Birds of Passage

„Birds of Passage“ // Deutschland-Start: 20. Dezember 2018 (Kino)

Als Vertreter des stolzen Stammes der Wayuu obliegt es Rapayet (José Acosta), die Traditionen der südamerikanischen Ureinwohner zu beachten und zu pflegen. Aber auch er und seine Familie sind nicht gefeit vor den Veränderungen der Neuzeit. Das zumindest muss er feststellen, als er 1968 mit dem Verkauf von Drogen beginnt. Das bringt ihnen zwar viel Geld und Macht, führt aber auch zu jeder Menge Konflikte – innerhalb des Stammes wie außerhalb. Vor allem das Verhältnis zu Cousin Aníbal (Juan Martínez), der ebenfalls im Drogengeschäft mitmischt, ist äußerst angespannt und droht jederzeit zu einem Krieg auszuwachsen.

Wenn wir an Kolumbien denken, dann dürfte den meisten die Themen Gewalt und Drogen einfallen. Ein Grund dafür: der legendäre und schillernde Drogenbaron Pablo Escobar. Der ist zwar bald seit einem Vierteljahrhundert tot, wird aber immer noch regelmäßig in Film und Fernsehen gezeigt – zuletzt beispielsweise in Narcos, The Infiltrator oder Loving Pablo. Und auch Birds of Passage nimmt sich dieser Themen an, zeigt die Anfänge des kolumbianischen Drogenhandels und welche Gewaltspirale dadurch ausgelöst wurde. Escobar wird in dem Film jedoch mit keinem Wort erwähnt, da er erst einige Jahre später eine Rolle spielen sollte. Und auch sonst ist das hier nur bedingt mit den obigen Werken zu vergleichen.

Die Macht der Drogenfrauen
Ein Wunder ist das nicht, schließlich handelt es sich bei Birds of Passage um den neuen Film von Ciro Guerra, der vor einigen Jahren mit seinem fiebrigen Dschungelabenteuer Der Schamane und die Schlange von sich reden machte. Dieses Mal teilt er sich den Regiestuhl mit Cristina Gallego, die beim Vorgänger lediglich als Produzentin in Erscheinung trat. Ob die Rollenteilung dazu führte, dass in dem Film Frauen eine so bedeutende Position innehaben, darüber lässt sich nur spekulieren. Interessant ist es aber, bedeutet dies doch eine Abkehr von den üblichen Macho-Allüren von Drogenthrillern. Eine Alternative zu dem üblichen Frauenbild, dass das weibliche Geschlecht allein als knapp bekleidete Deko durchs Bild hopsen darf.

Tatsächlich ist es hier in erster Linie Úrsula (Carmina Martínez), die Schwiegermutter von Rapayet, die das Sagen hat. Im Gegensatz zu dem sanftmütigen, nachgiebigen Drogenhändler pocht die resolute Matriarchin auf die Einhaltung alter Traditionen und trägt damit maßgeblich dazu dabei, dass der Konflikt überhaupt eskalieren kann. Im Vergleich dazu ist ihre Tochter Zaia (Natalia Reyes) recht unauffällig. Sie dient als Bindeglied zwischen Úrsula und Rapayet, darf auch Kinder in die Welt setzen, entwickelt ansonsten aber nur wenig Profil.

Blutiger Kampf zwischen Tradition und Moderne
Birds of Passage, das die Directors’ Fortnight in Cannes 2018 eröffnete, hat dafür mehr als genügend Profil. Wie schon in dem oscarnominierten Der Schamane und die Schlange verbinden Guerra und Gallego das an und für sich geradlinige Geschehen mit jeder Menge Indiofolklore. So sehen wir zu Beginn Zaia, wie sie in einem farbenprächtigen Ritual zu einer erwachsenen Frau wird. Und auch der Alltag ist von überliefertem Glauben geprägt, von Totengeistern, die über die Erde wandeln, von Träumen, die die Zukunft vorhersagen, von Talismanen und Schutzzaubern.

All das verleiht Birds of Passage nicht nur eine surreale Note, unterstützt von großartigen Bildern mit leichter Western- und Horroranmutung. Es macht die Geschichte um einen Drogenkrieg auch gleichzeitig zu dem Kampf zwischen alt und neu, zwischen Tradition und Moderne. Wenn hier Stämme und Familien das Kriegsbeil ausgraben, dann bedeutet das eben nicht nur den Verlust von Leben, sondern auch der von Identität. Auch wenn der Thriller sich letzten Endes auffällig vor expliziter Gewalt drückt, so ist er doch wegen des ungewissen Ausgangs sehr spannend – auf mehreren Ebenen. Gerade weil hier die Helden fehlen, bleibt lange Zeit offen, worauf das alles hinausläuft, ob es in diesem tragischen Kampf überhaupt noch einen Platz für Gewinner geben wird.

Birds of Passage
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Birds of Passage
Eine kolumbianische Familie steigt ins Drogengeschäft ein und löst damit eine Gewaltspirale aus – das hört sich erst einmal nach nichts Besonderem an. Doch „Birds of Passage“ ist viel mehr als das. Gerade die Verbindungen mit Indiofolklore hebt den Thriller von thematisch ähnlichen Genrefilmen ab. Aber auch die surrealen Elemente, die großartigen Bilder und die resolute Matriarchin tragen dazu bei, dass dieser Drogenkampf in Erinnerung bleibt.
8von 10

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