Its Not Yet Dark

„It’s Not Yet Dark“ ist als Video on Demand erhältlich

„It’s Not Yet Dark“, Irland, 2016
Regie: Frankie Fenton
ErzählerColin Farrell

Es ist jetzt einige Jahre her, dass die Amyotrophe Lateralsklerose – kurz ALS – die Schlagzeilen beherrschte. Genauer war es die sogenannte Ice Bucket Challenge, in der sich Menschen mit eiskaltem Wasser überschütteten, welche die degenerative Erkrankung des Nervensystems weltweit bekannt machte. Einige Filme nahmen das Thema später auf, etwa Hin und weg oder Silent Heart – Mein Leben gehört mir. Inzwischen ist das Thema jedoch wieder in Vergessenheit geraten, Betroffene kämpfen wieder still und für sich gegen eine Krankheit, die ihnen erst die motorischen Fähigkeiten, später auch das Leben raubt.

Auch in It’s Not Yet Dark leidet ein Mann an dieser Krankheit. Und so wie bei den beiden obigen Filmen steht irgendwann die Frage im Raum: Beende ich mein Leben, so lange ich es noch in Würde tun kann, oder mache ich weiter, bis die Natur den Zeitpunkt des Todes bestimmt? Simon Fitzmaurice hat sich gegen den frühen Abschied entschieden, zu sehr hing er an seinem Leben, zu sehr auch an seiner Familie, von denen er auch nicht eine Minute gemeinsamer Zeit hergeben wollte. Und das ist hier besonders bemerkenswert, da Fitzmaurice keine Figur, sondern ein realer Mensch war.

Ein Filmemacher bis zum letzten Moment
Letzten Oktober hat er den Kampf verloren, während zeitgleich die Doku auf den Hofer Filmtagen 2017 gezeigt wurde und hierzulande als Video on Demand erschien. Es ist eine grausame Gleichzeitigkeit. Und doch auch eine passende: Der gebürtige Ire war selbst Filmemacher, drehte mehrere Kurzfilme, 2015 auch sein Spielfilmdebüt My Name Is Emily. Zu dem Zeitpunkt hatte ihm die Krankheit bereits die Kontrolle über seinen Körper geraubt. Beine, Arme, nichts ging mehr, nicht einmal reden konnte er da noch. Und doch beendete er seinen Film, indem er mithilfe eines besonderen Rollstuhls und seiner Augen – das einzige, was er noch bewegen konnte – seine Anweisungen gab.

Natürlich ist It’s Not Yet Dark ein unendlich trauriger Film. Gerade auch weil Regisseur Frankie Fenton viele alte Familienaufnahmen von Fitzmaurice auftrieb. Die Leidenschaft, mit der Letzterer an die Arbeit ging, der Stolz, als ein Kurzfilm beim Sundance Film Festival gezeigt wurde, seine Ausgelassenheit und sein Charme – man braucht diesen Mann nur einige wenige Minuten gesehen zu haben, damit einen dessen späteres Schicksal zerreißt. Wenn dann auch noch Szenen hinzukommen, die ihn mit seinen eigenen Kindern zeigen, ist es ganz aus.

Poetische Ode an das Leben
Und doch ist It’s Not Yet Dark eben kein Film, der um Mitleid bettelt oder das Unglück zelebriert. Vielmehr feiert er das Leben und muntert dazu auf, jeden einzelnen Moment auszukosten. Begleitet von der ruhigen Stimme Colin Farrells (Die Verführten, Brügge sehen…und sterben?), der Passagen aus der zugrundeliegenden Autobiografie vorliest, wird aus dem tragischen Schicksal des jungen Mannes eine poetische Ode an das Leben. Dass die unwürdigen Aspekte eines völlig fremdbestimmten Daseins komplett ausgeblendet werden, idealisiert Fitzmaurices Entscheidung vielleicht ein wenig mehr. Dennoch funktioniert die Doku gut als Mutmacher und eben auch als Erinnerung für die in Vergessenheit geratene Krankheit.

It’s Not Yet Dark
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It’s Not Yet Dark
Wie gehe ich damit um, wenn mein Körper mir zunehmend nicht mehr gehorchen will? „It’s Not Yet Dark“ dokumentiert die Erkrankung und den fortlaufenden Verfall eines jungen Filmemachers, der sich dennoch für das Leben entscheidet. Das ist wahnsinnig traurig und macht doch auch Mut, fordert dazu auf, jeden Moment auszukosten, den man hat.
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