Kritik

Stargirl Anders ist völlig normal Disney+

„Stargirl: Anders ist völlig normal“ // Deutschland-Start: 24. März 2020 (Disney+)

Nach dem Tod seines Vaters hat es Leo Borlock (Graham Verchere) gelernt, ein Niemand zu sein, der nirgends aneckt oder irgendwie auffällt. Denn auf diese Weise, so seine Überzeugung, kommt er besser durchs Leben. Doch eben dieses Weltbild wird auf den Kopf gestellt, als er Stargirl (Grace VanderWaal) begegnet, das ungewöhnlichste Mädchen, das er je gesehen hat. Sie will allen helfen, trägt eigenwillige Kleidung und hat eine wunderbare Stimme. Während sie an der Schule immer populärer wird, kommen sich die beiden Jugendlicher näher und entwickeln Gefühle füreinander – was bald aber zu ganz neuen Problemen führt …

Was lange wird, wird endlich gut? Leider trifft dieses Sprichwort nicht auf alles zu, und schon gar nicht auf Stargirl: Anders ist völlig normal. Geplant war die Adaption von Jerry Spinellis gleichnamigen, 2000 veröffentlichten Roman schon länger. Am Ende entschied sich Disney, den Film für den neuen hauseigenen Streamingdienst Disney+ aufzuheben, damit das Publikum neben den bekannten Klassikern auch etwas Neues bekommt. Sofern man in diesem Fall von etwas Neuem sprechen mag. Denn selbst wer die ohnehin nicht ganz originalgetreu übernommene Vorlage nicht kennt, dürfte hierbei nicht wirklich etwas sehen oder lernen, was er zuvor nicht schon wusste.

Zwischen Anpassung und Selbstentfaltung
Dabei hat Stargirl: Anders ist völlig normal das Herz durchaus am rechten Fleck und spricht ein Thema an, das so zeitlos wie aktuell ist. Wie soll man als Individuum in einer Gesellschaft bestehen, in der es strikte Erwartungen gibt, wie und wer du zu sein hast? Da kann noch so viel von freier Persönlichkeitsentfaltung geträumt werden, Konformität wird trotz allem von jedem eingefordert. Wer nicht rein passt oder anders ist, der wird gerne mal von der Mehrheit ausgeschlossen. Der Film zeigt das anhand der beiden Jugendlichen: Leo, der nach hässlichen Erfahrungen so sein will wie alle anderen auch, Stargirl, die schon durch den Namen ausdrückt, dass sie von einem anderen Stern kommt, im übertragenen Sinne.

Das passt eigentlich nicht wirklich zusammen, weshalb es da doch zu deutlichen Konflikten kommen muss – sollte man meinen. Tatsächlich sind die Ausführungen zu Individualismus und Konformität aber nur vorgeschoben. Es gibt weder zwischen den beiden noch mit dem Rest der Schule nennenswerte Reibungen. Im Gegenteil, Stargirl wird so schnell zum Phänomen erklärt, dass der anfängliche Gedanke ad absurdum geführt wird. Wenn Leo später seiner Freundin ans Herz legt, sie möge doch bitte so sein wie alle anderen auch, kommt das schon ziemlich aus dem Nichts, wurde überaus ungelenk mit der Brechstange in die Geschichte hineingeprügelt.

Ich will was sagen!
Leider baut Stargirl: Anders ist völlig normal insgesamt sehr stark im letzten Drittel ab, also genau zu dem Zeitpunkt, als der Film versucht, etwas Relevantes zu sagen. Die Aussage ist natürlich wichtig, die Schlussfolgerung sympathisch: Ein Plädoyer für mehr Toleranz und Vielfalt, zusammen mit der Aufforderung zu unbesorgter Selbstentfaltung, das kann es selbst heute noch nicht genug geben. Vor allem in einer Phase, in der populistische und reaktionäre Kräfte lautstark die Meinungshoheit für sich zurückfordern. Doch nicht immer heiligt der Zweck die Mittel, der Weg ist in einer solchen Geschichte genauso wichtig wie das Ende. Und leider macht Regisseurin Julia Hart, die auch am Drehbuch mitarbeitete, viel zu wenig, um die Entwicklungen zu rechtfertigen.

Am besten ist da noch der Einstieg, wenn mit Witz und Einfühlungsvermögen die Vorgeschichte von Leo erzählt wird. Sind er und Stargirl erst einmal zusammen, gibt es auch noch ein paar süße Szenen. Vor allem gibt es viel Musik: Die Geschichte ist oftmals nur ein Vorwand, damit die in den USA durchaus angesagte Jungsängerin Grace VanderWaal ihr Talent vorführen darf. Als Schauspielerin ist sie jedoch sehr viel weniger reizvoll, ihre Darbietung besteht nur darin, etwas geistesabwesend in die Gegend zu starren und Hippie-Kleidung zu tragen. Und das ist auf Dauer dann doch zu wenig. Gerade zum Finale, wenn das Drama richtig schön emotional werden will, kommt zu wenig dabei raus. Schade um das vergeudete Thema.

Credits

OT: „Stargirl“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Julia Hart
Drehbuch: Kristin Hahn, Julia Hart, Jordan Horowitz
Vorlage: Jerry Spinelli
Musik: Rob Simonsen
Kamera: Bryce Fortner
Besetzung: Grace VanderWaal, Graham Verchere, Giancarlo Esposito, Karan Brar, Darby Stanchfield

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Stargirl: Anders ist völlig normal
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Stargirl: Anders ist völlig normal
„Stargirl: Anders ist völlig normal“ will ein Plädoyer dafür sein, man selbst sein zu dürfen und andere Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Als Idee ist das schön und wichtig, in der konkreten Ausführung jedoch unbefriedigend. Erst gibt es keine Konflikte, dann nur erzwungene, die Bestseller-Verfilmung will tiefgründig sein und bleibt doch nur an der Oberfläche.
4von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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