(„I, Daniel Blake“ directed by Ken Loach, 2016)

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„Ich, Daniel Blake“ läuft ab 24. November im Kino

Damit hat der 59-jährige Brite Daniel Blake (Dave Johns) nun wirklich nicht gerechnet. Tagein tagaus lebt er das glanzlose Durchschnittsleben eines Newcastler Steuerzahlers. Als Tischler macht er aus Klötzen Meisterwerke, doch als er einen schweren Herzinfarkt erleidet, wird er selbst zum Klotz, zum Sozialklotz am ausgemergelten Bein des britischen Staates. Der ihm obendrein seine beantragte und bitter notwendige Sozialhilfe nicht genehmigen will. Und so findet er sich in einem Marathon der Bürokratie wieder, der ihn nicht nur nervlich auf die Probe stellt, sondern auch an die Grenzen seiner Vernunft treibt. Irgendwas läuft gehörig schief und als er jede Hoffnung zu verlieren scheint, trifft er auf die alleinerziehende Mutter Katie (Hayley Squires), die gemeinsam mit ihren Kindern erst seit Kurzem nach Newcastle gezogen ist und genau wie er nach einem helfenden Rettungsseil im grauen Zukunftsnebel ringt.

Ken Loach kann es wieder nicht lassen und porträtiert in Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty erneut einen sozialen Don Quijote, der einen unerbittlichen Kampf gegen die staatlichen Windmühlen bestreitet. Der Fall und Aufstieg des sozialen Underdogs ist seit jeher ein Thema, welches der Brite in Filmen wie The Angels‘ Share (2012) und Sweet Sixteen (2002) aufzugreifen versucht. Gepaart wird diese Anprangerung des Systems und das gesellschaftliche Ungleichgewicht meist mit einer Brise Hoffnungsschimmer und einer großen Schippe trockenem britischen Humor, um die er sich auch diesmal nicht verlegen ist. Allerdings ist der Grad zwischen patriotischer Volksverhetzung und authentischem Sozialdrama meist nur ein schmaler, dessen Kunst es zu beherrschen gilt.

Als Meister seiner Zunft überlässt Loach jedoch nichts dem Zufall und bahrt seine Botschaft auf einem sorgfältig ausgesuchten Handlungsstrang auf. Von Daniels ersten Besuchen beim Arbeitsamt über die Freundschaft zu Katie und ihren Kindern bis hin zum gemeinsamen Kampf gegen die schleichende Armut. Er zerbricht an der digitalisierten Arbeitswelt, während sie ihren Kindern kaum etwas zu essen bieten kann. Die beiden bauen sich eine kleine solidarische Gemeinschaft auf, die einander hilft und trotzdem nur gerade so über die Runden kommt. Gemeinsam stützen sie einander, während sie immer wieder aufs Neue von den staatlichen Richtlinien in ihre Schranken gewiesen werden. Dabei gibt es auch einschneidende Erlebnisse, nach denen man erst einmal schlucken muss und einen erschüttert zurücklassen. Die Mischung macht’s und hierbei beweist das Regie- und Drehbuch-Duo wieder einmal sein Feingefühl für die Materie.

Vom Bürger zum Wutbürger, vom Arbeiter zum Schmarotzer. Das Sozialsystem kennt meist nur Schwarz und Weiß und wird nicht erst seit gestern ins grelle Licht der Leinwand gezogen, um der Welt einen Blick unter den Rock der Bürokratie zu gewähren. Der Staat gegen die Unterschicht, ein Kampf der keinerlei Waffen braucht, um täglich Opfer zu fordern. Die Geschichte mag nur als Fallbeispiel dienen, besticht aber durch ihre authentische Erzählung und ein ausdrucksstarkes Leinwand-Duo, das in ihren konsequenten Sprüngen durch die brennenden Reifen des Systems immer noch Zeit für Menschlichkeit findet. Trotz sensibler Thematik gelingt Ken Loach mit Ich, Daniel Blake ein emotionales Sozialdrama, ohne Allüren und Tränendrüsenakrobatik, das in Mark und Bein geht, aber ebenso von seinem Humor profitiert und nicht ohne Grund bei den 69. Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit dem Hauptpreis der Goldenen Palme geehrt wurde.

Ich, Daniel Blake
4.1 (81.9%) 21 Artikel bewerten

Ich, Daniel Blake
Ein Sozialdrama für alle Sinne. Zum Lachen, zum Weinen, aber vor allem zum Nachdenken soll die Kritik an der britischen Bürokratie anregen und wandert dabei gekonnt den schmalen Grad zwischen Menschlichkeit und System.
8von 10

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