Kritik

Die weltweite Corona-Pandemie hat nicht nur im Privaten verheerende Schäden hinterlassen, wenn die Leute die Wohnungen nicht mehr verlassen durften, Familie und Freunde nicht besuchen konnten, Feierlichkeiten und selbst Sport nicht wie bisher möglich waren. Von den gesundheitlichen Beeinträchtigungen und den Todesfällen ganz zu schweigen. Doch für viele waren die Lockdowns und Einschränkungen gerade auch beruflich ein Desaster. Langsam ist da zwar Besserung in Sicht: Die Geschäfte sind wieder offen, die Betriebe fahren vorsichtig wieder hoch, sogar verreisen ist wieder drin. Und in der Zwischenzeit rettete man sich mit Kurzarbeit oder anderen staatlichen Hilfen – so die Theorie.

Das Ende der Kunst?
Während die meisten Berufszweige so zumindest wieder eine Perspektive haben, traf es gerade Künstler und Künstlerinnen sehr hart, die auf ein Publikum angewiesen sind. Quasi von einem Tag zum nächsten waren die Kinos und Theater zu, Konzerte mussten abgesagt werden, alle Festivals wurden gestrichen. Es konnten nicht einmal neue Filme mehr gedreht werden. Auch da gab es zuletzt vereinzelt positive Entwicklungen, sodass zumindest ein Teil wieder tätig werden kann. Aber es bleibt eine große Unsicherheit, gerade bei Berufen mit einer internationalen Komponente. Und wann wieder Tausende zusammenkommen können, um eine Band auf der Bühne zu sehen, das weiß ohnehin keiner.

Doch wie geht man damit um, wenn auf einmal dein komplettes berufliches Fundament wegbricht? Wenn du keine Einnahmen mehr hast, ohne dich darauf vorbereiten zu können? In #mymusicaldiary – Künstler in der Krise kommen einige mithilfe von selbst gemachten Aufnahmen zu Wort, denen es so ergangen ist. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob der Beruf nun das Singen oder Musizieren war oder wie bei dem frisch verlobten Paar Eric White und Feline van Dijken das Tanzen. Erst einmal heißt es zwangsläufig die Füße stillhalten und abwarten. Das wiederum ist nicht allein ein finanzielles Problem. Gerade bei künstlerischen Berufen heißt es, weiter im Training zu bleiben, das Talent zu pflegen – und zur Not in einer fünf Quadratmeter großen Küche Choreografien einzuproben.

Die alltägliche Krise
Ein weiteres Problem, das während dieser Isolation aufkam: Wie soll man sich die Zeit vertreiben? Wie schafft man es, auf engstem Raum zu leben, ohne großen Austausch, und dabei nicht verrückt zu werden? Was macht es mit Paaren, wenn sie plötzlich aneinandergekettet sind? Für das Publikum daheim vor den Fernsehern dürfte es gerade dieser Aspekt sein, welche die TV-Dokumentation so nahbar macht: Künstlern und Künstlerinnen geht es da auch nicht anders als dem Rest der Menschheit. Sicher, die Superreichen haben es natürlich einfacher. Wer in einem Haus mit zehn Schlafzimmern, Fitnessraum und eigenem Pool lebt, der wird sich leichter beschäftigen können. Das Regieduo Claus Wischmann (Der illegale Film) und Isabel Hahn stellte aber glücklicherweise Menschen vor, die zwar zum Teil namhafter sind, darunter auch Schauspielerin Ute Lemper und Komponist Volker Bertelmann (Lion – Der lange Weg nach Hause) – aber eben keine Megastars, die in eigenen Sphären leben.

Die Art und Weise, wie hier jeder versucht, unter außergewöhnlichen Bedingungen ein normales Leben zu führen, ist sympathisch, erinnert an die Homestories von Homemade. Hier kommt jedoch noch hinzu, dass nach der anfänglichen Schockphase nach Lösungen gesucht wird, trotz der Isolation den Beruf fortzuführen. Da werden beispielsweise Konzerte daheim aufgeführt und per Crowdfunding finanziert, an anderen Stellen wird Musik aus der Ferne zusammengebracht. #mymusicaldiary – Künstler in der Krise ist deshalb nicht allein ein Film über eine persönliche wie berufliche Katastrophe. Die TV-Doku ist gleichzeitig ein Film kleiner persönlicher Triumphe, die auch irgendwie Mut machen, alles mal etwas anders anzugehen und die Krise als Chance zu betrachten.

Credits

OT: „#mymusicaldiary – Künstler in der Krise“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Claus Wischmann, Isabel Hahn
Interviews: Ute Lemper, Simon Höfele, Johannes Moser, Eric White, Feline van Dijken, Volker Bertelmann, Judy Bailey, Robert Reichinek, User-Generated-Content



(Anzeige)

#mymusicaldiary – Künstler in der Krise
4.26 (85.26%) 19 Artikel bewerten

#mymusicaldiary – Künstler in der Krise
Wie gehen Künstler damit um, aufgrund der Corona-Pandemie zu Hause bleiben zu müssen und nicht mehr ihren Beruf ausüben zu können? Die TV-Doku „#mymusicaldiary – Künstler in der Krise“ lässt einige zu Wort kommen, zeigt ganz menschliche, alltägliche Probleme, aber auch interessante Ansätze, die Krise zu bewältigen.
0ohne wertung

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.