Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste
Ronald Zehrfeld als Autor Max Frisch in "Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste" (© Wolfgang Ennenbach / Sava Hlavacek / Simona Pampallona / Anna Krieps / MFA+ / Alamode Film)

Ronald Zehrfeld [Interview 2023]

Ronald Zehrfeld ist ein deutscher Schauspieler und kann bereits auf eine große Filmografie zurückschauen. Neben zahlreichen Fernsehauftritten wie etwa in 4 Blocks oder in Tatort: Der feine Geist war er auch schon im Theater zu sehen. Zehrfeld wurde unter anderem bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis, dem Grimme-Preis und dem Deutschen Schauspielerpreis 2016 ausgezeichnet.

Für die film-rezensionen.de-Redaktion gab der Schauspieler 2021 ein Interview zu Philipp Leinemanns Politthriller Das Ende der Welt, in dem er einen BND-Beamten spielte. Nun ist er als Schriftsteller Max Frisch in Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (Kinostart: 19. Oktober 2023) zurück auf der Leinwand. Zu dem Spielfilm von Margarethe von Trotta, in welchem er neben Vicky Krieps, die Ingeborg Bachmann verkörpert, spielt, haben wir ihm ein paar Fragen stellen können.

Wie hast du die Dreharbeiten von Ingeborg Bachmann: Reise in die Wüste für dich wahrgenommen?

Die Dreharbeiten waren ein Geschenk für mich, ebenso wie Margarethe kennen zu lernen. Ich bewundere sie für die ganzen Filme, die sie schon großen Frauenpersönlichkeiten gewidmet hat. Ich denke da zum Beispiel an Hannah Arendt oder an Rosa Luxemburg. Das sind nur einige Beispiele. Und ich denke, sie hat einen ganz großen Beitrag zur Emanzipation geleistet. Ich hatte außerdem das große Glück, mit Vicky Krieps spielen zu können und auch das war ein Geschenk.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass dieses klassische Rollenverständnis von Mann und Frau in einer Gesellschaft so tief verankert war, dass man sich dieses Besitzstanddenken gar nicht vorstellen kann. Dann weißt du aber, aufgrund von Briefen und Überlieferungen von Adolf Opel, dass die zwei Persönlichkeiten natürlich eine private Seite hatten und dass man sie nur auf ihrem Erfolgssockel der Nachkriegsliteratur und der Poesie kennt.

Als du das das Drehbuch dann in Händen gehalten hast: Wie hast du die Rolle Max Frisch für dich wahrgenommen?

Ich weiß noch, wie ich beim Durchlesen des Drehbuchs zu Margarethe sagte: „Das ist aber ein ganz schönes Arschloch, ne? Ich versuch ihn aber mal sympathisch darzustellen, so dass er zumindest nachvollziehbar wird.“ Dann sind wir auf diese Reise gegangen – ich war noch nie in Rom vorher. Das war ein Geschenk genauso wie Max Frisch zu spielen, den ich nur aus Schulzeiten von Homo Faber und Gantenbein kannte – und auch diese beiden Bücher hatte ich nicht wirklich durchgelesen, da hatte ich andere Schwerpunkte wie über Mauern kletten und Kirschen klauen z. B.

Und plötzlich ist der Film da und man konnte sich vergegenwärtigen: Die beiden hat es wirklich gegeben und sie haben ihren Preis dafür bezahlt, dass wir heute so selbstverständlich miteinander umgehen können, dass wir unsere geschlechtliche Identität wählen dürfen, dass wir uns ausdrücken können und dass wir zu diesen drei Nachkriegsgenerationen zählen, die in Frieden aufwachsen. Ja. Es war ein Geschenk in meinem Leben.

Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste
Szenenbild aus „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“: die Lyrikerin Ingeborg Bachmann (Vicky Krieps) und Autor Max Frisch (Ronald Zehrfeld) (© Wolfgang Ennenbach / MFA+ / Alamode Film)

Wie hast du dich auf deine Rolle vorbereitet?

Ich kannte im Zuge der Vorbereitungen zwei, drei Gedichte von Ingeborg. Die Romane von Max Frisch, die habe ich ein paar Tage quergelesen, obwohl Margarethe gesagt hat: „Lass das alles, denn es geht um komplett andere Töne. Es geht um eine komplett andere Welt, die so bisher noch nicht gezeigt wurde.“ Es geht um diese zwei Größen, die beide ein Ego haben, beide ihrer Zeit voraus sind und etwas versuchen, was es damals einfach nicht in der Form gegeben hat.

Ich kann ja nur für mich sprechen: In der Rolle des Max Frisch hatte ich das Gefühl, diese Frau imponiert ihm so sehr. Die hat so einen Esprit. Die sagt klar, was sie denkt und ist dann auch noch mit so einem Glück gepriesen, dass sie so tolle Gedichte schreibt. Sie hat einfach ihr Ding gemacht. Gleichzeitig wollte Max Frisch auch so sein wie seine eigenen Romanfiguren. Er hats aber nicht vermocht. Er ist auf seine Weise auch verbrannt in dieser Beziehung, aber hat natürlich den einfachen Weg genommen und ist einfach aus dieser Beziehung ausgestiegen. Er hat nach der Beziehung mit Ingeborg Bachmann nie wieder eine starke Frau an seiner Seite gehabt, sondern nur Frauen, die devot waren, ihm zugearbeitet haben.

Im Fokus steht das Beziehungsdrama zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Wie hast du das für dich erlebt?

Ich glaube, diese Reibungen, die sowohl inhaltlich als auch beruflich waren, haben auch Früchte getragen. Sie haben sich gegenseitig befruchtet. Und es gibt diese andere Seite der Beziehung, die einen schaudern lässt. Dieses klassische Rollenverständnis, die Nachkriegszeit, 50er, 60er Jahre. Da ist Max Frisch dann bockig wie so ein großes Kind, trampelt, wenn Ingeborg plötzlich mehr Aufmerksamkeit bekommt, obwohl er genau das ja im privaten Zimmer anhimmelt und vergöttert und es toll findet, wie selbstverständlich die Frau mit ihren Wünschen und Fragen umgeht.

Und dazwischen die Amplituden zu finden mit Margarethe zusammen, die in diesen Dreharbeiten völlig aufgegangen ist, die am liebsten zu uns in die Suite klettern wollte oder ins Bett oder an den Schreibtisch, in die Schreibmaschine rein. Das hat uns eine Menge Respekt abgerungen für Margarethe. In ihrer Biografie gibt es zum Beispiel auch viele Parallelen zur Biografie Ingeborg Bachmanns. Es  sind ihre Filme, ihre Themen, ihre Fragen, die einem Respekt abverlangen. Ja, ich muss wieder darauf zurückkommen: Es war einfach ein Geschenk.

An jeder Ecke in Rom oder in Zürich oder Wien erzählt sie von den Zeiten, in denen es nicht selbstverständlich war als Frau so auszugehen, als Frau so klar auszusprechen, was sich keine andere Frau sonst getraut hat.  Es ist für mich eine große Ehre, dass ich mit dem Film ein Teil ihres Lebenswerkes bin.

Hast du einen Moment, von dem du sagen würdest: „Das war der schönste Moment des Films für mich?“

Der schönste Moment war die Drehzeit. Heute würden wir viel schnellere Filme machen. Mit mehr Schnitten und man hätte vielleicht noch mehr Dreck unter den Fingernägeln und man könnte noch mehr den Abgrund zeigen. Margarethe hat natürlich mit ihrer Ästhetik und ihrem Stil als Filmemacherin in dem Film bewusst eine Geschwindigkeit, eine Farbe, einen Geschmack gewählt.

Bei Dreharbeiten können ja immer wieder besondere Momente passieren: Die Magie des Augenblicks. Kannst du da vielleicht aus dem Nähkästchen plaudern?

Das war Vicky Krieps für mich. Diese tolle Kollegin erlebt zu haben, mit ihr diese Fallhöhen auszuloten.

Mit welcher Leidenschaft, mit welcher Liebe und mit welcher Aufmerksamkeit Vicky Krieps in jeder Szene da war und es ermöglicht hat, als Ingeborg und ich als Max diese komplizierte Beziehung auszuloten. Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: Wir sind auf eine spannende Suche gegangen.

Hast du aktuell schon Pläne oder Ideen für weitere Projekte?

Da bin ich eigentlich immer ein bisschen abergläubisch. Ich kann sagen, welche Projekte ich beendet habe. Projekte, die in der Pipeline sind oder vor mir liegen, darüber spreche ich ungern. Ich habe gerade ein tolles Projekt beendet mit Natja Brunckhorst. Sie hat gerade ihren zweiten Film gemacht und war damals Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Davon wird man sie wahrscheinlich kennen. Das war auch eine wunderbare Reise mit großartigen Kollegen.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg noch weiterhin.



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