Kritik

Quartett

„Quartett“ // Deutschland-Start: 24. Januar 2013 (Kino) // 13. November 2015 (DVD/Blu-ray)

Auch wenn ihre Zeit als professionelle Opern-Sänger nun schon eine Weile zurückliegt, ihre Liebe zur Musik haben Cissy (Pauline Collins), Reginald (Tom Courtenay) und Wilfred (Billy Connolly) nie verloren – so wie die anderen Bewohner und Bewohnerinnen im Beecham House, einem Seniorenhaus für frühere Musiker. Es fehlt ihnen dort an nichts, man ist schließlich unter seinesgleichen. An einer Sache fehlt es aber schon: Geld. Genauer hat das Heim mit finanziellen Sorgen zu kämpfen, die das Ende der Institution bedeuten könnten. Umso größer sind die Hoffnung, bei einer Gala genügend Mittel für den weiteren Betrieb zu erhalten. Doch dann kommt alles durcheinander, als auch Jean (Maggie Smith) ins Heim kommt, die früher selbst ein Opern-Star war. Denn Jean war früher mit Reginald, bis die Ehe auf hässliche Weise zu Ende ging …

Das Alter kann so schön sein
Man ist doch nie zu alt, um noch etwas auf die Beine zu stellen! In den letzten Jahren hat es eine ganze Reihe von Filmen gegeben, in denen – entgegen dem Jugendwahn Hollywoods – es die Senioren und Seniorinnen dieser Welt sind, die etwas zu sagen haben. Und zu tun natürlich auch. Ob sie in Book Club noch einmal die Liebe entdecken oder in Tanz ins Leben das Tanzbein schwingen, hier heißt es, bis ins hohe Alter noch aktiv zu sein. Im Fall von Quartett trifft das gleich doppelt zu. Nicht allein, dass nahezu alle relevanten Figuren jenseits der 70 sind, sich dabei jedoch ein gehöriges Maß Leidenschaft bewahrt haben. Regie führte zudem Dustin Hoffman, der nach einer großen Schauspielerkarriere inklusive diverser Filmpreise hier das erste Mal die Seiten wechselte – mit rund 75 Jahren.

Dabei verzichtete er – anders als viele Schauspieler, die Regie führen – darauf, dabei selbst vor die Kamera zu treten. Stattdessen überlässt er das Feld einer Reihe britischer Größen, die nicht nur musikalisch wunderbar harmonieren. Die pointierteste Stellung nimmt dabei wie so oft Maggie Smith (The Lady in the Van) ein, kaum jemand schafft es wie sie, vornehme Eleganz mit Biss zu verbinden. Im Gegensatz zu anderen Filmen der letzten Jahre, in denen die distinguierte Lady des britischen Kinos eine Giftspritze verkörperte, verleiht sie dieser Figur jedoch etwas Zerbrechliches. Sie weiß, dass ihre besten Tage hinter ihr liegen, weshalb sie auch zurückhaltend auf den Vorschlag eines Konzerts reagiert. Die Leute sollen sie schließlich so in Erinnerung behalten, wie sie einmal war.

Die Schattenseiten der späten Jahre
So wie sie sind auch andere Figuren mit Schwächeln und Makeln behaftet, mit Unsicherheiten und Gebrechen. Wenn in Quartett auch Themen wie Demenz oder Schlaganfälle ihren Weg in die Geschichte finden, dann hebt sich das doch sehr von anderen Best-Agers-Filmen ab, die tunlichst nur die Sonnenseiten des Lebens zeigen möchten. Schließlich soll dort das Publikum beschwingt und motiviert den Kinosaal verlassen, um danach will auch selbst noch einmal etwas auszuprobieren. Bei den vier in die Jahre gekommenen Opern-Größen ist das ein wenig anders. Hier ist der Blick oft nach hinten gerichtet, auf das, was einmal war, auf das, was heute noch geblieben ist. Da mischt sich zuweilen eine gewisse Wehmut hinein, eine Nachdenklichkeit auch, im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit.

Richtige harte Brocken gibt einem Hoffman aber nicht zu schlucken. Dafür ist die Adaption eines Theaterstückes von Ronald Harwood, der hier auch das Drehbuch schrieb, zu versöhnlich, zu freundlich. Es ist zudem nicht so nah an der Realität, dass man sich an den eigenen Alltag erinnert fühlt. Ein Luxusheim, in dem ausschließlich Musiker und Sänger untergebracht werden, das ist nicht ganz so allgemeingültig. Dafür ist es wahnsinnig charmant und warmherzig: Man sieht dem Quartett gerne dabei zu, wie es sich an früher erinnert, wie es sich streitet, aber auch, wie stark der Zusammenhalt und die Gefühle sind, unabhängig davon, was die Zeit mit ihren Körpern und Stimmen angestellt haben mag.

Credits

OT: „Quartet“
Land: UK
Jahr: 2012
Regie: Dustin Hoffman
Drehbuch: Ronald Harwood
Vorlage: Ronald Harwood
Musik: Dario Marianelli
Kamera: John de Borman
Besetzung: Maggie Smith, Tom Courtenay, Billy Connolly, Pauline Collins, Michael Gambon

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Golden Globe Awards 2013 Beste Hauptdarstellerin – Musical oder Komödie Maggie Smith Nominierung

Filmfeste

Toronto International Film Festival 2012

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Quartett
In „Quartett“ treffen wir vier ehemalige Opern-Größen, die für eine gemeinsame Gala noch einmal auftreten wollen. Um Musik geht es in dem Film dabei gar nicht so sehr, sondern um vier Menschen, ihre Träume und den Kampf gegen das unbarmherzige Alter. Das Regie-Debüt von Dustin Hoffman ist dabei unglaublich charmant, auch wenn es zwischen Realismus und Eskapismus hin und her schwankt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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