Zum 38. Mal fanden sich die Größen der europäischen Filmszene im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zusammen, um den Europäischen Filmpreis für 2026 zu verleihen. Getragen vom Leitgedanken eines kulturell geeinten Kontinents traten in 22 Kategorien 88 Nominierte gegeneinander an. Zu den Gewinnern zählten am Ende eindeutig Sentimental Value und Sirāt, deutsche Filmschaffende konnten nur in Nebenkategorien abräumen. Abseits der Auszeichnungen lag der Fokus des bunten Programms und der Redner:innen darauf, zu zeigen, wie vielfältig, historisch gewachsen und vor allem familiär die europäische Kinolandschaft mittlerweile geworden sei – eine Qualität, die im jungen und doch schon krisengebeutelten Jahr umso unverzichtbarer erscheine.
Eine bewusst europäische Alternative zu Hollywood
Dass die derzeitige weltpolitische Lage über der Veranstaltung hängen würde, machte Kurator und Moderator Mark Cousins (The Story of Looking) klar. In schweren Zeiten hätten Kultur und vor allem das Kino die Macht, negativen Kräften zu trotzen, verkündete der irisch-schottische Regisseur. Für ein noch prägnanteres Statement sorgte Jafar Panahi: „Schweigen ist eine Beteiligung an der Dunkelheit“, sagte der iranische Filmemacher mit Blick auf die massenhafte Ermordung von Protestler:innen in seinem Heimatland. Für sein aktuelles Drama Ein einfacher Unfall (eine Ko-Produktion mit Frankreich) erhielt er allerdings keinen Preis.
Als bewusstes Gegenstück zu den Golden Globes und Oscars verstand sich die der breiten Masse eher unbekannte Award-Show, mit eigenen Stars, einer eigenen Geschichte und Identität – eben typisch europäisch. Entsprechend waren die knapp vier Stunden von schönen programmatischen Einfällen durchzogen, die diese Einzigartigkeit betonen sollten, etwa durch das Konzept, die jeweiligen Ankünder:innen auf der Bühne wiederum von anderen Filmschaffenden per Audio ankündigen zu lassen … ganz unter Kolleg:innen. Auch hielten viele der Prämierten ihre Reden in der eigenen Landessprache: Jede:r sollte sich eben ausdrücken, wie es am besten passt. Insgesamt war die Stimmung wegen kleinerer organisatorischer Missgeschicke manchmal konfus, manchmal aufgeregt, oft verwundbar, aber gerade deshalb auch sehr menschlich und voller emotionaler Momente.
Sentimental Value überragt die Konkurrenz
Den größten lieferte wohl Liv Ullmann, die für ihr Lebenswerk geehrt wurde und mit zitterndem Körper und brüchiger Stimme den Anwesenden in den vorderen Reihen einige Tränen entlockte. Als perfekten Austragungsort lobte die norwegische Regielegende Berlin und bezeichnete die deutsche Hauptstadt als eine der schönsten Europas. Mit einem Seitenhieb auf Trump, Norwegen könne als Ausrichterland Friedensnobelpreise auch wieder einkassieren, beendete die 87-Jährige ihre sehr bewegende Rede. Eine weitere Ehrung für ihre Leistungen für das Weltkino erhielt Alice Rohrwacher, die 2023 mit La Chimera für die Goldene Palme in Cannes nominiert gewesen war.

Beim wichtigsten Teil des Abends, den Auszeichnungen, gab es allerdings weit weniger Überraschungen. Sentimental Value, Joachim Triers Porträt eines von seinen Töchtern entfremdeten Familienvaters, konnte die begehrten Preise Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Score, Bester Hauptdarsteller und Beste Hauptdarstellerin für sich einfahren. Der norwegische Regisseur zeigte sich ergriffen und dankte vor allem seiner Ehefrau Helle Bendixen; vom Dune-Star Stellan Skarsgard kam dagegen eine rekordverdächtige Ansprache von 30 Sekunden, die auch ein paar der nachfolgenden Preisträger:innen belustigt aufgriffen. Ganz in Weiß gekleidet, rundete Renate Reinsve die skandinavische Dominanz bei der Verleihung ab, Leonie Benesch ging für ihre Rolle als Pflegerin in Heldin leider leer aus.
Sirāt triumphiert in den handwerklichen Kategorien
Die deutsche Oscar-Einreichung In die Sonne schauen musste sich ebenso in fast allen Rubriken geschlagen geben, nur beim Kostümdesign konnte das Historienepos in Person von Sabrina Krämer etwas Handfestes mitnehmen. Nur in zwei weiteren Nebensparten stammten die Gewinner:innen aus Deutschland: Zum einen hatte das Produzententrio Maren Ade, Jonas Dornbach und Janine Jackowski bereits im Dezember für seine – vom Kulturförderfonds des Europarats geförderte – Firma Komplizen Film den Eurimages International Co-Production Award erhalten. Zum anderen wurde Torsten Witte für sein Maskenbild im schrägen Lanthimos-Streifen Bugonia ausgezeichnet.
Neben Sentimental Value war der zweite Abräumer des Abends Óliver Laxes Sirāt. Der formal zwischen seinen Konkurrenten herausstechende, verstörende Wüsten-Roadmovie konnte fünf Auszeichnungen für Kamera, den Schnitt, Ton, Szenenbild und Casting Director ergattern. Erwähnenswert sind außerdem die Auszeichnungen des aus Rijeka stammenden Kroaten Igor Bezinović für seinen Dokumentarfilm Fiume o morte! und des französischen und von Natalie Portman mitproduzierten Animationsfilms Arco.
| Bester europäischer Film | ||
|---|---|---|
| Sieg | Sentimental Value | |
| nominiert | Afternoons of Solitude | |
| Arco | ||
| Dog of a God | ||
| Fiume o Morte! | ||
| Ein einfacher Unfall | ||
| Little Amelie | ||
| Olivia and the Invisible Earthquake | ||
| Riefenstahl | ||
| Sirāt | ||
| Songs of Slow Burning Earth | ||
| In die Sonne schauen | ||
| Tales from the Magic Garden | ||
| The Voice of Hind Rajab | ||
| With Hasan in Gaza | ||
| Beste Regie | ||
| Sieg | Sentimental Value | Joachim Trier |
| nominiert | Bugonia | Yorgos Lanthimos |
| Ein einfacher Unfall | Jafar Panahi | |
| Sirāt | Óliver Laxe | |
| In die Sonne schauen | Mascha Schilinski | |
| Beste Darstellerin | ||
| Sieg | Sentimental Value | Renate Reinsve |
| nominiert | Case 137 (Dossier 137) | Léa Drucker |
| Duse | Valeria Bruni Tedeschi | |
| Heldin | Leonie Benesch | |
| Love Me Tender | Vicky Krieps | |
| Bester Darsteller | ||
| Sieg | Sentimental Value | Stellan Skarsgard |
| nominiert | Franz K. | Idan Weiss |
| La Grazia | Tony Servillo | |
| Sirāt | Sergi López | |
| The Last Viking | Mads Mikkelsen | |
| Bestes Drehbuch | ||
| Sieg | Sentimental Value | Eskil Vogt, Joachim Trier |
| nominiert | Ein einfacher Unfall | Jafar Panahi |
| La Grazia | Paolo Sorrentino | |
| Sirāt | Santiago Fillol,Oliver Laxe | |
| In die Sonne schauen | Mascha Schilinski, Louise Peter | |
| Bester Dokumentarfilm | ||
| Sieg | Fiume o Morte! | |
| nominiert | Afternoons of Solitude | |
| Riefenstahl | ||
| Songs of Slow Burning Earth | ||
| With Hasan in Gaza | ||
| Bester Animationsfilm | ||
| Sieg | Arco | |
| nominiert | Dog of a God | |
| Little Amelie | ||
| Olivia and the Invisible Earthquake | ||
| Tales from the Magic Garden | ||
| Bester Erstlingsfilm – Prix FIPRESCI | ||
| Sieg | On Falling | |
| nominiert | Little Trouble Girls | |
| My Father’s Shadow | ||
| EFA Young Audience Award | ||
| Sieg | Siblings | |
| nominiert | Arco | |
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I Accidentally Wrote a Book
|
||
| Beste Kamera | ||
| Sirāt | Mauro Herce | |
| Bester Schnitt | ||
| Sirāt | Cristóbal Fernández | |
| Bestes Szenenbild | ||
| Sirāt | Laia Ateca | |
| Beste Kostüme | ||
| In die Sonne schauen | Sabrina Krämer | |
| Bestes Maskenbild | ||
| Bugonia | Torsten Witte | |
| Beste Musik | ||
| Sentimental Value | Hania Rani | |
| Bester Ton | ||
| Sirāt | Yasmina Praderas, Amanda Villavieja, Laia Casanovas | |
| Preis für ein Lebenswerk |
||
| Liv Ullmann | ||
| Beste europäische Leistung im Weltkino | ||
| Alice Rohrwacher | ||
| Europäischer Koproduzentenpreis – „Prix EURIMAGES“ | ||
| Maren Ade, Jonas Dornbach & Janine Jackowski | ||
| Bester Kurzfilm | ||
| Sieg | City of Poets | |
| nominiert | Being John Smith | |
| L’Avance | ||
| Man Number 4 | ||
| The Flowers Stand Silently, Witnessing | ||
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