(„Rescue Dawn“ directed by Werner Herzog, 2006)

Rescue DawnEin Antikriegs-/Vietnamfilm von Werner Herzog? Kann das funktionieren? Bei Fans des Ausnahmeregisseurs kann eine gewisse Skepsis zunächst nicht unterdrückt werden. Andererseits macht es auch neugierig: Was kann der extreme Autorenfilmer den Klassikern des Vietnamkriegsfilms („Die durch die Hölle gehen“, „Apocalypse Now“, „Platoon“, „Full Metal Jacket“) noch hinzuzufügen, was nicht bereits gesagt bzw. gezeigt wurde?
In dem126 Minutendauernden Antikriegsfilm spielt Christian Bale einen aus Deutschland stammenden US-Navy-Piloten: Dieter Dengler. 1965 beteiligt er sich im Vietnamkrieg bei seinem ersten Einsatz an einem geheim gehaltenen Bombardement der Stadt Laos, bei dem er über dem Dschungel abgeschossen wird. Zwar überlebt Dengler den Absturz seines Flugzeugs, aber er gerät in die Hände des Vietcongs. Nach mehreren Foltereinheiten verbleibt Dengler zusammen mit einer Handvoll Schicksalsgenossen in Gefangenschaft. Die Häftlinge fristen zum Teil (u.a. Steve Zahn als Duane und Jeremy Davies als Gene) seit mehreren Jahren ihr Dasein in nordvietnamesischer Kriegsgefangenenschaft und sind dementsprechend desillusioniert und demoralisiert. Dengler will sich mit seiner Lage nicht abfinden. Er schmiedet einen Fluchtplan, wozu er die Hilfe aller Mithäftlinge benötigt, die sich teilweise aber weigern, bei dem Vorhaben ihr Leben zu riskieren. Außerdem ist die Gelegenheit noch nicht reif, weil eine Flucht ausschließlich während der Regenzeit möglich ist. Denn nur dann wäre ein Überleben nach der Flucht im Dschungel überhaupt möglich.
Die anfängliche Skepsis gegenüber Herzog ist schnell verflogen. Wer befürchtet hatte, Herzog bediene mit „Rescue Dawn“ den Mainstream, kann sich beruhigen. Bereits mit seinem Dokumentationsfilm „Little Dieter Needs To Fly“, geht der Autorenfilmer auf die autobiographischen Schilderungen aus dem Tagebuch Dieter Denglers während dessen Kriegsgefangenschaft ein. Und beachtet man die Erfahrung des Piloten – Extremsituation: Dschungel, Gefangenschaft –, so decken sich diese mit dem roten Faden aller Herzog-Arbeiten. Der deutsche Regisseur bietet eine neue Perspektive auf einen bekannten Filmgegenstand. Herzog-Kenner wissen um die zum Teil selbstzerstörerische, risikobereite Inszenierungshaltung des Deutschen. Auch bei „Rescue Dawn“ scheute er nicht davor zurück in allen Extremsituationen authentisch zu drehen: d.h. in wilder Urwaldumgebung, in schlangenverseuchten Flüssen usw. Das merkt man dem Film auch an. Während andere Vietnamfilme durch ihre Special-Effects eine gewisse Distanz zum Geschehen aufbauen, zieht die Atmosphäre in „Rescue Dawn“ den Zuschauer in seinen Bann. Die verzweifelte, ausweglose Situation der Gefangenen wird zum greifen nah.
Einen großen Anteil an der gelungen Umsetzung des Dengler-Stoffs trägt zudem Christian Bale. Herzog und Bale eint ein Hang zum Extremen. So hungerte sich der Schauspieler schon für seine Rolle in „The Machinist“ 30 Kilo vom Körper. Auch in Herzogs Film nahm er (auch Zahn und Davies) wieder einen ähnlichen Gewichtsverlust in Kauf, um Dengler zu spielen. Dabei machte Herzog Bale vorab darauf aufmerksam, dass der Dreh kein Zuckerschlecken werden würde – er warnte ihn davor, Maden essen und in gefährlichen Umgebungen drehen zu müssen. Doch Bale ließ sich nicht abschrecken. So überzeugt er in der Rolle als deutscher Navy-Pilot und unterstrich die Authentizität u.a. dadurch, dass er tatsächlich ein Stück einer lebendigen Schlange aß, die er einfangen musste.
In „Rescue Dawn“ wird das Geschehen nicht zuletzt durch den märtyrerhaften Einsatz der ganzen Filmcrew für den Zuschauer spürbar und die Anspannung, die sich bis zum Ausbruchsversuch der gefangenen Piloten aufbaut, nervenaufreibend. Zwar werden nicht alle Facetten des Vietnam-Stoffes abgedeckt und die nicht einfach-zugängliche Herzog-Ästhetik, die oft als spröde bezeichnet wird, mag unkonventionell daherkommen. Jedoch schafft es das Autorenfilmurgestein einen weiteren Mosaikstein zum Themengebiet „Vietnamkrieg“ hinzuzufügen. Einer der besten Herzog-Filme überhaupt – trotz der Mainstream-Elemente.

Rescue Dawn
3.88 (77.5%) 24 Artikel bewerten

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2 Responses

  1. Candide

    Ganz im Gegensatz zu deiner Meinung fand ich „Rescue Dawn“ den bisher schwächsten Film den ich von ihm sehe. Wie du richtig schreibst strotzt der Film von Mainstream-Elementen und auch bei mir war anfangs große Skepsis vorhanden.
    Bitte nicht falsch verstehen. Man kann sich den Film durchaus zu Gemüte führen, man sollte allerdings keine allzu hohen Erwartungen hegen. Bale spielt seine Rolle souverän und ich glaube die Zusammenarbeit mit Herzog war genau das was er suchte; wenn man der Regenbogenpresse und dem Internet glauben schenkt führt Bale ja nicht unbedingt das ruhigste und rechtschaffene Leben.

    Herzog’s Faible für den Dschungel kommt diesmal nicht sonderlich zum Tragen finde ich. Zwar situiert er seine Charaktere über fast die gesamte Länge im tiefen Urwald irgendwo in Vietnam, doch fehlen mir die spektakulären Aufnahmen die er in seiner Zusammenarbeit mit Kinski fabrizierte.
    Auch hier möchte ich nicht falsch verstanden werden: die Bilder im Film sind durchaus gut, nur erwarte ich mir von einem Kaliber wie es Herzog ist eine Erhöhung der eigenen Messlatte, vor allem da er mittlerweile andere technische Möglichkeiten hat als früher.

    Im Meer der Mainstream-Streifen sticht dann aber „Rescue Dawn“ doch noch angenehm hervor und kann durchaus einen Abend füllen der im Gegensatz zu seinen bisherigen Filmen weniger auf den Magen schlägt. Mir persönlich gefällt allerdings seine rauere und schwerere Art Filme zu machen besser als dieser Unterhaltungsfilm.

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  2. Ijon Tichy

    Mir gefallen auch die „spröden“ Herzog-Filme besser. Die Leistung, die er z.B. in „Fitzcarraldo“ erbracht hat, ist einmalig in der Filmgeschichte und unwiederholbar – no doubt!

    Aber „Rescue Dawn“ hat mich auf einem ganz anderen Level angesprochen. Ich fand lange keinen Film mehr so spannend wie diesen. Außerdem faszinierte mich – mit dem Hintergrundwissen, was er sonst alles bisher gemacht hatte – was er aus einer Hollywood-Produktion machen kann.

    Vielleicht war auch meine Formulierung „einer der besten Herzog-Filme überhaupt“ unpassend gewählt. „Einer der besten Vietnamkriegsfilme überhaupt“ wäre wohl treffender gewesen. Denn ich finde man kann und soll „Rescue Dawn“ gar nicht mit den früheren Filmen vergleichen.

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