Kritik

Detention Fanxiao

„Detention“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Taiwan im Jahr 1962: Seit Jahren schon herrscht im Land das Kriegsrecht, die Opposition und Andersdenkende werden konsequent verfolgt. Das macht auch vor den Schulen nicht Halt, wo die Schüler und Schülerinnen dazu angehalten werden, mögliche Unruhestifter zu verraten. Für Fang Ray-Shin (Gingle Wang) sind derzeit jedoch andere Sachen wichtiger. Da wäre ihr Familienleben, das schon seit einer Weile in Trümmern liegt. Außerdem hat es ihr der Lehrer Chang Ming-Hui (Meng-Po Fu) angetan. Als der aber eines Tages spurlos verschwindet, sind sie und Wei Chong-Ting (Wei Chong-Ting) die einzigen, die sich noch an ihn erinnern können. Und so beschließen sie, sich gemeinsam auf die Suche zu begeben und die Wahrheit herauszufinden. Doch einfach ist das nicht, denn auch mit der Schule selbst scheint auf einmal einiges nicht mehr zu stimmen …

Wenn Videospiele als Film adaptiert werden, dann ist das Ergebnis oft zum Fürchten. Dann und wann hat man eventuell Glück und die Umsetzung ist so unglaublicher Trash, dass man damit wenigstens Spaß haben kann. Und sicher gibt es auch das eine oder andere solide Werk, etwa die Justizgroteske Ace Attorney – Phoenix Wright oder der Live-Action-Animationsmix Pokémon Meisterdetektiv Pikachu. Ansonsten aber macht man meistens besser von sich aus einen größeren Bogen um einen Film, wenn man von diesem weiß, dass ihm ein Spiel zugrunde liegt. Denn der interaktiven Komponente beraubt, bleibt oft nur noch eine Geschichte, die nie dafür gedacht war, dass man sie so ganz ohne rettende Begleitumstände erzählt.

Rätsel voller Blut
Auch Detention nahm ein Spiel zum Anlass, genauer das gleichnamige Survival-Horror-Adventure aus dem Jahr 2017 über einen Schüler und eine Schülerin, die sich ihren Weg durch eine verfluchte Schule bahnen müssen. Das wird den einen oder anderen vielleicht an Corpse Party erinnern, eine weitere Spieleadaption rund um eine Schule, die vollgestopft ist mit düsteren Geheimnissen und überrannt von Monstern. Bei beiden Filmen wird auch mit verschiedenen Perspektiven gearbeitet, die einzelnen grausigen Ereignisse fügen sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Unerklärliche Momentaufnahmen ergeben so erst zu einem späteren Zeitpunkt Sinn, wenn wir mehr über die Hintergründe erfahren.

Anders als der besagte Kollege, der mehr auf blanken Horror setzte, beispielsweise durch explizite Gewalt, da ist Detention deutlich surrealer angelegt. Zwar laufen auch hier Monster durch die Gegend, alptraumhafte Varianten der allgegenwärtigen Ordnungshüter. Der taiwanische Film ist jedoch eher verstörend als nervenaufreibend, auch weil einem die Möglichkeiten der Orientierung genommen werden – räumlich wie zeitlich. Während die beiden durch eine sich ständig verändernde Schule irren, werden sie von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht, von Erinnerungen und Träumen. Diese psychologisch bestimmte Verzerrung, bei der nicht immer klar ist, was real, was eingebildet ist, provoziert natürlich Vergleiche zu Silent Hill. Ein Vergleich, den Regisseur und Co-Autor John Hsu bei seinem Langfilmdebüt nicht scheuen muss.

Ein verdrängtes Setting
Was Detention von der besagten oder auch ähnlich gelagerten Konkurrenz unterscheidet, ist das recht unverbrauchte Setting. Der Film spielt während der langen Phase, in der in Taiwan das Kriegsrecht ausgerufen und die Bevölkerung systematisch unterdrückt wurde. Genauer versteht sich das Spiel und damit die Adaption als eine Erinnerung an eine Zeit, an die niemand zurückdenken möchte. Als Plädoyer auch, diese Erinnerungen zu bewahren. Das ist nicht allzu subtil, gerade zum Ende hin neigt Hsu dazu, alles ein bisschen zu deutlich auszuformulieren. Da hätte man dem Publikum durchaus noch etwas geistige Eigenleistung zugestehen dürfen. Die erwünschte Wirkung verfehlt es jedoch nicht, wenn das Persönliche mit dem Allgemeinen verbunden wird, die Unschuld mit dem Schrecken. Ein bisschen wie Pans Labyrinth, wenn auch weniger magisch.

Von den Figuren selbst sollte man nicht wirklich viel erwarten, wie in dem Genre oder auch Videospielen üblich wird da nur mit dem Nötigsten gearbeitet. Sie sind zudem seltsam passiv: Die meiste Zeit über laufen sie nur durch die Gegend, meist auf der Flucht vor jemand oder etwas, werden zu Erkenntnissen getrieben, anstatt selbst etwas dazu beizutragen. Dafür ist die Mischung interessant: Geschichtsstunde trifft auf persönliche Tragödie und klassischen Horror, verbunden in einem Labyrinth aus Ebenen und Geheimgängen. Und auch die audiovisuelle Umsetzung mit einer mal etwas aufdringlichen, oft treibenden Hintergrundmusik trägt dazu bei, dass Detention ein echter Geheimtipp ist, der nicht nur besser ist als die meisten Spiele-Adaptionen, sondern auch losgelöst davon ein sehenswerter Genrevertreter.

Credits

OT: „Fan Xiao“
Land: Taiwan
Jahr: 2019
Regie: John Hsu
Drehbuch: John Hsu, Fu Kai-ling, Shih-Keng Chien, Kai-Ling Fu
Musik: Luming Lu
Kamera: Yi-Hsien Chou
Besetzung: Gingle Wang, Meng-Po Fu, Wei Chong-Ting, Cecilia Choi

Trailer

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Detention
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Detention
In „Detention“ machen sich eine Schülerin und ein Schüler auf die Suche nach ihrem verschwundenen Lehrer, während sich die Schule langsam in eine alptraumhafte Version verwandelt. Die Spiele-Adaption ist aufgrund des historischen Taiwan-Settings, der surrealen Anmutung und der labyrinthartigen Geschichte sehenswert, selbst wenn manches hier nicht gerade subtil umgesetzt wurde.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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