
Was hatte sich Barbara Keyserling (Sibylle Canonica) nicht darauf gefreut, ihren Geburtstag mit der Familie und dem Freundeskreis zu feiern. Man wird schließlich nur einmal 65. Ihrer Tochter Elodie (Karoline Schuch) ist hingegen weniger zum Feiern zumute. Schließlich hat Mehdi (Jean Aloïs Belbachir) ihr kurz vorher gesagt, dass er sich von ihr trennen will. Für die Frau, die schon immer Ängste mit sich herumträgt, von anderen verlassen zu werden, ist das ein Albtraum. Per Zufall erfährt sie auf der Feier, dass sie als Kleinkind eine Zeit lang an eine Pflegemutter gegeben wurde, woran sie sich nicht erinnern kann und worüber nie jemand mit ihr sprach. Elodie fällt aus allen Wolken, doch weder ihre Mutter noch ihr Vater Jochen (Michael Wittenborn) wollen darüber sprechen. Auch ihr Bruder Ben (Jan Krauter) ist keine große Hilfe. Also macht sie sich allein auf die Suche nach Frau Wontroba (Eva Mattes), um Antworten zu bekommen – zumal sie davon überzeugt ist, dass damals etwas vorgefallen sein muss …
Schwierige Vergangenheit
Während andere Tage im Programm des Ersten für leichtere Stoffe oder auch Krimis reserviert sind, setzt man mittwochs aktuell auf nachdenkliche Dramen. Sehr schön war vergangene Woche die Romanadaption Blackbird, wo ein Mann angesichts eines schließenden Freibads an einen prägenden Sommer zurückdenkt. Davor erzählte der sehr irreführend betitelte Film Eine Nacht in Bangkok von einem getrennten Ehepaar, das sich noch einmal zusammenraufen muss, als der eigenen Tochter vorgeworfen wird, sie habe mehrere Leute bestohlen. Mit Elodie kommt nun eine weitere ARD-Produktion auf diesem Programmplatz, die sich mit schweren Themen und komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen auseinandersetzt.
Alle drei Filme handeln davon, wie die Hauptfiguren noch einmal auf die Vergangenheit zurückblicken und sich mit Sachen beschäftigen, die sie verdrängt haben oder deren sie sich nie wirklich bewusst waren. Elodie kombiniert das mit dem Motiv der Rückkehr in die Heimat. Solche Szenarien werden andauernd in Filmen verwendet: Ein äußerer Anlass bringt den Protagonisten oder die Protagonistin dazu, nach Hause zu fahren, wo vieles unaufgearbeitet ist. Der Anlass ist oft ein Todesfall, auch Hochzeiten bieten sich an. Hier ist es eben der Geburtstag. Wobei auch die auseinanderbrechende Beziehung der Titelfigur ein kleiner Katalysator ist, da hiermit ihre tiefsitzenden Ängste angesprochen werden, verlassen zu werden. Wobei sie offensichtlich noch mehr Schwierigkeiten hat, den ganzen Film über macht sie einen sehr labilen Eindruck.
Irritierend nichtssagend
Der Film, der auf dem Filmfest München 2026 Premiere hatte, möchte damit aufzeigen, wie sehr einen frühkindliche Erfahrungen prägen und unausgesprochene Traumata das ganze Leben bestimmen können. Das Thema ist zweifelsfrei wichtig. Allgemein verfolgt der Film sicherlich eine gute Absicht und hat auch einige gute Ideen. So geht es in Elodie auch darum, wie die Mutter überfordert war und sich nicht zu helfen wusste. Allerdings wird das alles nicht weiter vertieft. So wie vieles andere auch. Als die Protagonistin an einer Stelle sagt, dass ihre Ängste die direkte Folge der Erfahrung sind, entgegnet die Mutter, woher sie das so genau wissen will. Danach ist das Gespräch schon wieder vorbei. Überhaupt wird in dem Film kaum wirklich miteinander gesprochen.
Grundsätzlich ist das zwar nicht verkehrt, weil es eben auch darum geht, wie Menschen eben nicht miteinander reden und Wunden über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg weiter wuchern. Da darf dann auch mal einiges unausgesprochen bleiben. Wenn die Auseinandersetzung dann aber so dünn ausfällt wie hier, kann man sich das auch gleich sparen. Hinzu kommt, dass Elodie der eigenen Hauptfigur wenig mitgibt. Wir erfahren über sie praktisch nichts, was nicht mit ihren Ängsten zu tun hat. Sie wird nie zu einem Charakter, sondern zu einer Folgeerscheinung der Erfahrung, die auch nicht ausformuliert wird. Dafür gibt es dann plakative Momente, in denen Elodie zusammenbricht. Das darf man dann ergreifend finden. Oder eben dick aufgetragen, der Film ist trotz des schweren Inhalts irritierend nichtssagend.
OT: „Elodie“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Nicole Weegmann
Drehbuch: Esther Bernstorff
Musik: Gregor Keienburg, Lennart Saathoff
Kamera: Falko Lachmund
Besetzung: Karoline Schuch, Sibylle Canonica, Michael Wittenborn, Jan Krauter, Eva Mattes, Jean Aloïs Belbachir
Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.
(Anzeige)











