Kritik

I Am Greta

„I Am Greta“ // Deutschland-Start: 16. Oktober 2020 (Kino)

Für die einen ist sie ein leuchtendes Vorbild, welches die Welt zu einem besseren Ort machen wird. Für die anderen ist sie eine absolute Hassfigur, welche all das symbolisiert, was in der aktuellen Gesellschaft nicht mehr stimmt. Doch egal ob man ihren Kampf für die Umwelt nun unterstützt oder ablehnt: Greta Thunberg hat ihre Spuren hinterlassen, wurde zu einer der bekanntesten Jugendlichen unserer Zeit. Aber wer genau ist sie eigentlich? Wer ist der Mensch hinter dem Phänomen? Eine Antwort darauf liefert der Dokumentarfilm I Am Greta. Denn Regisseur Nathan Grossmann beschloss 2018, als die Teenagerin mit ihrem Sitzstreik für eine bessere Klimapolitik weltweit Schlagzeilen machte, diese zu begleiten, im Alltag, während der Aktionen und auf den Reisen.

Von Anfang dabei
Grossmann bewies dabei einen guten Riecher – und ein gutes Timing. Als der Regisseur sie kennenlernte, hatte sie zwar bereits angefangen, sich für die Umwelt einzusetzen, war aber noch weit von der Ikone entfernt, zu der sie später werden sollte. Von einem echten Interesse an dem Thema getrieben, gelingt es ihm daher auch, ihr nahe zu kommen – anders als so manche, die ihr im Laufe des Films begegnen und offensichtlich nur von ihr profitieren wollten. Das erlaubt es Grossmann, sie auch abseits der Schlagzeilen kennenzulernen, losgelöst von Protestmärschen oder Sitzkolonnen. Immer wieder wird das öffentliche Leben durch das private unterbrochen.

I Am Greta zeigt dabei sowohl die schönen wie auch hässlichen Seiten. Szenen inmitten der Familie wechseln sich ab mit Ausführungen über ihr Asperger-Syndrom und die Depressionen, unter denen sie früher litt. Wenn sie davon erzählt, dass sie nie Freunde hatte und ihr die Familie deshalb umso wichtiger ist, vergisst man für einen Moment ihr Auftreten als Klimaaktivistin. Die Kamera hält auch dann noch drauf, wenn sie während ihrer medienwirksamen, umstrittenen Überfahrt in die USA in Tränen ausbricht, sich danach sehnt, die anderen sehen zu dürfen, zu Hause zu sein, eine ganz normale Jugendliche sein zu dürfen. Wenn deutlich wird, wie ein junger Mensch vor den Augen der Welt zerbricht, weil er dem Druck nicht standhält.

Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit
Aber auch bei ihren großen Auftritten vor der Politik wird es zuweilen sehr emotional – umso mehr, da ihr bewusst ist, dass die wenigsten sich für das Thema tatsächlich interessieren. Tatsächlich zeigt der Film, wie mühselig es ist, etwas verändern zu wollen. Dass viele Gipfel doch nur auf große Reden hinausläuft, verbunden mit schönen Bildern, ohne dass sich dabei etwas verändert. I Am Greta ist daher einerseits die Geschichte eines Kampfes, gleichzeitig ernüchternde Bestandsaufnahme. Zumindest wenn es um die Mächtigen dieser Welt geht. Doch es gibt eben auch die Bewegungen, die von Thunberg losgetreten wurden, die doch noch Hoffnung machen. Wenn auf der ganzen Welt Zigtausende durch die Straßen ziehen, Schilder hochhalten und für eine bessere Welt skandieren, dann ist es leicht, sich von dem Enthusiasmus mitreißen zu lassen, der Leidenschaft und dem Kampfeswillen.

Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen Umweltschutz und Klimawandel gibt es hier hingegen nicht. Der Dokumentarfilm, der bei den Filmfestspielen von Venedig 2020 Premiere hatte und seither von Festival zu Festival wandert, nimmt zwar die Perspektive Gretas ein, ohne aber auf die Punkte an sich einzugehen. Auch wenn I Am Greta letztendlich schon auf der Seite der Bewegung steht, so ist Grossmann die Person wichtiger. Das ist einerseits schon irgendwie ironisch, da die Porträtierte eigentlich überhaupt nicht im Mittelpunkt stehen will. Sie wirkt immer wieder etwas gequält, wenn sie doch ins Rampenlicht bugsiert oder zu gemeinsamen Selfies genötigt wird. Aber das macht ihren Kampf umso menschlicher und den Film damit sehenswert: Hier darf die Jugendliche vor Freude quieken, wenn sie mit ihrer Familie ist, traurig sein, eingeschüchtert, aber auch mutig ihren Frust in die Welt hinausschreien und damit einen daran erinnern, warum diese Welt überhaupt gerettet werden sollte.

Credits

OT: „I Am Greta“
Land: Schweden, Deutschland, USA, UK
Jahr: 2020
Regie: Nathan Grossmann
Musik: Jon Petter Ekstrand, Rebekka Karijord
Kamera: Nathan Grossmann

Bilder

Trailer

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

I Am Greta
„I Am Greta“ folgt der berühmten Klimaaktivistin Greta Thurnberg, sowohl bei ihren öffentlichen Auftritten wie auch in sehr privaten Momenten. Mit dem Thema Umwelt setzt sich die Dokumentation kaum auseinander, wird dafür aber zu einem persönlichen und bewegenden Porträt einer jugendlichen Ikone, die eigentlich keine sein will.
0ohne wertung

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.