
Anlässlich der Hochzeit seiner Schwester Ceren (Demet Özdemir) kehrt Deniz (İlhan Şen) in sein anatolisches Heimatdorf zurück. Der Student war schon lange nicht mehr dort und verbindet nicht unbedingt schöne Erinnerungen mit seiner Heimat, wobei ihn insbesondere der Gedanke an die letzten Stunden seiner Mutter tief traumatisiert hat. Schon die erste Begegnung mit dem Imam seines Dorfes verheißt nichts Gutes und deutet an, dass auch das Familienfest nicht ohne Konflikte ablaufen wird. Sein jüngerer Bruder Halit (Kaan Yıldırım) ist im Dorf geblieben. Er kümmert sich um den Hof sowie um ihren geistig behinderten, mittleren Bruder Yasin (Sarp Bozkurt). Die Zeit hat Halit zu einem verbitterten Menschen gemacht, da er der Meinung ist, sein Vater habe Deniz und Ceren ihm gegenüber stets bevorzugt.
Wie Deniz erwartet hatte, kommt es schon kurz nach seiner Ankunft bei der Hochzeit zu ersten Meinungsverschiedenheiten. Die Familie des Bräutigams weigert sich, die gesamte Rechnung für die Feierlichkeiten zu übernehmen, was vor allem Halit wütend macht. Auch das Wiedersehen der beiden Brüder verläuft alles andere als friedlich, als Deniz versucht, die angespannte Situation zu deeskalieren. Ceren beschäftigt derweil eine ganz andere Sorge, denn ein Geheimnis, von dem nur sie und ihr Bräutigam wissen, könnte die gesamte Heirat aufs Spiel setzen und damit auch ihre Möglichkeit, dem als verflucht geltenden Familienbesitz zu entkommen.
Erinnerungen, Geister und Flüche
Als Kind wurde Regisseur Ferit Karahan Zeuge eines Ereignisses, das ihn nicht mehr loslassen sollte. Um die Schmerzen eines an Krebs erkrankten Mannes zu lindern, badete man diesen in einem großen Kessel mit heißem Wasser. Da er dies damals nicht einordnen konnte, verstörte ihn dieses Bild lange Zeit und hat auch heute noch eine große Wirkung auf ihn – weshalb es zu einem der zentralen Momente für seinen neuen Film Djinn Wedding wurde, der auf dem Toronto Film Festival 2026 Premiere hatte.
Wenn man die Beschreibung seines Films auf der Homepage des Festivals liest, könnte man denken, bei Djinn Wedding handele es sich um ein Horrordrama. Jedoch sieht Karahan sein Werk eher als eine Familientragödie, bei der der Aberglaube einen von vielen Aspekten darstellt, der die Familie in den Augen der Dorfgemeinschaft zu Außenseitern macht. Mit einem Gruselfilm gemein hat Djinn Wedding aber die Idee eines verwunschenen oder verfluchten Ortes, den – aufgeladen durch die Traumata und die Erinnerungen der Familienmitglieder – eine düstere Aura umgibt.
Es ist eine karge, trockene und sehr trostlose Landschaft, die das Haus der Familie umgibt. Als die vier Geschwister noch Kinder sind, suchen sie gemeinsam nach Ablenkungen, Geschichten und Spielen, mit denen sie sich etwas unterhalten können. Derweil ist ihre Mutter schon seit Tagen ans Bett gefesselt, viele Dorfbewohner und Verwandte sind im Haus und ihr Vater versagt ihnen den Zutritt. Stattdessen sollen sie bei ihrem Nachbarn übernachten, der sie zähneknirschend bei sich aufnimmt – auch er weiß um den Fluch der Familie, der die Kinder wie ein unsichtbarer Schatten begleitet. Dieser Schatten ist es auch, den Karahans Film wie einen Mantel um die Figuren sowie die Räume legt, die sie betreten, sodass nichts Trost spendet und sie immer wieder zurückwirft auf eine beunruhigende Erinnerung oder jenen Fluch, der auf der Familie lastet. Auch wenn es der Titel andeutet, gibt es in Djinn Wedding keinerlei Geister, wie man sie aus dem Horrorgenre kennt, denn jener vage Fluch an sich hat die Menschen zu Geistern gemacht. Karahan erzählt von Menschen, die irgendwie nicht wirklich sind, denn sie leben zwischen der Wirklichkeit und einer anderen Welt, die man das Geisterreich nennen kann oder eben die Welt jener Erinnerungen, über die man lieber schweigen sollte.
Über was man schweigen muss
Djinn Wedding schafft es über seine gesamte Laufzeit, jene unbestimmte (An-)Spannung zu halten. Jedes Bild scheint aufgeladen zu sein, genauso wie die vier Geschwister stets nervös, erschöpft oder zutiefst unglücklich wirken. Demet Özdemirs Figur kratzt ein kleines Stück der vertrockneten Tapete von der Wand und zerknirscht es mit den Zähnen, bevor sie es hinunterschluckt. Sie will den Ort verspeisen, der im Gegenzug sie zu verschlingen droht – eine Rechnung, bei der man sich nicht sicher ist, ob sie tatsächlich aufgeht. Ihre Brüder Halit und Deniz haben andere Wege gefunden, um sich gegen den „Fluch“ zu wehren, doch weder das unberechenbare Temperament des einen noch die Weltflucht des anderen scheint ein erfolgversprechendes Mittel zu sein, wenn es darum geht, seiner Vergangenheit zu entkommen. Die Schauspieler deuten immer wieder den inneren Konflikt und den Schmerz ihrer Figuren an, lassen jedoch alles im Vagen und Undeutlichen, was konsequent ist für eine Geschichte, in der sich vieles in einer emotionalen Grauzone abspielt.
Im Kern geht es bei Djinn Wedding um Heimat und Heimatlose. Da man über Erinnerungen ebenso wenig spricht wie über Gefühle, bleibt eine Anspannung oder vielmehr ein „Fluch“, der auch viele Jahre nach der Kindheit noch auf einem Ort lastet. Das Haus der Familie, so beschreibt es eine Nachbarin, ist auf dem Haus von Vertriebenen gebaut worden. Das Land war hart umkämpft, heißt es an einer anderen Stelle im Film, und nun habe man sich dort angesiedelt – in der Hoffnung, eine neue Geschichte beginnen zu können. Es ist nur fatal, wenn die Geister der Vergangenheit noch immer dort sind und in den Herzen der Menschen wohnen.
OT: Cinlerin Düğünü
Land: Türkei
Jahr: 2026
Regie: Ferit Karahan
Drehbuch: Ferit Karahan
Kamera: Serdar Özdemir
Besetzung: Demet Özdemir, Kaan Yıldırım, İlhan Şen, Sarp Bozkurt, Helin Kandemir, Evliya Aykan, Tuba Ünsal, Baki Davrak, Erol Babaoğlu
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