Phantastische Tierwesen Grindelwalds Verbrechen

„Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ // Deutschland-Start: 15. November 2018 (Kino)

Mit vereinten Kräften gelang es den Zauberern in New York, den gefürchteten Gellert Grindelwald (Johnny Depp) zu fangen und einzusperren. Nun soll er nach Europa überführt werden, wo er sich für seine vielen Verbrechen zu verantworten hat. Doch noch bevor er dort ankommt, gelingt es dem mächtigen Magier, seine Wachen zu überwältigen und zu fliehen. Sein Ziel: Paris. Dort nämlich soll sich Credence (Ezra Miller) aufhalten, den er für seinen Plan gut gebrauchen kann. Auch Newt Scamander (Eddie Redmayne) ist auf dem Weg nach Frankreich, wo er hofft, Tina Goldstein (Katherine Waterston) wiederzufinden, in die er sich in den USA verliebt hat. Deren Schwester Queenie (Alison Sudol) wiederum hadert mit ihrem Schicksal, ist ihre Liebe zu dem Normalsterblichen Jacob Kowalski (Dan Fogler) streng verboten – was sie aber nicht einfach so hinnehmen will.

Experiment geglückt: Auch wenn der eine oder andere im Vorfeld skeptisch gewesen sein dürfte, ob eine Spin-off-Reihe zu Harry Potter eine wirklich so gute Idee ist, das Ergebnis gab den Machern recht. Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind überzeugte Kritiker und Publikum, der Anfang der neuen Reihe spielte immerhin über 800 Millionen Dollar ein. Das war zwar deutlich weniger als Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2, der Abschluss der Saga um den beliebten Zaubererjungen, aber immer noch nah genug dran an den vorangegangenen sieben Filmen, um die Reihe fortsetzen zu können. Und dass sie fortgesetzt werden sollte, das machte Autorin J. K. Rowling ja schon im Vorfeld klar, als sie von mindestens drei, wenn nicht gar fünf Teilen sprach.

Ein zweiter Schritt
Man merkte es aber auch dem Film an, der so sehr damit beschäftigt war, Figuren, kuriose Viecher und andere Elemente einzuführen, dass daraus keine greifbare Geschichte wurde. Grindelwalds Verbrechen schließt nun direkt daran an, im Guten wie im Schlechten. Was im Vorgänger nur Fragmente waren, die wenig beachtet wurden, wächst hier nun zu einem tatsächlichen Inhalt zusammen. Vor allem Credence darf beim zweiten Anlauf eine bedeutende Rolle spielen, wird von einer zuvor kaum beachteten Nebenfigur zum Mittelpunkt der Geschichte befördert. Zum Teil zumindest.

Allerdings kennt Rowling, die erneut das Drehbuch schrieb, nach wie vor keine Zurückhaltung beim Ausschmücken ihrer magischen Welt. Nicht nur, dass ein Großteil der vergangenen Figuren zurückkehrt, sie werden um eine ganze Armee aus Neuzugängen erweitert. Da wäre unter anderem Newts Bruder Theseus (Callum Turner) und dessen Verlobte Leta Lestrange (Zoë Kravitz), die namentlich schon aus dem ersten Teil bekannt war. Ein Zauberer namens Yusuf Kama (William Nadylam) mischt sich in das Geschehen ein. Zusätzlich dürfen sich Fans von Harry Potter auf ein bisschen Fanservice freuen, wenn hier einige alte Bekannte auftauchen, wenn auch in veränderter Form.

Mehr und mehr und mehr …
Damit krankt aber auch Grindelwalds Verbrechen unter dem Problem des Vorgängers: Der Film ist vollkommen überfrachtet. Unnötig überfrachtet auch, einiges hätte problemlos gestrichen werden können. Darunter haben nicht nur die Figuren zu leiden, die in vielerlei Hinsicht ungenügend ausgearbeitet sind. Bei dem Versuch, alles unter einen Hut zu bekommen, verliert Rowling völlig das notwendige Maß aus den Augen. Plötzlich ist jeder mit jedem irgendwie verbunden, durch spontan entdeckte verwandtschaftliche Verhältnisse, große Gefühle oder bloßen Zufall. Die große Welt der Magie wird so stark eingeengt, dass das oft dafür kritisierte Star Wars im Vergleich relativ harmlos ist. Da braucht es schon eine Vorliebe, zumindest aber eine Toleranz für Seifenopern, um diesem Wust etwas abgewinnen zu können. Und auch sonst ist die Geschichte nicht unbedingt eine Stärke des Film: Am Ende läuft es den aus X-Men und dessen Copycats wie The Darkest Minds – Die Überlebenden bekannten Konflikt hinaus, dass eine Gruppe übernatürlicher Menschen sich über die Normalsterblichen erheben will, nachdem sie zu lange in deren Schatten leben mussten. Nur dass hier eben Zauberer gegen Zauberer antreten und nicht Mutanten gegen Mutanten.

Glücklicherweise überzeugt Grindelwalds Verbrechen dafür aber beim Drumherum und dem puren Unterhaltungsfaktor. Schon der Ausbruch des fiesen Zauberers ist schick und temporeich in Szene gesetzt. Das Setting ist zwar nun europäisch – aus New York wurde beim zweiten Teil London und Paris –, der 1920er Atmosphäre hat dies jedoch nicht geschadet. Die wunderbar detailverliebte Ausstattung, die einfallsreichen Kreaturen, magische Elemente, die sich versteckt an jeder Ecke finden: Es macht einfach Spaß, diese zauberhafte, oft auch düstere Variante unserer Welt zu entdecken. Und an den Darstellern ist ohnehin nichts auszusetzen, selbst Johnny Depp lässt man sich nach vielen Flops hier als verschlagen-finsterer Gegenspieler mal wieder gefallen. Fantasyfans, die mit den vielen offenen Fragen und inhaltlichen Schwächen leben können, der Film ist ein typischer Zwischenteil, sollten hier deshalb einmal vorbeischauen. Auch wenn die Wartezeit bis zur Auflösung im Anschluss lang sein wird.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen
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Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen
„Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“ nimmt die im Vorgänger angebrochenen Themen auf und spinnt daraus ein temporeiches, wenn auch nicht übermäßig kreatives Abenteuer. Wie schon der erste Teil so führt auch dieser hier zu viele Elemente ein, die nur mäßig ausgearbeitet werden. Schlimmer noch, erst durch seifenoperartige Verwicklungen finden sie hier überhaupt zusammen. Das schick inszenierte und prima besetzte Spin-off macht aber Spaß, gerade die vielen beiläufig magischen Elemente stehen dem Film gut.
7von 10

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