
Der Schweizer Simon Baumann hat zwei bekannte Eltern. Sein Vater Ruedi Baumann, der aus einer Bauerndynastie, und seine Mutter Stephanie Baumann-Bieri, die aus einer Arbeiterfamilie stammt, waren früh in der Umweltbewegung aktiv, der sie bis heute verbunden geblieben sind. Abseits ihres Bauernhofs in Suberg setzten sie sich als Nationalräte auch politisch für eine ökologische Landwirtschaft ein – und waren häufig in Talkshows, Gesprächs- und Diskussionsrunden im Fernsehen zu Gast. Während ihr zweiter Sohn, Simons jüngerer Bruder Kilian Baumann, den Eltern in die Landwirtschaft und Politik gefolgt ist, hat Simon einen Weg als Filmemacher eingeschlagen.
In seinem neuen Dokumentarfilm setzt er sich mit dem Erbe seiner Eltern auseinander, und zwar nicht nur, was deren gesellschaftspolitisches, sondern auch ganz konkret das monetäre Vermächtnis anbelangt. Seit einigen Jahren leben Stephanie und Ruedi auf einem großen biologischen Hof in Frankreich, den der Vater gern im Familienbesitz behalten würde. Doch weder Simon noch Kilian, der seinen eigenen Hof in der Schweiz betreibt, werden den Hof in Frankreich übernehmen können. Wie mit diesem Erbe umgegangen werden soll, wirft innerhalb der Familie viele Fragen auf.
Kritisches Vermächtnis
Zwanzig Monate nach seiner Uraufführung beim Locarno Film Festival 2024 kommt der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm des Schweizer Regisseurs Simon Baumann auch in die deutschen Kinos. Wir Erben, in dem sich der 1979 geborene Filmemacher am Beispiel seiner eigenen Familie mit komplexen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt, nahm direkt vom Lago Maggiore den ersten Preis mit nach Hause ins 150 Kilometer entfernte Suberg. Dort ist Baumann nicht nur auf dem Bauernhof seiner Eltern aufgewachsen, sondern lebt mit seiner eigenen Familie bis heute; in einer alten Ölmühle, die er von seinen Eltern geerbt und aufwendig saniert hat. Baumanns Film lief in Locarno in der Semaine de la critique, deren Grand Prix er gewann. Im Jahr 2025 folgten der Hauptpreis im DOK.deutsch-Wettbewerb des DOK.fests München sowie der Schweizer Filmpreis als bester Dokumentarfilm.
Was Wir Erben so preiswürdig macht, ist dessen feine Balance. In der Regel sind Regisseure nicht gut beraten, Dokumentarfilme über sich selbst und die eigene Familie zu drehen. Denn die Nähe zum Thema verstellt oftmals den Blick. Nicht wenigen solcher Dokus mit persönlichem Fokus mangelt es an einer kritischen Distanz. Und einige verkommen vollkommen zur uninspirierten Nabelschau. Von all dem ist Simon Baumann glücklicherweise weit entfernt. Zum einen, weil er die Frage, wie das Erbe innerhalb seiner Familie geregelt werden soll, gemeinsam mit seiner Mutter Stephanie Baumann-Bieri sehr kritisch sieht und zum anderen, weil er nicht nur seinen Familienmitgliedern auf den Zahn fühlt, sondern auch seine eigene Position klug reflektiert.
Beachtliche Balance
Daraus ergibt sich besagtes Gleichgewicht zwischen persönlicher Nähe und kritischer Distanz, zwischen Privatem und Politischem, zwischen verschiedenen Individuen und der Gesamtgesellschaft. Das Beispiel von Baumanns Familie kann stellvertretend für viele Familien gelten, deren Großeltern- und Elterngeneration sich einen Wohlstand erarbeitet haben, der sich innerhalb der Generation ihrer Kinder und Enkelkinder nur noch schwer aus eigener Kraft erwirtschaften lässt. Wer erbt, ist klar im Vorteil. Was wiederum nicht nur in der Schweiz (und Frankreich), sondern in fast allen westlichen Industrienationen Fragen aufwirft, die die (Generationen-)Gerechtigkeit betreffen und uns noch über Jahrzehnte hinweg beschäftigen werden.
In Wir Erben werden viele dieser Fragen leidenschaftlich, aber nie hitzig, sondern allenfalls verschmitzt und bisweilen auf eine ausgesprochen sympathische Art und Weise ausgefochten. Gerade in dieser Familie, deren Eltern laut dem Regisseur „ökologische Vorläufer“ waren, während sein Bruder und er selbst von den Eltern zu „ökologischen Mitläufern“ gemacht worden seien, ist die Frage nach der Gerechtigkeit evident. Sollte man jedes Steuerschlupfloch ausnutzen, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Milliardäre und Millionäre dieser Welt auch nicht davor scheuen? Oder sollte man den eigenen Idealen treu bleiben, was im Ernstfall hieße, statt den Hof an die eigenen Kinder zu vererben an eine gemeinnützige Stiftung zu verschenken? Auch wenn am Ende nicht auf alle Fragen (zufriedenstellende) Antworten gefunden werden, ist eins sicher: Wir Erben wird auch außerhalb der Schweiz für Diskussionsstoff sorgen.
OT: „Wir Erben“
Land: Schweiz
Jahr: 2024
Regie: Simon Baumann
Buch: Simon Baumann, Kathrin Gschwend
Musik: Roman Nowka
Kamera: Simon Baumann
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