Sorry Angel

„Sorry Angel“ // Deutschland-Start: 25. Oktober 2018 (Kino)

Richtig schlecht ist das Leben von Jacques (Pierre Deladonchamps) nicht. Das Verhältnis zu seinem Sohn Louis (Tristan Farge) ist gut, er hat Freunde wie seinen Nachbarn Matthieu (Denis Podalydès), kommt mit seiner Arbeit als Schriftsteller über die Runden, wenn auch nicht in dem Maße, wie er es gerne hätte. Eine Sache liegt ihm jedoch schwer im Magen: seine HIV-Infektion. Zwar gibt er sich größte Mühe, das Thema zu verdrängen. Doch als er dem deutlich jüngeren Arthur (Vincent Lacoste) begegnet und sich in ihn verliebt, muss er sich widerwillig mit dem Thema auseinandersetzen. Will er wirklich noch eine Beziehung eingehen, wo er doch davon überzeugt ist, nicht mehr lange zu leben?

Auch wenn AIDS bis heute nicht heilbar ist, so ist es doch aufgrund medizinischer Fortschritte längst nicht mehr das Schreckgespenst, das es einmal war – eine hinterhältige Seuche, die einem nach und Nach Leben und Würde stiehlt. Entsprechend selten wird die Immunschwäche-Krankheit heute noch in Filmen thematisiert. Und wenn, dann indem die Geschichte in der Vergangenheit spielt, von historischen Kämpfen und traurigen Schicksalen spricht. Ein Beispiel für Ersteres ist 120 BPM, das umjubelte französische Drama, welches letztes Jahr von Festival zu Festival gereicht wurde. Sorry Angel fällt nun in die zweite Kategorie, indem es das Publikum mit ins Jahr 1993 nimmt.

Das Leben mit dem Schatten
Ganz vergleichbar sind die Werke nicht, obwohl sie jeweils im Paris der 1990er spielen und ähnliche Themen aufgreifen – so darf die Aktivistengruppe Act up aus 120 BPM auch hier mal kurz genannt werden. Aber so wie diese hier nur eine Randerscheinung ist, so ist auch AIDS etwas, das nur selten in den Mund genommen wird. Nicht weil es ein Tabuthema wäre. Vielmehr zeigt Sorry Angel eine Gesellschaft, in der dieser langsame Tod längst zum Alltag wurde. Ein Schatten, der einen überallhin verfolgt, den jeder sehen kann, der aber zu selbstverständlich wurde, als dass er noch besondere Aufmerksamkeit verdiente. Wenn Arthur gleich zu Beginn von Jacques’ Zustand erfährt, dann auf eine Weise, wie sie beiläufiger nicht sein könnte. Im folgenden Gespräch wird er auch nicht wieder aufgenommen.

Das ist als Zeitporträt interessant, zumal Sorry Angel auch von einer leichten Nostalgie begleitet wird. Regisseur und Drehbuchautor Christophe Honoré erzählt von einer Welt, bevor es Handys gab, als man noch vergeblich bei Telefonzellen warten musste, Anrufbeantworter zu Ersatzgesprächspartnern wurde, man unterwegs verlorengehen konnte. Er erzählt von Menschen, die ihre Nachttische noch mit so vielen Büchern beluden, dass man das Möbelstück darunter kaum mehr sehen konnte. Denn intellektuell sind beide Hauptfiguren, was sich in ihren Dialogen niederschlägt, die manchmal eher Diskurse als Gespräche sind.

Die ganze Bandbreite an Gefühlen
Was nicht heißen soll, dass Gefühlsjunkies hier nichts zu tun bekämen. Es gibt wunderbar leichte Momente, wenn Arthur und Jaques miteinander flirten, Vincent Lacoste (Jacky im Königreich der Frauen) auf unverschämt charmante Weise herumalbert. Es gibt ungelenke Momente, wenn keiner wirklich weiß, was er da tut und Intimität im Nirgendwo landet. Und natürlich gibt es die schmerzhaften Momente, der Krankheit wegen, der unterschiedlichen Auffassung von Leben und Liebe wegen. Auf der einen Seite ein junger Mann, der endlich zu sich und seinem Körper findet, bereit ist, die ganze Welt zu verschlucken. Auf der anderen einer in den mittleren Jahren, der mit der Welt bereits abgeschlossen hat.

Dass das nicht gut ausgehen kann, ist klar. Auch wenn das Drama, welches auf den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere feierte, einen immer wieder vom Glück träumen lässt, die Sterblichkeit, das Ende, sie sind fast immer zu spüren. In Worten. In Blicken. In Taten. Einige der eindrucksvollsten Momente sind die, in denen gar nicht gesprochen wird. Und überhaupt: So gern Honoré seine Figuren sprechen und diskutieren lässt, ebenso bemerkenswert ist, wie oft er selbst schweigt. Wie wenig er von Einführen und Erklärungen hält. Warum Jacques beispielsweise einen Sohn hat, das wird erst sehr spät erläutert, und das auch nur ansatzweise. Die Beziehungen zu Matthieu und einem anderen Freund sind lange unklar. Sorry Angel springt auch von Ort zu Ort, ohne immer eindeutige Wegweiser mitzuliefern. Aber diese eher bruchstückhafte Erzählweise ist hier kein Nachteil, passt sogar zu einem Film, der viel von Annähern und von Fliehen handelt, von Unsicherheit und einem Leben, das nie wirklich vollkommen ist, so groß die Sehnsucht danach auch sein mag.

Sorry Angel
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Sorry Angel
Ein Schriftsteller Ende 30 und ein junger Student verlieben sich ineinander: „Sorry Angel“ handelt ebenso von einer holprigen Beziehung wie von einer Zeit Anfang der 1990er, als AIDS längst zum Alltag wurde und die Menschen in einer Atmosphäre der Vergänglichkeit lebten. Das ist mal nostalgisch, dann wieder unbeschwert, charmant und doch auch schmerzhaft traurig.
8von 10

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