeben sind, sich innerhalb dieser Hierarchie zu Außenseitern gemacht haben. Alleine schon die ersten Einstellungen, die zeigen wie der von Simon Licht gespielte Bischoff unterwegs ist zu einem Einsatzort, betonen die Niedergeschlagenheit seiner Figur, die versucht „Teil von etwas Gutem“ zu sein, wie er es selbst sagt. Trotz der vielen Indizien um ihn, die vom Gegenteil überzeugen sollten, ist er – in mehr als nur einer Hinsicht – auf einem Auge blind und hat sich durch seine Prinzipien zu einem Außenseiter gemacht.

Ähnlich sieht es bei dem von Taheri gespielten Gabriel aus, der sich durch seine Verschwiegenheit bei der Polizei den Zugang zu einer eigenen, noch jungen Familie verschlossen hat und nun von Murat Kaplan mit offenen Armen empfangen wird. Taheris Drehbuch stellt das Dilemma dieser beiden Figuren in den Vordergrund, die sich zu Außenseitern gemacht haben in einer Ersatzfamilie, mit der sie, dem Titel folgend, nur noch „dünnes Blut“ verbindet, der sie sich emotional schon lange nicht mehr zugehörig fühlen. Jedoch ist der Prozess der Abnabelung mit einer schmerzhaften, potenziell gefährlichen Trennung verbunden, dessen sind sich beide gewiss.

Träume und Fluchtversuche
Interessant ist, wie Taheri die beiden Figuren und ihre Geschichten miteinander verbindet und dabei die Parallelen betont. Die ähnlichen Themen, mit denen sich Stark und Bischoff auseinandersetzen zeigen sich auch in der Anlage der Szenen, sodass das Auftreten eines Gangsterbosses, dessen Doppelzüngigkeit und versteckte Drohungen stark an die Ansprache der Vorgesetzten Bischoffs erinnern, die sich in der Gewissheit wiegen in ihm einen willigen Erfüllungsgehilfen gefunden zu haben. Speziell der in solchen Rollen mittlerweile erfahrene Kida Khodr Ramadan (Man from Beirut) zeigt abermals, dass er, auch wenn er nicht oft in der Geschichte auftaucht, schon mit wenigen Auftritten einen bleibenden Eindruck hinterlässt und die Figur des Murat Kaplan mit dem Nimbus des Macht- und Gewaltmenschen spielt.

Passend zu dieser Geschichte um Familien, Loyalität und Gewalt ist Dünnes Blut ein Film, der von einer Atmosphäre des Ausweglosigkeit bestimmt ist. In den Bildern fällt die Lichtgebung auf sowie die vielen Nahaufnahmen, welche die Gefühlslage der betreffenden Figur betonen, ihr Hadern mit einer Entscheidung wie auch deren Verzweiflung.

Credits

OT: „Dünnes Blut“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Mehrdad Taheri
Drehbuch: Mehrdad Taheri
Musik: Sam Kuzel
Kamera: Patrizio Guerra
Besetzung: Mehrdad Taheri, Simon Licht, Jenny Eichin, Kida Khodr Ramadan, Burak Yigit

Bilder

Trailer

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Dünnes Blut
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Dünnes Blut
„Dünnes Blut“ ist ein weiterer solider Vertreter des deutschen Gangsterfilms. Die Geschichte um Verrat, Familie und Abhängigkeit zeichnet sich durch die Gestaltung ihrer Charaktere und ihre Darsteller aus, was das Regiedebüt Mehrdad Taheris auf jeden Fall sehenswert macht.
7von 10

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