Kritik

Das Mädchen Wadjda

„Das Mädchen Wadjda“ // Deutschland-Start: 5. September 2013 (Kino) // 20. März 2014 (DVD/Blu-ray)

Wadjda (Waad Mohammed) hat einen großen Traum: Sie will das grüne Fahrrad, das sie im Schaufenster gesehen hat! Doch das ist alles nicht so einfach. Zum einen ist sie ein Mädchen. Und Mädchen fahren in Saudi-Arabien kein Fahrrad. Außerdem fehlt der 10-Jährigen das nötige Geld, um es zu kaufen. Als ihre Versuche scheitern, mithilfe etwas ungewöhnlicher Mittel an die nötige Summe zu kommen, sie sogar fast von der Schule geworfen wird, bleibt ihr nur eine Möglichkeit: Sie nimmt an einem Koran-Rezitationswettbewerb teil, bei dem man viel Geld gewinnen kann. Die Schuldirektorin Frau Hussa (Ahd Kamel) ist überaus skeptisch, hat sie Wadjda ohnehin aufgrund ihrer unangepassten Art auf dem Kieker. Doch wider Erwarten schlägt sich die im Unterricht tatsächlich gut …

Die Nachricht dürfte für viele in westlichen Ländern kurios gewesen sein: Frauen dürfen jetzt Auto fahren! Was bei uns eine Selbstverständlichkeit ist, war bis 2018 aber in Saudi-Arabien tatsächlich verboten. Auch andere Punkte haben sich geändert, ein paar symbolische Rechte haben die Frauen in der Monarchie erhalten. Viele sind es jedoch nicht. Umso bemerkenswerter ist, dass der erste Film, der komplett in Saudi-Arabien gedreht wurde, tatsächlich von einer Frau stammte. Genauer war es Haifaa Al Mansour, die das Wagnis auf sich nahm, heimlich einen Film zu drehen, in einem Land, in dem selbst das nicht gern gesehen wurde – unabhängig vom Geschlecht.

Eine spaßige Referenz
Das Risiko zahlte sich für Al Mansour aber aus: Das Mädchen Wadjda lief auf mehreren Festivals, darunter dem in Venedig, gewann eine Reihe von Preisen. Vor allem half der Pionier-Status der Filmemacherin, auch im Ausland wahrgenommen zu werden und so einige internationale Projekte umsetzen zu dürfen. Zuletzt hat sie zwar wieder in ihrer alten Heimat gedreht und zeigt in Die perfekte Kandidatin, wie sehr das Land trotz leichter Öffnungstendenzen an alten Bildern festhält. Doch ihr Spielfilmdebüt wird wohl dauerhaft ihr eigenes Referenzmaterial sein – aus gutem Grund. Das Drama um ein rebellisches Mädchen ist nicht nur der wichtigste Film ihrer bisherigen Karriere, sondern auch der beste.

Anstatt aus dem Stoff ein tränenreiches Betroffenheitsdrama zu machen, das an der eigenen Schwere zugrundegeht, ist der Ton hier überraschend heiter. Wenn Wadjda durch das Leben geht und nicht versteht, warum sie diesen ganzen willkürlichen Regeln folgen soll – sie darf nicht einmal Turnschuhe tragen –, dann geht es dem Publikum ganz ähnlich. Al Mansour macht dieses zu Komplizen, zu Spielgefährten, die gemeinsam mit der jungen Protagonistin durch die Gegend stolpern, auf der Suche nach Spaß und Sinn, nach ein bisschen Selbstentfaltung auch: Das Mädchen Wadjda ist die Geschichte eines Menschen, der jemand sein möchte, obwohl er das gar nicht darf.

Gemeinsam ans Ziel
Es bereitet dann auch diebische Freude, wie sie es dennoch versucht. Wie sie sich Strategien zurechtlegt, kleine Kniffe ausdenkt, um doch noch an ihr Ziel zu kommen – mal heimlich, mal öffentlich. Das kann auch durchaus mal ein bisschen komischer werden, ohne aus dem Film dadurch gleich eine Komödie zu machen. Der Film macht sich weder über seine Titelheldin noch die anderen Figuren lustig. Bemerkenswert ist auch, wie unwichtig Männer in dem Film sind. Eine Nebenhandlung dreht sich zwar um den Vater von Wadjda, der eine neue Frau will, die ihm dann hoffentlich endlich mal einen Sohn schenkt. Aber das ist mehr Teil des Hintergrunds.

Wer will, kann das alles einen Frauenfilm nennen: Das Mädchen Wadjda stammt von einer Frau, handelt von Frauen und den Rechten von Frauen. Aber der Film ist gleichzeitig mehr als das. Al Mansour ist ein warmherziges Werk gelungen, das technische Finesse und Erfahrung durch Herz und Charme ersetzt. Vor allem mit der Besetzung von Wadjda ist der Regisseurin ein echter Glücksgriff gelungen: Die Schauspielnovizin Waad Mohammed füllt ihre Rolle mit so viel aufmüpfiger Lebendigkeit, dass sie sich nicht vor den westlichen Kolleginnen aus Kinderfilmen verstecken muss.

Credits

OT: „Wadjda“
Land: Saudi-Arabien, Deutschland
Jahr: 2012
Regie: Haifaa Al Mansour
Drehbuch: Haifaa Al Mansour
Musik: Max Richter
Kamera: Lutz Reitemeier
Besetzung: Waad Mohammed, Reem Abdullah, Abdullrahman Al Gohani, Ahd Kamel, Sultan Al Assaf

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
BAFTA Awards 2014 Bester fremdsprachiger Film Nominierung

Filmfeste

Venedig 2012
Telluride Film Festival 2012
International Film Festival Rotterdam 2013
Fünf Seen Filmfestival 2013
Fünf Seen Filmfestival 2020

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Das Mädchen Wadjda
„Das Mädchen Wadjda“ wurde als erster rein in Saudi-Arabien gedrehter Film berühmt. Aber auch ohne diese historische Komponente ist die Geschichte um ein Mädchen, das auf trickreiche Weise an ihr Fahrrad kommen will, sehenswert. Das heitere Drama begeistert durch die junge Schauspielerin und Natürlichkeit, Witz und Charme.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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