Kritik

Euforia

„Euforia“ // Deutschland-Start: 20. Februar 2020 (Kino)

Unterschiedlicher könnten die beiden Brüder kaum sein. Matteo (Riccardo Scamarcio) ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, genießt das Nachtleben Roms, geht mit allen möglichen Männern ins Bett, ohne sich an einen binden zu wollen. Sein älterer Bruder Ettore (Valerio Mastandrea) führt hingegen mit seiner Familie ein zurückgezogenes, einfaches Leben als Lehrer, ist nie wirklich aus seinem Heimatdorf weggekommen. Ein sonderlich enges Verhältnis haben die beiden daher nicht, man sieht sich auch eher selten. Das ändert sich jedoch, als Matteo erfährt, dass Ettore schwer krank geworden ist, und er beschließt, ihn zu sich nach Rom zu holen …

Ein beliebtes Rezept in Filmen: Man nehme zwei entfremdete Familienmitglieder, zwingt sie durch einen äußeren Umstand dazu, viel Zeit miteinander zu verbringen, und lässt sie sich dabei nach und nach wieder annähern. Das passiert gerne im Rahmen von Reisen, Roadmovies handeln oft fast ausschließlich von den Beziehungen der Reisenden – siehe zuletzt etwa in Seventeen oder Back To Maracanã. Eine andere Möglichkeit ist es, durch Hochzeiten oder Todesfälle die Familien zu zwingen, sich wieder miteinander auseinanderzusetzen. Gesellschaftliche Anlässe, vor denen man sich nicht drücken kann, auch wenn man das gerne möchte.

Ich will das nicht wissen …
Das ist in Euforia ganz ähnlich, auch wenn dort kein vergangener Tod im Mittelpunkt steht, sondern einer, der unmittelbar bevorsteht. Dass Ettore nicht mehr viel Zeit bleibt, das erfährt das Publikum frühzeitig, ebenso Matteo. Ob sich der Betroffene der Schwere seiner Erkrankung bewusst ist, das bleibt hier ein wenig offen, auch weil sein Umfeld unter allen Umständen die Auseinandersetzung vermeidet. Das mag aus Rücksicht zu ihm geschehen, aus der gut gemeinten Absicht, ihm Leid zu ersparen. Genauso ist es aber möglich, dass Matteo auch hier dem Konkreten einfach nur aus dem Weg gehen möchte. Wenn keiner über den Tod spricht, dann wird er schon nicht eintreten.

Matteo ähnelt nicht nur an diesen Stellen einem Kind, das durch Leugnen die Realität zu ändern versucht. Auch sonst ist der Mann, der so viel im Leben erreicht hat, auf eine kindlich-naive Weise weltfremd. Ettore hat zwar nichts von der Unbekümmertheit seines jungen Bruders, der in allem einen großen Spaß sieht oder sehen will. Aber auch er wirkt seltsam fremd und abwesend, was nicht zuletzt mit dem großen Kontrast zusammenhängen dürfte. Nicht nur dass Regisseurin und Co-Autorin Valeria Golino zwei sehr konträre Brüder zeigt, sie steckt beide auch noch in Situationen, mit denen sie keine Erfahrungen haben und entsprechend unbeholfen wirken.

Zwischen Herz und Ärger
Das ist teilweise schon sehr konstruiert und verlässt sich auf zahlreiche Klischees. Matteo beispielsweise wird auf das Bild eines schwulen Hedonisten reduziert, der schicke Anzüge trägt, an jeder Ecke ein bisschen Koks hat, so für alle Fälle. Was er hingegen beruflich macht, das wird nie ganz klar. Euforia lässt bei den Figuren sehr viele Leerstellen übrig, die man nur mit Fantasie füllen kann. Das kann manchmal spannend sein, ist oft aber auch ein bisschen nachlässig, an manchen Stellen sogar ärgerlich. Das Drama, welches 2018 in Cannes Premiere hatte, steht sich hier schon selbst im Weg und macht sich unnötig angreifbar, indem der Rahmen halbherzig zusammengebaut wurde.

Innerhalb dieses Rahmens gibt es dafür eine Reihe schöner Szenen. Die Annäherung entfremdeter Familienmitglieder oder auch Freunde geht immer irgendwie zu Herzen, vermutlich weil jeder irgendwo jemanden hat, den er verloren hat und gerne wiedersehen würde. Immer wieder kommt es in der episodenhaft aufgezogenen Geschichte zu einem Spiel zwischen Nähe und Distanz, aus Anteilnahme und Unverständnis. Sie kennen sich und tun es gleichzeitig nicht, können dieses zarte Band, das zwischen ihnen existiert, auch viele Jahre danach, instinktiv noch spüren. Es ist die Tragik des Films, und des Lebens oft, dass sie es erst so spät merken. Euforia ist damit gleichzeitig eine Art Liebeserklärung an die Familie und die Beziehungen, die wir haben und die wir zu oft vergessen, bis es (fast) zu spät ist.

Credits

OT: „Euforia“
Land: Italien
Jahr: 2018
Regie: Valeria Golino
Drehbuch: Valeria Golino, Francesca Marciano, Valia Santella
Musik: Nicola Tescari
Kamera: Gergely Pohárnok
Besetzung: Riccardo Scamarcio, Valerio Mastandrea, Isabella Ferrari, Valentina Cervi, Jasmine Trinca

Bilder

Trailer



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Euforia
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Euforia
„Euforia“ handelt von zwei komplett unterschiedlichen Brüdern, die anlässlich einer schweren Erkrankung wieder zusammenkommen. Das ist teilweise schon arg konstruiert und mit Klischees angereichert, hat aber auch schöne Momente, wenn zwei Menschen ihre Verbindung langsam entdecken, die sie zuvor selbst vergessen haben.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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