Fridas Sommer

„Fridas Sommer“ Release // Kinostart: 26. Juli 2018

Als die gerade einmal sechsjährige Frida (Laia Artigas) ihre Mutter verliert, bricht für sie eine Welt zusammen. Denn das bedeutet auch noch, alles hinter sich lassen zu müssen, ihre Heimat Barcelona, die Freunde, um zu Verwandten aufs Land zu ziehen. Zwar bemühen die sich sehr um das kleine Mädchen, ihre Tante Marga (Bruna Cusí) und deren Mann Esteve (David Verdaguer) tun alles für sie. Sie hat mit deren Tochter Anna (Paula Robles) sogar eine Spielkameradin, mit der sie viel draußen in der Natur unterwegs ist! Aber das ändert nicht viel. Immer wieder ist sie von Trauer und Wut erfüllt und macht damit allen das Leben zur Hölle, sich selbst eingeschlossen.

Lange dauert es, bis Carla Simón ihrem Publikum die letzten Puzzleteile überreicht. Und sie tut es nur zögerlich: Ein Virus habe ihre Mutter getötet, sagt Marga zu Anna. Das wäre so etwas wie ein kleines Tier, das in ihr gelebt habe. Das Wort AIDS fällt nicht. Es fällt nicht, weil das Mädchen mit dem Begriff ohnehin nicht viel hätte anfangen können. Es fällt aber auch nicht, weil das Thema von Scham bestimmt ist, von Ausgrenzung, das machen vorherige Szenen klar, in denen die Großeltern zu Besuch sind. Fridas Sommer hätte ein Film nur darüber sein können. Darüber, wie Spanien Ende der 1970er die Fesseln der Diktatur langsam abstreifte, das Leben genoss und den unvorsichtigen Übermut später mit einer HIV-Welle bezahlen musste.

Gesellschaft und Einzelschicksal
Carla Simón hat sich aber für eine andere Geschichte entschieden. Die spanische Regisseurin und Drehbuchautorin verarbeitet in ihrem Langfilmdebüt lieber ihre eigenen Erfahrungen, was es heißt, seine Eltern so früh verlieren zu müssen. Das bedeutet nicht, dass diese äußeren Umstände verschwiegen würden. Aber sie bilden eher den Rahmen, sind der Hintergrund für einen sehr persönlichen Film. Ähnlich zu Sommerhäuser werden auch in Fridas Sommer gesellschaftliche Entwicklungen mit individuellen Schicksalen verknüpft. Das Drama, welches auf der Berlinale 2017 Premiere feierte, handelt in erster Linie von seiner jungen Protagonistin, gleichzeitig aber auch von sehr viel mehr.

Eine solche Mischung kann schon etwas kniffliger werden, gerade auch wenn sie von der Darstellungskunst von Kindern lebt. Erwachsene gibt es in Fridas Sommer natürlich, allen voran Tante und Onkel. Aber das Herzstück bildet nun einmal Frida. Glücklicherweise fand Simón hierfür jedoch eine Idealbesetzung, ebenso für deren jüngere Cousine. Wenn die beiden herumtollen, draußen ihren Spaß haben oder auch mal Erwachsene spielen, dann ist das nicht nur hinreißend. Es wirkt so natürlich, so losgelöst von einem Drehbuch oder Kameras, dass man meinen könnte, hier eine tatsächliche Familienaufnahme anzusehen.

Zwischen Licht und Schatten
Geradezu idyllisch sind diese Aufnahmen, was auch mit der Zeit zusammenhängt: Wie der Originaltitel verrät, spielt Fridas Sommer im Jahr 1993, lange vor Internet und sozialen Medien. Wer damals auf dem Land war, war es wirklich, war abgeschnitten von der Welt da draußen. Aber es ist eine trügerische Idylle. Da kann die Sonne noch so sehr scheinen, die Natur noch so grün sein, in Frida sieht es deutlich finsterer aus. Trauer, Wut, Einsamkeit, immer wieder schimmern diese Gefühle bei ihr durch und äußern sich auf unterschiedlichste Weise. Mal rebelliert sie offen, mal zeigt sie ihrer Cousine gegenüber sehr feindselige Tendenzen, will ihren Schmerz loswerden, indem sie anderen welche zufügt.

Sympathisch ist das natürlich weniger, teilweise sogar furchtbar anstrengend – Marga und Esteve ist an mehr als einer Stelle das Mitleid des Publikums sicher. Und doch verurteilt Simón eben nicht. Im Gegenteil: Mit viel Einfühlungsvermögen taucht Fridas Sommer in die Gefühlswelt eines Kindes ein, das einen schmerzlichen Verlust bewältigen muss und nach einem Weg sucht, damit fertigzuwerden. Dass sie dies oft überfordert, ist nur verständlich. Sich mit dem Tod auseinandersetzen zu müssen, während man selbst noch keinen festen Platz im Leben gefunden hat, das ist schon sehr viel verlangt. Glücklicherweise wird hier jedoch darauf verzichtet, dieses Unglück zugunsten billigen Melodrams ausschlachten zu wollen. Auch in den düsteren, schmerzvollen Momenten bleibt sich dieser Geheimtipp treu, ganz nah an den Protagonisten zu sein und doch auch beiläufig zu bleiben, Geschichte und Situation einfach mal für sich sprechen zu lassen.

Fridas Sommer
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Fridas Sommer
Ein sechsjähriges Mädchen muss mit dem Tod ihrer Eltern fertigwerden: Das bedeutet in „Fridas Sommer“ viel Licht und viel Schatten, kleine Momente des Glücks und schmerzhafte Szenen gehen nahtlos ineinander über. Zudem gelingt es dem wunderbar natürlichen Drama, das einfühlsam erzählte Einzelschicksal mit einem kleinen Gesellschafts- und Zeitporträt zu verbinden.
8von 10

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