Kritik

Billy Elliot I Will Dance

„Billy Elliot – I Will Dance“ // Deutschland-Start: 30. November 2000 (Kino) // 3. Dezember 2003 (DVD)

Bei den Elliots läuft es schon seit einer ganzen Weile nicht mehr gut. Die Familie leidet unter dem Tod der Mutter, sie leidet aber auch unter der aktuellen Arbeitssituation. Vater Jackie (Gary Lewis) und der ältere Sohn Tony (Jamie Draven) schuften beide in den Minen, die derzeit bestreikt werden. Das Geld ist knapp, die Stimmung aufgeheizt, immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Währenddessen versucht sich der jüngere Sohn Billy (Jamie Bell) aus Liebe zum Vater am Boxsport, zeigt jedoch so gar kein Talent. Als er dabei eines Tages zufällig in die Ballettklasse von Sandra Wilkinson (Julie Walters) stolpert, wird ihm klar: Er will Tänzer werden! Doch wie soll er das dem Rest seiner Familie begreiflich machen?

Wenn es um das Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau geht, dann bedeutet das nicht allein, dass Frauen in Zukunft unabhängig von Männern agieren dürfen. Es bedeutet auch mehr, als Leute nach ihrer Arbeit zu bezahlen, nicht nach dem Geschlecht. Gleichberechtigung beinhaltet in erster Instanz auch, vorgegebene Rollenbilder zu hinterfragen, die wir zum Teil seit Jahrhunderten mit uns herumschleppen und die wir nie wirklich losgeworden sind, weil das entsprechende Bewusstsein dafür fehlte. Warum sollten Frauen beispielsweise nicht dieselben Berufe ausüben dürfen wie Männer? Umgekehrt gilt das natürlich ebenfalls, dass Männern Wege offenstehen, die sonst Frauen vorbehalten sind.

Dürfen Männer Ballett tanzen?
Billy Elliot – I Will Dance zeigt einen solchen Fall von Diskriminierung, wenn ein Junge gegen den Willen seiner Arbeiterfamilie den Wunsch entwickelt, Balletttänzer zu werden. Das ist nur was für Mädchen, heißt es hier immer wieder. Oder eben für Schwule, die in diesem Milieu als Quasi-Mädchen gelten. Ganz klar: Wer ein Mann ist, ein echter Mann, der packt zu, der arbeitet in Minen, der geht zum Boxen. Der demonstriert Stärke. Die typischen Eigenschaften, die Männer nun einmal so vorweisen müssen und die nicht nur für Billy zu einem Gefängnis geworden sind. Denn auch sein Vater und sein älterer Bruder strecken in diesen Erwartungen fest, können deshalb erst einmal so gar nicht verstehen, geschweige denn akzeptieren, was da direkt vor ihren Augen geschieht.

Lee Hall, der das zugrundeliegende Theaterstück Dancer geschrieben und als Drehbuch adaptiert hat, bricht mit seiner Geschichte daher nicht allein eine Lanze für die Kunst des Balletts. Vielmehr ist das Drama, das 2000 in Cannes Premiere hatte, ein Plädoyer für mehr Toleranz in allen Lebensbereichen, eine Aufmunterung, sich selbst zu entdecken, losgelöst von Erwartungen und Zwängen, und auch eine Kampfansage an die festgefahrenen Rollenbilder. Das Ergebnis ist irgendwo zwischen Coming-of-Age und Familiendrama, verbunden mit einem Zeitporträt, wenn der Streik der Minenarbeiter 1984 und 1985 den Hintergrund bildet. Eine Zeit des gesellschaftlichen Aufruhrs geht hier also Hand in Hand mit einer individuellen Entwicklungsgeschichte.

Kunst als Triumph über den Alltag
Letztere hätte isoliert natürlich auch funktioniert. Sie würde auch heute, mit leichten Abänderungen, funktionieren. Und doch war die Entscheidung, beides miteinander zu kombinieren, durchaus geschickt. Regisseur Stephen Daldry (The Hours, Der Vorleser) gelingt es sehr gut, auf diese Weise das Zusammenprallen zweier Welten zu verdeutlichen. Auf der einen Seite die raue Arbeiterwelt, die um ihr Überleben kämpft. Auf der anderen der filigrane Tanz, der aus eben dieser Welt herausführt. Billy Elliot – I Will Dance verurteilt nicht den Hintergrund der Elliots, begegnet diesem mit Einfühlungsvermögen und Verständnis. Und doch ist das Tanzen hier eine Möglichkeit, eben diesen Sorgen und Zwängen zu entkommen, über sie zu triumphieren.

Das ist natürlich schon beschönigend und idealisiert, so als hätte man Ken Loach, den Meister des britischen Sozialdramas, gebeten, ein Märchen zu drehen. Auf Überraschungen wird zudem verzichtet, der Film folgt selbst zahlreichen Konventionen. Aber es funktioniert. Billy Elliot – I Will Dance ist ein Wohlfühlfilm, nach dem man glaubt, dass alles gut werden kann, wir alle gemeinsam die Welt verändern können. Das ist nicht zuletzt dem Ensemble zu verdanken. Julie Walters mimt hier unterhaltsam die etwas verbitterte Tanzlehrerin, deren Alltag durch den Jungen verzaubert wird. Jamie Bell, der anschließend dem Flucht des Kinderdarstellers entkommen konnte und zuletzt in so unterschiedlichen Filmen wie Donnybrook – Below the Belt und Rocketman mitspielte, zeigt hier eine fabelhafte Mischung aus Trotz und Traum, macht auch in den Tanzszenen eine sehr gute Figur. Auch zwanzig Jahre später kann man sich das gut anschauen und das Herz erwärmen lassen, wenn die Welt da draußen wieder kalt und feindlich daherkommt.

Credits

OT: „Billy Elliot“
Land: UK
Jahr: 2000
Regie: Stephen Daldry
Drehbuch: Lee Hall
Vorlage: Lee Hall
Musik: Stephen Warbeck
Kamera: Brian Tufano
Besetzung: Jamie Bell, Julie Walters, Gary Lewis, Jamie Draven, Jean Heywood, Stuart Wells

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2001 Beste Regie Stephen Daldry Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Lee Hall Nominierung
Beste Nebendarstellerin Julie Walters Nominierung
BAFTA Awards 2001 Bester Film Sieg
Beste Regie Stephen Daldry Nominierung
Bestes Original-Drehbuch Lee Hall Nominierung
Bester Hauptdarsteller Jamie Bell Sieg
Bester Nebendarsteller Gary Lewis Nominierung
Beste Nebendarstellerin Julie Walters Sieg
Beste Musik Nominierung
Beste Kamera Nominierung
Bester Schnitt Nominierung
Bester Ton Nominierung
Bestes britisches Debüt (Regie, Drehbuch, Produktion) Stephen Daldry Nominierung
Lee Hall Nominierung
Golden Globe Awards 2001 Bester Film – Drama Nominierung
Beste Nebendarstellerin Julie Walters Nominierung

Filmfeste

Cannes 2000
Toronto International Film Festival 2000

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Billy Elliot – I Will Dance
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Billy Elliot – I Will Dance
In „Billy Elliot – I Will Dance“ entwickelt ein Junge aus der Arbeiterschicht den Wunsch Balletttänzer zu werden – zum Entsetzen seiner Familie. Der Film räumt mit überholten Rollenbildern auf, ist ein Plädoyer für mehr Toleranz und freie Selbstentwicklung. Das ist am Ende zwar selbst konventionell gestrickt und ziemlich idealisiert, geht aber zu Herzen und ist dabei fantastisch besetzt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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