(„Panique au village“ directed by Vincent Patar and Stéphane Aubier, 2001)

Panik in der PampaUngewöhnliche Beiträge hatten wir in unserem fortlaufenden Animationsspecial in den vergangenen knapp zwei Jahren zuhauf gehabt. Für manche reicht das Wort „ungewöhnlich“ aber nicht wirklich aus. So auch in dem heutigen 95. Teil, denn was sich hier die Macher ausgedacht haben, muss man schon selbst sehen, um es glauben zu können.

Es waren einmal ein Cowboy, ein Pferd und ein Indianer. Die lebten glücklich zusammen in einem Haus. Manchmal. Hin und wieder kriegen sie sich aber schon in die Haare, etwa wenn es darum geht, einen Kuchen fair zu verteilen. Oder auch wenn der Neffe von Pferd vorbeikommt. Zudem sorgen die Nachbarn und ihre Tiere immer mal wieder für Aufregung. Aber dafür gibt es ja Picknick, Fußball, Urlaub und eine Multifunktionsmassagesesselwanne. Und eine Blume zu Malen. Dumm nur, wenn jeder die Blume gleichzeitig will. Da kann dann schon mal Panik ausbrechen.

Etwas mehr als drei Jahre ist es her, dass die Regisseure Vincent Patar und Stéphane Aubier mit der Kinderbuchverfilmung Ernest & Célestine einen der bezauberndsten Animationsfilme der letzten Zeit geschaffen haben, der es am Ende sogar bis in die Oscar-Endrunde geschafft hat. Der eine oder andere dürfte den beiden Belgiern aber schon in einem anderen Zusammenhang zuvor begegnet sein, ohne bemerkt zu haben, dass beide Werke von denselben Leuten stammen. Denn auch wenn beide aus dem Bereich Animation kommen und für Kinder gedacht sind, könnten sie unterschiedlicher kaum sein.

Spielzeugfiguren sind es, welche die beiden in der 2001 produzierten Serie Panik in der Pampa auf die Zuschauer losließen – vor allem aber aufeinander –, animiert im Stop-Motion-Verfahren. Das allein ist noch nicht ungewöhnlich, gerade in Tschechien hatte es zuvor eine ganze Menge solcher Produktionen gegeben (Die wundersamen Abenteuer des Robinson Crusoe, Alice). Ungewöhnlich ist jedoch, was die Belgier draus gemacht haben. Zumindest die älteren dürften noch die kleinen Plastikfiguren noch kennen, mit denen früher gespielt wurde. Die hatten keine bekannten Brandings, waren nicht Film- und Fernsehfiguren nachempfunden, sondern waren nicht mehr als das, was sie darstellten: Cowboys, Indianer, Pferde, Kühe. Da man meistens nie genug hatte, um sich Themensets zu basteln, wurden die beim Spielen einfach kombiniert, um so gemeinsame Geschichten zu erzählen. Dass die Figuren inhaltlich nicht zusammenpassten, war egal, ebenso die unterschiedlichen Größen.

Was Patar und Aubier nun machten, war eine solche Geschichte zu imitieren, inhaltlich wie optisch. Da wird schon mal ein Pferd zu einem talentierten Kuchenbäcker und Ersatzvater für Cowboy und Indianer – die heißen wohlgemerkt wirklich so, Name und Figur sind hier eins. Bewegt werden sie dann so wie es ein Kind tun würde. Soll heißen: Wo sich Stop-Motion-Künstler wie Aardman oder Laika um flüssige Animationen bemühen, wird hier bewusst gewackelt und durch die Gegend geturnt, ohne dass sich dabei Arme oder Beine bewegen, dabei komplette Zwischenschritte weggelassen, die Gesetze der Schwerkraft höchstens zufällig beachtet. Ästhetiker werden bei dem Anblick entsetzt sein, beeindruckend ist es aber, wie gut Panik in der Pampa einem kindlichen Spiel nachempfunden wurde.

Und das gilt auch für den absolut sinnlosen Inhalt. Gerade einmal fünf Minuten ist jede der 20 Episoden lang, was ohnehin nicht für eine richtige Geschichte gereicht hätte. Wollte man hier auch gar nicht. Da wird eine absurde Situation an die nächste gereiht, Tiere gnadenlos vermenschlicht – fahren Traktor, streichen Häuser –, durch den Kniff, das Innere der Gebäude größer zu machen als das Äußere, gewinnt Panik in der Pampa auch immer mal wieder surreale Qualitäten. Hier findet fast alles an den immer selben Orten statt, die aber beliebig erweitert und verändert werden können, wie sich die kindliche Fantasie eben auch nicht mit realitätsbezogenen Grenzen aufhält.

Das Ergebnis ist verblüffend, an manchen Stellen schreiend komisch (wortwörtlich), von einer ansteckend frenetischen, geradezu anarchischen Energie. Wo Ernest & Célestine auf verträumte Ruhe setzt, darf hier nichts und niemand still sein, alles ist in Bewegung, am Reden, am Tun und Machen, wie ein hyperaktives Kind. Das ist zunächst wahnsinnig faszinierend, vereinzelt sogar großartig, zum Beispiel bei der Folge um gestohlene Spielkarten. Das Rezept funktioniert aber nur in kleinen Dosen, etwa wenn man beim Zappen durchs Fernsehprogramm zufällig bei einer Folge hängenbleibt. Auf Dauer nutzt sich der Trick hingegen ab, ist eher anstrengend als erheiternd. Kult wurde die Serie dennoch, und auch erfolgreich genug, um 2009 noch einen kompletten gleichnamigen Film nach zu ziehen, der sogar in Cannes gezeigt wurde, im Gegensatz zum Original aber nicht in Deutschland erhältlich ist.

Panik in der Pampa
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Panik in der Pampa
Die Spielzeug-Stop-Motion-Serie „Panik in der Pampa“ imitiert inhaltlich wie optisch Kinderspielszenen, hält sich dabei weder an Filmästhetiken noch physikalische Gesetze. Das ist anfangs bzw. in kleinen Dosen faszinierend, die pure anarchische Energie reißt einen unweigerlich mit. Auf Dauer fehlt es jedoch an Abwechslung, die Begeisterung macht einer Ermüdung Platz.
6von 10

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