Messer im Herz

„Messer im Herz“ // Deutschland-Start: 18. Juli 2019 (Kino)

Paris im Sommer 1979: Es gerade nicht so toll im Leben von Anne (Vanessa Paradis). Sie wurde gerade von ihrer Freundin Loïs (Kate Moran) sitzengelassen. Und so sehr sie auch bettelt und fleht, sie wird einfach nicht erhört. Aber auch beruflich geht es bei der Produzentin von Schwulenpornos drunter und drüber. Ausgerechnet ihr neuer Star wird brutal ermordet! Und das ist nur der Anfang. Immer wieder schlägt der mysteriöse Killer zu und tötet ein Crewmitglied nach dem anderen. Da die Polizei Anne nicht helfen will, beschließt sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen – und bringt sich damit selbst in Gefahr.

Es gibt ja so viele Methoden und Hilfsmittel, um einen anderen Menschen zu töten. Und sie alle wurden schon einmal in irgendwelchen Filmen verbraten. So dachte man. Wenn Messer im Herz eins lehrt, dann das: Das Arsenal ist noch nicht ausgeschöpft. Es gibt doch tatsächlich noch Waffen, an die bislang niemand gedacht hat. Und man würde Yann Gonzalez, der den Film inszeniert hat und das Drehbuch mitschrieb, auch gerne die Frage stellen, wie er darauf gekommen ist, einen Dildo mit ausklappbarem Messer zu ersinnen. Andererseits ist es vielleicht besser, nicht auf alles eine Antwort zu haben.

Fragen kann so schön sein!
Allgemein überzeugt der Film stärker in den Szenen, die Fragezeichen anstatt Ausrufezeichen setzen. Gerade zu Beginn gibt es jede Menge. Die betreffen klar die Identität und Motivation des maskierten Killers. Denn wenn jemand nach und nach Leute aus dem Schwulen-Porno-Milieu abmurkst, ist das doch etwas erklärungsbedürftiger. Aber auch sonst hat man den Eindruck, dass Gonzalez großen Wert darauf legt, das Publikum auf vielfältige Weise zu verwirren. Dabei erhält er Unterstützung von Anne, die es sich nicht nehmen lässt, die grausigen Ereignisse selbst wieder als Porno umzusetzen. Das ist in ihrer Version weniger blutig, dafür umso bizarrer und ein bisschen Meta.

Manchmal ist das sogar lustig, vor allem in den Szenen, wenn ihr treuer Darsteller Archibald (Nicolas Maury) die Rolle von Anne übernimmt, während sie dabei zusieht. Aber auch andere Einfälle sollen offensichtlich der Erheiterung dienen – etwa ein Mitarbeiter, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn es mal nicht so läuft mit der männlichen Standhaftigkeit. Aber was heißt schon männlich? Geschlechtergrenzen sind hier ebenso bröcklig wie der Sinn der Films. Messer im Herz lebt davon, dass alles möglich ist, selbst wenn es das nicht ist. Gonzalez will doch nur ein bisschen Spaß haben, kreuzt Meta-Überlegungen und Genrezitate mit lustvollem Trash.

Fiebrig-kitschiger Albtraum
In Hinblick auf die Atmosphäre ist das teils fantastisch: Messer im Herz nimmt uns mit in die 1970er, lässt sich von Brian De Palma inspirieren, vom italienischen Giallo, ist immer etwas over the top, dabei sehr stylisch. Ein Fiebertraum in Lack und Leder und mit mörderischen Dildos. Ach ja, und Vögeln, die als Boten des Unheils regelmäßig auftauchen. Das wird dann ebenfalls nicht so genau erklärt, muss aber auch nicht. Es reicht, das Ganze als Symbol einzubauen. Denn irgendwas wird es schon bedeuten. Dazu gibt es wunderbar ominöse Synthiemusik von M83.

Das ist dann alles irgendwie schön in dieser Mischung aus grandios und grauenvoll. Es ist nur nicht wirklich spannend, nicht auf Dauer. Ausgerechnet wenn Messer im Herz aus dem Nebel heraustritt und sich um die Geschichte kümmern will, wird es langweilig. Die Morde sind nicht mehr so fantasievoll wie noch zu Beginn, die Auflösung ist lächerlich, ohne dabei lustig zu werden. Insgesamt ist dieser etwas andere Erotik-Thriller, der bei den Filmfestspielen von Cannes 2018 Premiere feierte, durch den Stil und seine Andersartigkeit irgendwie unterhaltsam und faszinierend. Ein Film, wie man ihn hierzulande im Kino auch nur selten zu sehen bekommt. Trotz einer mit Inbrunst überzogen auftretenden Vanessa Paradis (Das Familienfoto) und weiterer Grenzüberschreitungen reicht das aber nicht aus, dafür ist zu schnell die Luft raus, bricht gegen Ende hin auch ein wenig auseinander. Die Kombination aus LGBT-Slasher und unglücklicher Romanze findet nie wirklich zusammen, Messer und Herz sind nur im Titel miteinander vereint.

Messer im Herz
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Messer im Herz
„Messer im Herz“ erzählt von einer Crew im Schwulen-Porno-Milieu, die nach und nach einem maskierten Killer zum Opfer fällt. Das ist stylisch und trashig, großartig und grauenvoll. Nach einer faszinierenden ersten Hälfte geht diesem Retro-Thriller aber doch irgendwann etwas die Luft aus.
6von 10

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