Sophia, der Tod und ich
© DCM / Stephan Rabold / Niklas Marc Heinecke / Mike Krüger / Martin Farkas

Sophia, der Tod & ich

„Sophia, der Tod & ich“ // Deutschland-Start: 31. August 2023 (Kino)

Inhalt / Kritik

Irgendwie klingelt es heute ständig an der Tür von Reiner (Dimitrij Schaad). Erst sind es drei Zeuginnen Jehovas. Dann steht ein kreidebleicher Typ (Marc Hosemann) vor der Tür und behauptet allen Ernstes, er sei der Tod und gekommen, um Reiner zu holen. Während es dabei zu einer seltsamen Erfahrung kommt, meldet sich die Klingel ein drittes Mal. Diesmal handelt es sich um Reiners Exfreundin Sophia (Anna Maria Mühe), die ihn mitnehmen will, um zum Geburtstag seiner Mutter (Johanna Gastdorf) zu fahren. Der Tod lässt sich aber nicht so leicht abschütteln, fühlt er sich seiner Arbeit doch sehr verpflichtet. Und dabei ist er nicht der Einzige, ein zweiter Tod (Carlo Ljubek) heftet sich ebenfalls an die Fersen der Truppe, um den verpatzten Auftrag des ersten zu Ende zu führen …

Der Tod und die Menschen

Der Tod ist ein Konzept, das für die meisten so unvorstellbar ist, dass sie sich gar nicht erst damit beschäftigen wollen. Und doch gibt es immer wieder Beispiele in der Unterhaltungsindustrie, wie eben dieser Tod zu einer Figur gemacht wird, um damit etwas Spaß zu haben. Kultstatus hat beispielsweise die Version in Terry Pratchetts Scheibenwelt, die immer wieder durch trockenen Humor und Großbuchstaben auf sich aufmerksam macht. Dann ist da das letzte Kapitel in Monty Pythons Der Sinn des Lebens. Wunderbar ist auch die Serie Dead Like Me – Tote wie wir über den Alltag mehrerer Sensenmänner und Sensenfrauen. Mit Sophia, der Tod & ich kommt nun auch eine deutsche Interpretation vom Ende des Lebens hinzu. Und selbst wenn diese international vermutlich nicht die Popularität der obigen Beispiele erreichen wird, so ist auch sie unbedingt sehenswert.

Zugrunde liegt dem Ganzen dabei das gleichnamige Buch von Thees Uhlmann aus dem Jahr 2015. Dieser ist eigentlich als Musiker bekannt, sei es mit seinen Solo-Werken oder mit der Band Tomte. Hin und wieder nutzt er sein sprachliches Talent aber auch in gedruckter Form. Und das ist ein Glücksfall, für die Leser und Leserinnen ebenso wie für das deutsche Kino, das mit Sophia, der Tod & ich einen der ungewöhnlichsten Filme des Jahres spendiert bekommt. Das Schöne an dem Film ist, wie er das Besondere und das Alltägliche miteinander verbindet. Wie hier kuriose Szenen und völlig überzeichnete Figuren auf Situationen und Themen treffen, bei denen man sich doch immer mal wieder selbst entdeckt. Denn auch wenn es hier oft ganz komisch und ganz irre zugeht, im Mittelpunkt stehen die Menschen und ihre Verhältnisse zueinander. Charly Hübner, der nach der Musikdoku Wildes Herz sein Spielfilmdebüt als Regisseur vorlegt, verliert bei all dem Grotesken nie seine Charaktere aus den Augen.

Eigenwillig und wunderbar

So hat Reiner einige Beziehungen, die nicht wirklich funktionieren, bei denen zuvor etwas kaputt gegangen ist. Da ist die zu seiner Ex Sophia, die sich nicht kampflos aus seinem Leben verabschiedet. Auch bei der Mutter ist einiges, was noch in Ordnung gebracht werden muss, bevor es zu spät ist. Und dann wäre da noch Johnny (Mateo Kanngiesser), ein Sohn von Reiner aus einer früheren Beziehung, dem er regelmäßig Postkarten schreibt, zu dem er aber keinen persönlichen Kontakt hat. Das Motiv, dass jemand vor seinem Tod noch eine Aussöhnung sucht, ist natürlich nicht neu. In Die Rumba-Therapie hat vor einigen Wochen ein Mann nach einem Herzinfarkt ebenfalls den Kontakt zu seinem unbekannten Kind gesucht. Es ist auch nicht so, als würden am Ende der Reise in Sophia, der Tod & ich Erkenntnisse gewonnen sein, die man zuvor nicht hatte.

Aber es macht doch jede Menge Spaß, sich mit dieser schrulligen Truppe auf eine letzte gemeinsame Reise zu begeben. Das liegt einerseits an eigenwilligen Einfällen, beispielsweise ein nicht ganz alltäglicher Kampf zwischen den zwei konkurrierenden Toden. Vor allem aber die Figuren und das Ensemble liefern unentwegt gute Gründe, warum man ihnen Gesellschaft leisten darf. Dimitrij Schaad darf wie schon in Die Känguru-Chroniken den verpeilten Träumer geben, um den sich alles dreht, der selbst aber kaum aktiv wird. Vom Rest kann man das kaum behaupten, die dürfen richtig aufdrehen. Vor allem Marc Hosemann (Zwei im falschen Film) lässt wirklich keine Gelegenheit ungenutzt, richtig dick aufzutragen, und zelebriert dabei das Overacting. Diese Mischung aus Übertriebenem und Persönlichem, aus krachendem Humor und emotionaler Besinnlichkeit muss man natürlich mögen, um mit dem Film etwas anfangen zu können. Ist das gegeben, ist das tragikomische Sophia, der Tod & ich ein wunderbares, zuweilen märchenhaftes Roadmovie, der einen Leben und Tod mit etwas anderen Augen sehen lässt.

Credits

OT: „Sophia, der Tod & ich“
Land: Deutschland
Jahr: 2023
Regie: Charly Hübner
Drehbuch: Lena May Gray
Vorlage: Thees Uhlmann
Musik: Jörg Golasch, Steiner & Madlaina
Kamera: Martin Farkas
Besetzung: Dimitrij Schaad, Anna Maria Mühe, Marc Hosemann, Johanna Gastdorf, Carlo Ljubek, Lina Beckmann, Josef Ostendorf, Rocko Schamoni

Bilder

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Sophia, der Tod & ich
fazit
Stell dir vor, du besuchst mit deiner Ex und dem Tod deine Mutter. „Sophia, der Tod & ich“ macht aus dieser kuriosen Anfangssituation ein tragikomisches Roadmovie, das mal völlig überzogen ist, mal ganz nah am menschlichen Alltag. Wer sich auf diese starken Schwankungen einlassen kann, findet hier einen wunderbaren Film, wie man ihn im deutschen Kino zu selten zu sehen bekommt.
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