(„The Endless“, Regie: Justin Benson, Aaron Moorhead, USA, 2017)

The Endless

„The Endless“ läuft im Rahmen des Filmfests Braunschweig (17. bis 22. Oktober 2017)

Zehn Jahre sind vergangen, seitdem Justin (Justin Benson) und Aaron Smith (Aaron Moorhead) die Kommune hinter sich gelassen haben, um ein neues Leben zu beginnen. Richtig toll ist dieses aber nicht geworden: Die beiden Brüder treten auf der Stelle, es mangelt an Geld, an allem, während sie versuchen, als Putzmänner irgendwie über die Runden zu kommen. Da trifft es sich gut, dass eines Tages ein Video mit einer Nachricht eines Mitglieds bei ihnen auftaucht. Denn während Aaron die Kommune als gefährlichen UFO-Kult bis heute verdammt, sind Justins Erinnerungen sehr viel schöner. Justin ist es auch, der seinen Bruder dazu überredet, gemeinsam hinzufahren, für einen kleinen Besuch. Und er soll recht behalten, auf den ersten Blick führen die Leute im Camp Arcadia ein glückliches, beschauliches Leben. Seltsam ist nur, wie jung dort alle aussehen, viel jünger, als sie es eigentlich sollten. Und das ist nur der Auftakt für eine Reihe rätselhafter Ereignisse.

Horror abseits der Schublade
Das Horrorgenre ist in den letzten Jahren zu einem sehr einträglichen Geschäft für die Studios geworden. Die Kosten sind auch aufgrund der meist eher unbekannten Darsteller gering, die Zielgruppe ausgesprochen treu, die Profite teils obszön hoch. Letztes Beispiel ist Es, das derzeit alle Rekorde bricht und zeigt: Gruseln ist Trend! Umso bedauerlicher ist es, dass die Filmemacher diese günstigen Rahmenbedingungen nur selten nutzen, um auch ein bisschen aus der Komfortzone auszubrechen. Nur selten traut sich mal jemand, sich von bewährten Erfolgsrezepten zu lösen. Doch es gibt auch löbliche Ausnahmen. Justin Benson und Aaron Moorhead zum Beispiel. Die hatten zuletzt 2014 mit Spring – Love Is a Monster eine ungewöhnliche Mischung aus Liebesdrama und Horror geschaffen, bei The Endless setzen sie diesem noch eins drauf.

„The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear of the unknown.“

„Friends tell each other how they feel with relative frequency. Siblings wait for a more convenient time, like their deathbeds.“

Mit diesen beiden Zitaten beginnt der Film. Das erste stammt von H.P. Lovecraft, einem der literarischen Hohepriester des Okkulten. Die zweite Quelle ist unbekannt. Es sind nicht viele Worte. Viele Worte werden Benson und Moorhead aber auch nicht brauchen, um ihre Geschichte zu erzählen. The Endless gefällt vom ersten Moment an durch die starke Atmosphäre. Die verblichenen Farben der entlegenen Gegend, von der man nie genau sagen kann, wo und wann sie existiert. Ob sie überhaupt existiert. Dazu gibt es einen zurückhaltenden Score, der nichtsdestotrotz die rätselhaft-bedrohliche Stimmung unterstützt. Als Zuschauer weiß man hier sofort, dass etwas nicht stimmt. Spätestens wenn die Brüder sich dem Eingang des Camps nähern und dabei von einem dauergrinsenden Fremden begrüßt werden. Aber was dieses etwas ist, das bleibt lange unklar.

Zurückhaltend und persönlich
Das ist im Grunde nichts Ungewöhnliches, vielmehr das kleine Einmaleins des Horrorfilms. Ein Ort im Nirgendwo, Menschen, die viel zu fröhlich sind, kleinere unerklärliche Vorkommnisse. Und doch ist es beachtlich, mit welcher Leichtigkeit das Regieduo einen hier auf die Folter spannt. Wie wenig sie dafür tun müssen. Seile, die im Dunkeln verschwinden, Fotos, die es nicht geben dürfte, ein Mond, der mehrfach zu sehen ist. Mehr braucht es nicht. Auch keine Erklärungen. Anders als viele Kollegen, die das Mysterium unnötig kleinschlagen, verraten die beiden nicht, wie es zu der Besonderheit im Camp kommen konnte. Selbst dann nicht, wenn wir erst begriffen haben, worin diese Besonderheit überhaupt besteht.

Das ist spannend, unheimlich und mysteriös, ein Kleinod in dem zunehmend auf Jump Scares und dröhnende Musik fokussierten Genre. Und doch ist das nur ein Teil von The Endless. Schließlich ist da auch noch das zweite Zitat. So sehr die seltsamen Ereignisse verwundern, gar verstören, es sind die Menschen, die hier im Mittelpunkt stehen. Der verträumte Justin, der sich nach einem Zuhause sehnt. Der zynische Aaron, misstrauisch und realistisch. Viel wird sich um die beiden drehen, die nur sich haben und doch kaum je zusammenfinden. Aber auch bei den Leuten, denen sie hier begegnen, kommt mit der Zeit mehr zum Vorschein. Die Verhaltensweisen des mutmaßlichen Kults, sie sind der Versuch, dem Sinnlosen einen Sinn zu geben. Das Unfassbare trifft so auf das Persönliche, Schrecken auf Tragik, Sehnsucht auf Nachdenklichkeit. Bis der Film regulär nach Deutschland kommt, wird es sicher noch eine Weile dauern. Wer die Möglichkeit hat, sollte ihn sich deshalb auf dem Filmfest Braunschweig anzuschauen, wo The Endless diese Woche zweimal gezeigt wird.

The Endless
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The Endless
Zwei Brüder, eine mutmaßliche Sekte und viele, viele offene Fragen. „The Endless“ kombiniert die Urangst vor dem Unbekannten mit der persönlichen Geschichte einer heimatlosen Familie. Das ist trotz minimaler Mittel sehr spannend und rätselhaft, dabei jedoch für einen Horrorfilm gleichzeitig auch überraschend nachdenklich und traurig.
8von 10

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