Ronald Zehrfeld ist ein deutscher Schauspieler, bekannt durch seine zahlreichen Auftritte in TV- und Filmproduktionen sowie im Theater. Schon während der Ausbildung an der Schauspielschule „Ernst Busch“ Berlin trat er im Deutschen Theater in Berlin auf und wurde von Regisseur Peter Zadek entdeckt und gefördert. Nach weiteren Theaterrollen gab Zehrfeld sein Spielfilmdebüt in Stephan Schiffers’ Kurzfilm Goldjunge (2005). Darauf folgten Rollen in Produktionen wie Dominik Grafs Der rote Kakadu, Frauke Finsterwalders Finsterworld (2013) und Philipp Leinemanns Wir waren Könige (2014). Vielen Kinozuschauern ist Zehrfeld auch durch seine Zusammenarbeiten mit Regisseur Christian Petzold (Barbara, Phoenix) bekannt. Im Fernsehen trat Zehrfeld in Produktionen wie Thomas Bergers Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen (2008), Dominik Grafs Das unsichtbare Mädchen (2011) oder der Serie 4 Blocks auf, um nur einige wenige Titel zu nennen.

Bereits für eine seiner ersten Rollen, in Grafs Der rote Kakadu, wurde Zehrfeld für den New Faces Award nominiert. Für seien Mitwirkung in Dominik Grafs Serie Im Angesicht des Verbrechens (2010) gewann er den Grimme-Preis sowie den Deutschen Fernsehpreis, den er sich mit dem Ensemble der Serie teilt. Darüber hinaus erhielt er sowohl den Deutschen Filmpreis wie auch den Deutschen Schauspielerpreis für seine Rolle in Lars Kraumes Der Staat gegen Fritz Bauer.

In Philipp Leinemanns Politthriller Das Ende der Wahrheit spielt Ronald Zehrfeld die Rolle des BND-Beamten Martin Behrens, der nach dem tragischen Tod seiner Freundin einer Verschwörung in den eigenen Reihen auf die Spur kommt und zu einer Gefahr für deren Drahtzieher wird.  Anlässlich der TV-Ausstrahlung des Films am 16. August 2021 um 20.15 Uhr im ZDF unterhielten wir uns mit dem Darsteller über das Besondere an dem Projekt wie auch der Rolle, die Zusammenarbeit mit Regisseur Philipp Leinemann und die Aktualität der Geschichte.

Der Film beginnt mit einem Zitat des russischen Autors Leo Tolstoi, welches besagt, dass man die Wahrheit finden könne, indem man die Lügen miteinander vergleiche. Wie verstehst du das Zitat und wie aktuell ist diese Aussage?

Diese Aussage wird immer aktuell bleiben. Für die Wahrheit wie für eine Lüge brauche ich ein Ereignis. Durch die Auseinandersetzung mit dem Ereignis entsteht dann die Wahrheit oder eben die Lüge. Jeder hat das Recht, die eigene Wahrheit zu verfassen und auf Basis des Wissens, das ihm vorliegt, bei seiner Behauptung zu bleiben oder sich durch neue Fakten von einer neuen, veränderten Wahrheit überzeugen zu lassen. Für mich ist Wahrheit dehnbar und viel komplexer, als es den Anschein hat. Durch neue Informationen kann die Wahrheit von gestern schnell überholt werden. Man merkt auf einmal, dass das Thema um ein Vielfaches komplexer ist, als man vorher dachte, und demnach auch die Wahrheit komplexer sein muss.

Das Zitat am Anfang des Filmes sagt nicht nur aus, dass ich die Wahrheit finde, indem ich die Lügen miteinander vergleiche, sondern auch, dass die Lügen mit der Wahrheit verbunden sind. Daneben gibt es noch diesen Graubereich zwischen diesen beiden Größen, mit dem wir immer wieder konfrontiert werden.

Dieser Prozess, den du beschreibt, fasst eigentlich gut zusammen, welche Entwicklung deine Figur im Film durchmacht. Hat dich das auch an der Figur als solcher interessiert?

Absolut. Wie Philipp Leinemann, der Regisseur von Das Ende der Wahrheit, bin ich sehr neugierig und interessiere mich für Politik, die deutsche Geschichte und unsere Gegenwart. Als Kreative versuchen wir unsere Fragen, was diese Prozesse angeht, über das Medium Film zu stellen und nach Antworten zu suchen. Diese Suche zieht sich durch den Film an sich, die Rollen und die Geschichte, aber auch die Nachbesprechungen oder Fragerunden mit dem Publikum nach einer Vorstellung. Als wir 2007 die Idee zu dem Film hatten, wussten wir, dass vieles in Sachen Terrorbekämpfung und Abhören von Menschen beim CIA passiert und fragten uns, ob es so etwas auch in Deutschland gibt. Mittlerweile sind wir der Wahrheit  ein Stück näher gekommen oder haben zumindest einen Eindruck davon bekommen, was in Organisationen wie dem BND abläuft.

Es ist aber nur ein Bruchteil des Gesamtbildes. Wir müssen mehr Transparenz schaffen, damit die Zusammenhänge aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und besser verstanden werden können. Das Hinterfragen von Aussagen oder Informationen ist wichtig und das Ergebnis der Prüfung mehrerer Fakten, ein Prozess, der gerade in einer Demokratie einen großen Wert hat. Diese Freiheit zu haben und diese Möglichkeit ist sehr wertvoll, besonders im Vergleich mit Ländern wie der Ukraine, wo das System kritische Medien und deren Vertreter wegen gerade dieser Punkte verfolgt. In der Zeit der Corona-Krise gibt es bei Philipp und mir noch viele andere, neue Fragen, auf die wir gerne Antworten hätten.

Gab es für die Figur des Martin Behrens eigentlich irgendwelche realen Vorbilder?

Da es sich um einen fiktiven Stoff handelt, ist es natürlich notwendig, gewisse inszenatorische Hilfsmittel zu nutzen, damit die Emotionen der Figur glaubwürdig für den Zuschauer sind. Eines dieser Mittel ist das Motiv der großen Liebe, die bei einem Anschlag stirbt und für Martin ein Motor ist, Zusammenhänge genauer zu hinterfragen und Antworten zu finden auf Fragen, die er vorher nicht gestellt hat. Diese Zerrissenheit der Figur, die dabei entsteht, war für mich als Schauspieler wiederum interessant darzustellen, denn durch seine Suche gerät Martin in einen Sumpf aus Lügen und auf die Spur einer Verschwörung, die tief verbunden ist mit der Sphäre internationaler Politik.

Du bist auf der einen Seite ein sehr emotionaler Schauspieler, aber auf der anderen Seite auch ein sehr körperlicher Darsteller, wenn man beispielsweise sieht, wie verwundet und erschöpft deine Figur im Finale von Das Ende der Wahrheit ist. Welcher Aspekt der Rolle ist für dich die größte Herausforderung gewesen?

Die größte Herausforderung für mich ist es, meinen Figuren, die ich spiele, eine Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dafür gebe ich 100 Prozent, was aber immer noch nicht garantiert, dass mir die Zuschauer auch glauben. Meine Spielweise ist eine sehr physische, weil ich sehen will, wie dieser Mensch leidet, sich freut oder weint. Auch bei einer Figur wie Martin Behrens, an die jemand anders vielleicht eher kopflastiger herangegangen wäre. Wenn mir der Zuschauer Figur und Motivation abnimmt, habe ich viel erreicht. Versteht das Publikum die Motivation nicht, dann zerfällt die Figur oder es kommt zur einem Moment der Irritation, weil man sich fragt, warum er das alles eigentlich macht.

Martin ist letztlich nicht mehr derselbe, der er noch am Anfang des Filmes war, wenn man ihn in den letzten Bildern von Das Ende der Wahrheit sieht. War diese Entwicklung und diese Dramaturgie schon im fertigen Drehbuch?

Nein, das war ein Prozess. Der Regisseur hatte eine Vorstellung von Martin Behrens, die ich dann in meiner Interpretation umgesetzt habe. Ich hatte die Möglichkeit, Spielangebote zu machen, mich einzubringen und wir haben meine Figur gemeinsam weiterentwickelt. Als Schauspieler ist es toll, eine Figur wie Martin Behrens, die so eine Entwicklung durchmacht, zu spielen. Lange nicht jede Rolle ermöglicht einem Szenen wie in Das Ende der Wahrheit. Darüber hinaus war es großartig mit einem Ensemble zusammenzuspielen, dem Darsteller wie Alexander Fehling, der für seine Rolle auch ausgezeichnet wurde, Claudia Michelsen, Axel Prahl oder Antje Traue angehören.

Gerade Alexander spielt mit Patrick Lemke eine Figur, die von der Physis her das komplette Gegenteil zu meiner Figur bildet, was das Zusammenspiel und die gemeinsamen Szenen wirklich immer sehr spannend und ambivalent gemacht hat. Ich liebe beispielsweise die Szenen vor dem Süßigkeitenautomaten, wenn sie zum ersten Mal erkennen, dass sie zwar gemeinsame Ziele verfolgen, aber noch nicht genug Zeit hatten, einmal miteinander ausführlich zu reden. Die Szene, in der sie den BND-Chef aufklären müssen über das, was sie herausgefunden haben, ist das erste Mal, dass sie beide eine gemeinsame Sprache sprechen. Wenn man diese unterschiedlichen Herangehensweisen und Körperlichkeiten nutzen kann und eine Szene so ausfüllen kann, ist das ein großes Geschenk.

Genauso spannend sind die Szenen mit Claudia Michelsen als Chefin des Geheimdienstes, die immer auf der Hut davor ist, wem sie was anvertraut und mit welchem Ziel sie die Preisgabe einer Information verknüpft. Dass Phlipp Leinemann bei dem geringen Budget, das uns zur Verfügung stand, es schaffte, ein solches Ensemble zu vereinen und einen Film zu machen, der mit internationalen Produktionen mithalten kann, ist mehr als beachtlich.

Du bist als Darsteller sowohl in der Welt des Theaters als auch im Film zu Hause, wenn man das so sagen kann. Deine Kollegin Lilith Stangenberg hat einmal gesagt, dass auf der Bühne zu stehen sei, wie das Anlegen einer Rüstung, wohingegen vor der Kamera zu agieren bedeute, man sei im metaphorischen Sinne nackt. Wie siehst du das?

Das ist ein sehr schöner Vergleich, den Lilith aufgestellt hat. Ich werde immer wieder von Journalisten gefragt, ob ich lieber im Film oder auf der Bühne spiele. Film und Bühne sind sich einerseits ähnlich, aber dann auch wieder sehr verschieden. Auf der Bühne zu stehen heißt, dass du für diese Vorstellung oder für diesen Abend echt bist. In dieser Rüstung, zu der die Bühne, die Technik, die Kostüme und auch der zeitliche Rahmen eines Stückes zählen, verhandelt man seine Emotionen. Im Film braucht man eigentlich keine Rüstung. Man dreht zusammen mit einem Team über mehrere Wochen und muss sich bei seinen Szenen öffnen oder nackt sein, wie Lilith das beschrieb, damit man wahrhaftig ist.

Vielen Dank für das nette Gespräch.



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