Hustlers

„Hustlers“ // Deutschland-Start: 28. November 2019 (Kino)

Tag für Tag zieht sich Destiny (Constance Wu) vor einer Horde grölender Männer aus, lässt sich Erniedrigungen gefallen, nur um sich damit irgendwie über Wasser zu halten. Leicht ist das nicht. Obwohl die Kunden ihres Stripclubs reiche Wall-Street-Banker sind, bleibt für sie selbst kaum etwas übrig. Ein bisschen ändert sich das Blatt, als sie Ramona (Jennifer Lopez) kennenlernt, eine erfahrene und erfolgreiche Kollegin, die sie unter ihre Fittiche nimmt. Doch mit der Finanzkrise ist alles aus, es gibt einfach kein Publikum mehr. Davon lassen sich die beiden aber nicht den Mut nehmen. Stattdessen hecken sie einen Plan aus, wie sie die reichen Geschäftsmänner selbst ein wenig schröpfen können …

Hustlers ist einer dieser Filme, die quasi aus dem Nichts kommen. Nicht nur, dass das Kritikerlob hoch ist, manch einer gar von einer Oscar-Nominierung für Jennifer Lopez träumt. Der Film wurde sogar zu einem richtigen Kassenschlager, spielte bislang 150 Millionen Dollar ein, bei einem überschaubaren Budget von gerade mal 20 Millionen Dollar. Verständlich ist der Erfolg aber allemal. In einer Zeit, in der Wall-Street-Banker für viele das personifizierte Böse sind, ist es doch irgendwie schön zu sehen, wie sie über den Tisch gezogen werden. Dass dies auch noch einer Gruppe von Frauen gelingt, angeführt von einer Latina und einer Asiatin, bringt zudem noch die Komponente mit ins Spiel, wie sich Unterdrückte gegen ihre Unterdrücker zur Wehr setzen.

Die unglaubliche Wahrheit
Das ist eine Geschichte, wie man sie besser nicht erfinden könnte, um eine größere Minderheit anzusprechen, die schon Werke wie Girls Trip oder Crazy Rich zu beachtlichen Kassenerfolgen machte. Im Fall von Hustlers kommt hinzu: Die Geschichte ist sogar wahr, zumindest im Grundsatz. Die Vorlage bildete hier ein Artikel aus dem Jahr 2015, in dem Jessica Pressler von einer Gruppe von Stripperinnen erzählte, die ihre Kunden ausnahmen. Auch im Film steht im Mittelpunkt ein Artikel. Genauer ist es ein Interview, welches Dorothy aka Destiny der Journalistin Elizabeth (Julia Stiles) gibt und das als Rahmenhandlung für den Film dient.

Anstatt die Geschichte „neutral“ wiederzugeben, sehen wir sie daher durch die Augen Dorothys. Das ist nicht ganz unwichtig, da durch die Perspektive Ramona bis zuletzt immer ein wenig undurchschaubar bleibt. Je mehr Kleidung sie ablegt, umso weniger bekommen wir von ihr zu sehen. Wir wissen nur das, was Destiny von ihr weiß oder zu wissen glaubt. Regisseurin und Drehbuchautorin Lorene Scafaria (Mit besten Absichten) nutzt dies jedoch weniger, um große Twists à la Die üblichen Verdächtigen einzubauen. Vielmehr geht es darum, einen sehr persönlichen Blick auf einen Vorfall zu werfen und dadurch stärker mit der Hauptfigur mitfühlen zu können, die immer etwas im Schatten ihrer extravaganten, extrovertierten Kollegin, Freundin und Rivalin steht.

Gemeinsam (?) gegen die Ungerechtigkeit
Hustlers ist deshalb zwei Filme im einen. Das Krimidrama, das auf dem Toronto International Film Festival 2019 Weltpremiere hatte, ist einerseits persönliches Porträt einer Gruppe verzweifelter Frauen, andererseits aber auch der Blick auf eine auseinanderbrechende Gesellschaft. Dass reiche Männer die Welt in den Abgrund stürzen, ohne dafür irgendwie belangt zu werden, ist für praktisch jeden als ungerecht erkennbar. Aus diesem Grund dürfte im Publikum das Mitleid auch überschaubar bleiben, wenn die überheblichen Anzugträger um ihr Geld erleichtert werden. Das ist wie Robin Hood, nur als Frau und ohne Kleidung! Aber so sehr Scafaria das zunächst als gemeine Genugtuung inszeniert, einen Blankoscheck stellt sie den Damen dann doch nicht aus. Denn je erfolgreicher sie sind, umso weniger Skrupel sie haben, umso mehr verwandeln sie sich selbst in Raubtiere, mit erschreckend ähnlichen Methoden und Ansichten wie ihre eigenen Unterdrücker.

Eine wirkliche Antwort darauf, ob das Vorgehen gerechtfertigt ist oder nicht, die verweigert Hustlers jedoch. Das Publikum selbst muss sich in dieser moralischen Grauzone zurechtfinden und für einen Ausweg entscheiden. Aber selbst wer nicht so genau darüber nachdenken mag, was richtig und gerecht ist, darf sich auf ein sehenswertes Drama freuen. Begleitet von einem nostalgisch stimmenden Spät-90er-Soundtrack, der so unterschiedliche Sängerinnen wie Janet Jackson, Britney Spears und Fiona Apple enthält, vereint der Film Gute-Laune-Passagen mit Tragik, Gesellschaftskritik mit originellen Krimianleihen zu einem unterhaltsamen Kinoerlebnis, das seinen Erfolg tatsächlich verdient hat.



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Hustlers
4.18 (83.53%) 17 Artikel bewerten

Hustlers
Die Geschichte ist ebenso kurios wie wahr: „Hustlers“ erzählt, wie eine Gruppe von Stripperinnen reiche Wall-Street-Banker ausrauben. Das fängt als wohltuendes, witziges Guilty Pleasure hat, ist gleichzeitig aber ein packendes Porträt, sowohl von verzweifelten Frauen wie auch einer Gesellschaft, die zunehmend auseinanderbricht.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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