(OT: „Lion“, Regie: Garth Davis, USA/UK/Australien, 2016)

Lion DVD

„Lion“ ist seit 14. Juli 2017 auf DVD und Blu-ray erhältlich

Eigentlich hatte der 5-jährige Saroo (Sunny Pawar) nur seinen älteren Bruder suchen wollen, als er in den leeren Zug einsteigt. Doch ehe er es sich versieht, schläft er ein und kommt erst im 1600 Kilometer weit entfernten Kalkutta wieder heraus. Zu spät: So sehr er und die Behörden sich auch bemühen, sie finden einfach nicht den Heimatort des kleinen Jungen. 25 Jahre später lebt der erwachsene Saroo (Dev Patel) in Australien, wo er von Adoptiveltern (Nicole Kidman, David Wenham) aufgenommen wurde, und ist glücklich mit Lucy (Rooney Mara) liiert. Doch seine Sehnsucht zu seiner alten Heimat und Familie sind ungebrochen. Da erfährt er von einem neuen Computerprogramm namens Google Earth, das Luftaufnahmen der kompletten Welt enthält – und damit auch von seinem alten Dorf. Und so beginnt die Suche nach seiner Herkunft, unterstützt von den spärlichen Kindheitserinnerungen, die ihm noch geblieben sind.

Wäre Lion eine Erfindung, man würde Regisseur Garth Davis und Drehbuchautor Luke Davies (Life) wohl einiges vorwerfen. Unglaubwürdig sei die Geschichte, viel zu kitschig und überhaupt ein verkappter Werbefilm von Google, die hier ihr Programm verkaufen wollen. Lion ist jedoch keine Erfindung, sondern basiert auf der Autobiografie von Saroo Brierley, der als Junge durch unglückliche Umstände von seiner Familie getrennt wurde und diese erst ein Vierteljahrhundert später wiederfand. Rührend ist das zweifelsfrei, das eine oder andere Taschentuch sollte vielleicht zur Sicherheit in Griffweite platziert werden. Glücklicherweise verzichtet Davis jedoch darauf, diesen Aspekt zu sehr ausschlachten zu wollen.

Ein Film, der mehr ist als sein Ende
Allgemein ist Lion ein überraschend groß angelegter Film. Auch wenn die Zusammenführung natürlich der Hook der Geschichte ist und der deutsche Untertitel Der lange Weg nach Hause lautet, nimmt der Teil nur vergleichsweise wenig Zeit in Anspruch. Das liegt sicher auch daran, dass die Suche an sich ein optisch eher undankbares Thema ist. Man sieht Saroo vor einer riesigen Karte stehen, alternativ auf seinen Computerbildschirm starren, während sich immer wieder Kindheitserinnerungen dazwischenschmuggeln – seine Anhaltspunkte bei der Spurensuche. Richtig abwechslungsreich ist das nicht, würde auch gar nicht mehr als einige wenige Minuten funktionieren. Wer sich von dem Drama in erster Linie ein spannendes Abenteuer über zwei Kontinente erhofft, der ist im falschen Film.

Und doch ist Lion sehr sehenswert geworden, ganz unabhängig von dem emotionalen Ende. Das betrifft zum einen die fantastischen Bilder, die uns Kameramann Greig Fraser (Rogue One: A Star Wars Story, Foxcatcher) da schenkt. Das ärmliche Dorf, in dem das Abenteuer beginnt, das wuselnd-beengende Kalkutta, die weiten Ebenen von Australien – der Film arbeitet mit starken Kontrasten, welche die jeweiligen Lebensabschnitte verdeutlichen und damit auch der Entwicklung von Saroo einen Hintergrund bieten.

Nachdenklich, wenn auch zangsweise etwas oberflächlich
Denn der ist es, der im Mittelpunkt steht. So unglaublich die Geschichte seiner Rückkehr auch sein mag, Lion handelt vielmehr von der inneren Suche nach Identität. Die Konflikte mit den Adoptiveltern, die Sehnsucht nach einem Zuhause, die ewige Frage: Wer bin ich? Was bestimmt mich, Angeborenes oder mein Umfeld? Das ist auch einfühlsam von dem unglaublich charismatischen Dev Patel (Slumdog Millionär, Chappie) gespielt, der für seine Rolle für mehrere Preise nominiert wurde – unter anderem Oscar und Golden Globe, bizarrerweise jedes Mal als Nebendarsteller. Wermutstropfen dabei ist, dass der Film trotz einer Laufzeit von zwei Stunden nicht genug Zeit hat, seine Themen ausführlich zu besprechen. Schon die Entwicklung von Saroo erfolgt sehr sprunghaft, die anderen Menschen in seinem Umfeld verkommen gar zu reinen Stichwortgebern ohne viel Persönlichkeit. Trotz dieser bedingten Verknappung und Oberflächlichkeit ist Lion aber ein rundum schöner Film geworden, der zu Herzen geht.

Lion – Der lange Weg nach Hause
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Lion – Der lange Weg nach Hause
Unglaublich aber wahr: „Lion“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der 25 Jahre nach seinem Verschwinden seine Familie wiederfindet. Das ist eine Menge fürs Herz, wird zudem durch die tollen Bilder und einen charismatischen Hauptdarsteller geadelt. Allerdings reicht die Zeit nicht, um allen Figuren und den angesprochenen Themen völlig gerecht zu werden.
7von 10

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