Kritik

Feel That Beat

„Feel that Beat“ // Deutschland-Start: 26. Juni 2020 (DVD/Blu-ray)

Anton (Rinal Mukhametov) feiert als Tänzer und Choreograph große Erfolge, demnächst wird er einen weiteren großen Schritt auf der Karriereleiter machen – so war zumindest der Plan. Doch es kommt anders, als er in einen furchtbaren Unfall verwickelt wird. Dabei kommt er zwar grundsätzlich mit dem Schrecken davon, die anschließende Operation ist gut gelaufen. Dafür muss er aber feststellen, dass er in Folge sein Gehör verloren hat und niemand genau weiß, ob er es jemals zurückgewinnen wird. Das bedeutet für ihn natürlich das berufliche Aus. Denn wie soll jemand zu Musik tanzen können, wenn er diese nicht hört? Da bietet sich ihm eine ganz andere Möglichkeit, wie er sein Talent einsetzen kann: als Kindertrainer …

Bei Tanzfilmen geht es oft um junge Menschen, die noch am Anfang ihres Lebens und ihrer Laufbahn stehen und mittels des Tanzes ihren Weg durch die Welt suchen. Ob es nun der Klassiker Billy Elliot – I Will Dance war oder zuletzt Into the Beat – Dein Herz tanzt: Das Tanzen war dort nie nur eine Freizeitbeschäftigung oder körperliche Ertüchtigung. Vielmehr wurde es für die Protagonisten und Protagonisten zu einem Akt der Selbsterfahrung und der Selbstbestimmung: Ich tanze, also bin ich, die Art des Tanzes ist Teil meiner Individualität. Was umgekehrt bedeutet, die anderen erst einmal davon überzeugen zu müssen, dass man den richtigen Tanzstil gefunden hat.

Ein geschickter Genrewechsel
Im Fall von Feel that Beat ist das ziemlich anders. Für Anton steht ja längst fest, wer er ist und wer er sein will. Dementsprechend wurde hier auch kein Jugendlicher für die Hauptrolle gecastet, sondern Rinal Mukhametov, der mit seinen 30 Jahren schon ziemlich am oberen Ende der Altersgrenze ist. Seine Besetzung ist aber aus einem anderen Grund eine Überraschung: Hierzulande bekannt wurde der Russe durch seine Rollen in den Science-Fiction-Filmen Attraction und Coma. Wie landet so jemand auf einmal bei einem Tanzfilm? Doch die anfängliche Skepsis und Verwunderung verflüchtigt sich schnell, als er dann mal loslegt und mit seinen Streetdance-Einlagen erstaunlich überzeugend ist.

Tatsächlich sind die Tanzszenen sogar das beste Argument, sich Feel that Beat anzuschauen. Nicht nur Mukhametov, auch die anderen aus dem Ensemble wirbeln wild umher, begleitet von fetten Beats, was in Kombination schon etwas leicht Hypnotisches hat. Das geht zwangsläufig mit gewissen Poser-Attitüden einher, die etwas anstrengend sein können. Wer sich an diesen aber nicht stört, bekommt schon was fürs Auge geboten, wenn die Männer und Frauen in akrobatischen Darbietungen versuchen sich gegenseitig zu übertreffen. An der einen oder anderen Stelle darf man insgeheim vielleicht sogar ein bisschen neidisch sein, was die da vorne auf dem Bildschirm alles mit ihren Körpern anstellen.

Ein Unfall als Existenzkrise
Inhaltlich ist Feel that Beat jedoch wie zu erwarten weniger leichtfüßig. Man muss Regisseur und Co-Autor Anar Abbasov sicher zugutehalten, dass er sich von dem Standardthema des Coming-of-Age-Tanzens wegbewegt. Hier geht es eben nicht darum, sich durch eine Kunst zu finden, sondern um die Frage: Was bleibt von einem Künstler als Mensch, wenn er seiner Kunst beraubt wird? Das ist eine überaus spannende Frage, die es sich lohnen würde weiter zu verfolgen. Leider bleiben Abbasov und sein Team an der Stelle jedoch ziemlich an der Oberfläche, wollen Anton letztendlich nicht dauerhaft in die existenzielle Krise stürzen, wie es möglich gewesen wäre.

Ganz überraschend ist das nicht, denn trotz seines 30-jährigen Hauptdarstellers: Hier soll ein tendenziell ein jüngeres Publikum angesprochen werden. Und diesem kann man, so die weit verbreitete Ansicht, nichts zumuten, das sie dauerhaft entmutigen könnte. Im Gegenteil: Man will ihm ja das Gefühl vermitteln, dass am Ende alles gut wird, egal wie finster es zwischendurch aussehen mag. Das ist sicher gut gemeint, im Fall von Feel that Beat aber schon ein wenig konstruiert, teilweise auch kitschig – und das obwohl die Romanze einen überraschend geringen Anteil hat. Die emotionale Tiefe, die ein derart existenzieller Einschnitt mit sich bringen kann, wird lediglich angedeutet. Wen das alles nicht stört oder vielleicht sogar genau das von einem Tanzfilm erwartet, der kann sich hiervon ein wenig beschwingen lassen und zusehen, wie attraktive Menschen durch die Gegend turnen. Ist auch schön.

Credits

OT: „Bitva“
Land: Russland
Jahr: 2019
Regie: Anar Abbasov
Drehbuch: Anar Abbasov, Oleg Denisov, Andrey Kureychik
Musik: Elman Ragimov, Aleksey Razumov
Besetzung: Rinal Mukhametov, Anna Isaeva, Ilya Antonenko, Artem Karpov

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Feel That Beat
In „Feel that Beat“ verliert ein aufstrebender Streetdance-Tänzer aufgrund eines Unfalls sein Gehör und muss nun schauen, wie er seinem Leben anderweitig Sinn geben kann. Das ist als Frage spannend. Allerdings macht es sich das russische Drama schon recht einfach und bleibt lieber an der Oberfläche. Die explosiven Tanzszenen machen die inhaltliche Enttäuschung aber zum Teil wieder wett.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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