(„The Lady in the Van“ directed by Nicholas Hytner, 2015)

The Lady in the Van

„The Lady in the Van“ läuft ab 14. April im Kino

Es wäre ja nur für eine Weile, so dachte sich der Theaterautor Alan Bennett (Alex Jennings), als er der obdachlosen Miss Shepherd (Maggie Smith) anbietet, mit ihrem kaputten Van in seiner Einfahrt zu bleiben. Nur bis sie was Neues findet. So richtig eilig hat es die heruntergekommene, exzentrische alte Dame jedoch nicht, aus einer Weile werden Monate, aus Monate Jahre. Eine einfache Wohngemeinschaft ist es nicht, schließlich treibt Miss Shepherd mit ihren Ansichten und ihrem Hang zum Müll so ziemlich jeden in den Wahnsinn. Gleichzeitig fühlt sich Bennett dieser mysteriösen Frau aber auch verbunden, über die keiner wirklich etwas zu wissen scheint.

Wer Maggie Smith in The Lady in the Van gesehen hat, der könnte meinen, der Film sei nur für sie geschrieben worden, eine solch diebische Freude bereitet es, wenn die zweifache Oscarpreisträgerin als müffelnde Außenseiterin jeden anfährt, der es wagt ihr zu nahe zu kommen. Physisch wie akustisch: Da werden schon einmal Kinder angebrüllt, die es wagen, auf offener Straße mit ihren Flöten zu üben. Nein, Miss Shepherd ist keine Person, die man unbedingt in seiner unmittelbaren Umgebung haben möchte. Aus der sicheren Distanz des Kinosessels heraus jedoch, da ist das Vergnügen groß. Trotz der großen Dominanz von Smith, an der auch die diversen bekannten Nebendarsteller nicht kratzen können, die Geschichte gab es schon vorher, basiert auf einem Theaterstück des realen Bennetts, welches wiederum eigene Erfahrungen mit einer skurrilen Hausbesetzerin verarbeitete. Zweimal schon hatte die renommierte Darstellerin die Rolle der Miss Shepherd verkörpert, The Lady in the Van markiert also so etwas wie ein Heimspiel für sie.

Die enge Verknüpfung von persönlicher Realität und Kunst findet sich dabei nicht nur in der Vorgeschichte des Films wieder, sondern auch innerhalb. Schließlich ist Bennett nicht einfach ein stiller Beobachter, sondern kommentiert ständig das Geschehen. Zweifach. Auf der einen Seite ist der Bennett, der sich mit der realen Situation auseinandersetzen muss, auf der anderen der Schriftsteller, der die Situation künstlerisch verarbeitet. Oft kommt es dabei zu amüsanten Selbstgesprächen bzw. Dialogen zwischen den beiden Personas, da sie sich fast nie einig sind, was zu tun ist. The Lady in the Van ist daher nicht nur die Geschichte einer grantigen alten Frau, sondern auch die eines Schriftstellers, der sich und seinen Platz im Leben noch sucht.

Dieser spielerische Umgang mit dem Stoff und das Ineinandergreifen mehrerer (Meta-)Ebenen zieht sich bis zum Schluss konsequent durch, endet in einem absurd-schrulligen Finale, welches den perfekten Abschlusston für das etwas andere Biopic findet. Natürlich darf es zwischendrin auch etwas ernster werden, manchmal sogar relativ finster: Die Nebenhandlung um einen unbekannten Mann, der die betagte Miss Shepherd zu erpressen versucht, wurde mit Jim Broadbent zwar gut besetzt, wirkt in dem Rahmen aber immer irgendwie unpassend. Ansonsten aber ist The Lady in the Van ein sehr runder Film, der sich von anderen grimmige-alte-Menschen-Streifen wie St. Vincent durch sein Fehlen von Kitsch oder großen Tragödien auszeichnet. Es gibt nicht einmal eine tatsächliche Moral oder einen Appell an den Gutmenschen in uns, dafür bleibt Miss Shepherd trotz trauriger Aspekte in ihrem Leben dann doch zu sehr das überzeugte Ekel. Aber nicht jeder Film muss etwas verändern wollen, The Lady in the Van ist eine wunderbare kleine Tragikomödie voll trockenem englischen Humor und einer grandiosen Maggie Smith, die hierfür bereits zum 12. Mal für einen Golden Globe nominiert war.

The Lady in the Van
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The Lady in the Van
Die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks überzeugt durch eine grandios grantige Maggie Smith und interessante Spielereien zur Beziehung Realität und Kunst. Da spielt es auch schon keine Rolle, dass „The Lady in the Van“ viel englischen Humor vorweisen kann, aber nicht wirklich etwas zu sagen hat.
8von 10

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