Kritik

„Bring Me Home“ // Deutschland-Start: 29. Januar 2021 (DVD/Blu-ray)

Seitdem ihr Sohn vermisst wird, ist das Leben von Jeong-yeon (Young-ae Lee) und ihrem Mann Myeong-gook (Hae-joon Park) aus den Fugen geraten. Während Jeong-yeon nach wie vor ihrem Job als Krankenschwester nachgeht und versucht stark zu sein, fährt Myeong-gook durchs Land, durch jede Stadt und jeden noch so kleinen Ort, mit Fotos ihres Sohnes in der Hand und Plakaten mit dessen Konterfei. Immer wieder ermutigt durch den Leiter der Vermisstenstelle, dem ein ähnliches Schicksal widerfahren ist, geben die beiden die Hoffnung nicht auf, auch wenn nach sechs Jahren die Wahrscheinlichkeit gering ist, noch eine Spur von Yoon-su zu finden. Als dann eine weitere Tragödie das Leben beider erschüttert, scheint sie die Hoffnung dann doch zu verlassen. Durch die Zeitungsberichte von dem Vorfall erhält dann Jeong-yeon überraschend einen Hinweis auf den Verbleib ihres Sohnes. In einem kleinen Fischerdorf soll ein Junge sein, der von den Inhabern regelmäßig für schwere Arbeit genommen wird und auf den die Beschreibung auf den Plakaten genau passt. Kurzentschlossen macht sich Jeong-yeon auf den Weg, doch am Fischerdorf angekommen, wird sie nur scheinbar freundlich von den Bewohnern aufgenommen, die sie am liebsten schnell wieder los sein wollen. Was die Angelegenheit noch gefährlicher macht, ist, dass sie mit dem Polizisten Corporal Hong (Jae-myung Yoo) gemeinsame Sache machen.

Brüchige Normalität
Mit Bring Me Home legte Regisseur Seung-woo Kim sein Spielfilmdebüt vor, welches ihm sogleich vor allem auf Filmfestivals wie dem Toronto International Film Festival viel Beachtung einbrachte. Zugleich markiert die Mischung aus Drama und Thriller die Rückkehr Lee Young-aes auf die große Leinwand, eine Schauspielerin, die vielen Genrefans noch durch ihre Titelrolle in Chan-wook Parks Lady Vengeance im Gedächtnis sein sollte. Beide Filme zeichnen sich nicht nur durch die bereits erwähnte Mischung der Genres aus, sondern durch ein düsteres Bild der koreanischen Gesellschaft, in der Verbrechen ungestraft bleiben, weil sich jeder lieber um seine eigenen Angelegenheiten kümmert, wie es in Bring Me Home an einer Stelle heißt.

Während sich der erste Teil des Films dem Drama der beiden Eheleute widmet, die versuchen eine Normalität aufzubauen und nicht die Hoffnung aufzugeben, ist der zweite Teil jener mit den Thriller-Elementen. Mag auch der Schwerpunkt anders gelegt sein, so spielt das Konzept von Normalität durchaus in beiden Teilen eine Rolle oder, genauer gesagt, jenes Zerrbild dieser Idee. Die zahlreichen Poster von Vermissten in der Vermisstenstelle sind Teil dieser Normalität, genauso wie das Leben der Familie im Fischerdorf, welches geprägt ist von Gewalt, Missbrauch und Erniedrigung.

Besonders düster wird diese Idee von Normalität, wenn Kim Seung-woos Film zeigt, wie jene Beschützer der Normalität dieses amoralische und bestialische Verhalten dulden. Insbesondere Yoo Jae-myungs Figur ist ein Spiegel jenes Zerrbilds, sieht er sich doch als eine Art Anführer des Clans und profitiert von dem Geschäft. Seine Untergebenen werden sogleich von ihm „eingenordet“, notfalls mit Gewalt oder Erpressung, was ihn zu einer wahrlich abscheulichen Figur macht.

Die Angst davor zu spät zu sein
Getragen wird die Geschichte allerdings von Lee Young-aes Figur und ihrer Angst davor, zu spät zu sein. Erfüllt von einem tiefen Schuldgefühl gegenüber ihrem verschwundenen Sohn, wird sie zu einer Art „Über-Mutter“, die nun keine Zeit mehr verlieren will und jeden weiteren möglichen Schaden von ihrem Kind abhalten will. Lee Young-ae gibt eine kraftvolle Darstellung einer Mutter ab, zwischen Verzweiflung, Hoffnung und Kampfeslust, wobei sie keinesfalls jene Rächerin ist, wie es der Trailer zum Film vermuten lässt.

Passend zu diesem düsteren Gesellschafts- und Menschenbild sind auch die Inszenierung sowie die Bilder Mo-gae Lees ausgefallen. Immer die Balance haltend zwischen Realismus und Stilisierung betonen diese die Dramatik von Szenen sowie die menschlichen Abgründe, welche die Geschichte beschreibt.

Credits

OT: „Nareul Chajajwo“
Land: Südkorea
Jahr: 2019
Regie: Seung-woo Kim
Drehbuch: Seung-woo Kim
Kamera: Mo-gae Lee
Besetzung: Young-ae Lee, Jae-myung Yoo, Hae-joon Park, Won-geun Lee, Dong-won Heo, Joo-hee Baek

Bilder

Trailer

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Bring Me Home
„Bring Me Home“ von Kim Seung-woo ist eine überzeugende Mischung aus Drama und Thriller. Besonders auf schauspielerischer Ebene überzeugt dieser düstere Film und liefert nebenbei noch ein abgründiges Bild einer Gesellschaft, die sich mehr um sich selbst statt um andere kümmert.
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