Holy Spider
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Holy Spider
„Holy Spider“ // Deutschland-Start: 12. Januar 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Maschhad, 2001: Der 50-jährige Familienvater Saeed (Mehdi Bajestani) sieht es als seine göttliche Mission, die Straßen der heiligsten Stadt des Iran zu „säubern“. Für ihn bedeutet das, die Prostituierten in der Stadt zu ermorden. Anders als in der Öffentlichkeit Maschhads stoßen die Taten Saeeds auf das Interesse der aus Teheran angereisten Journalistin Rahimi (Sahra Amir Ebrahimi). Sie macht sich auf der Suche nach der Identität des „Spinnenmörders“ und stößt dabei auf starke Behinderungen durch die Behörden und Bevölkerung.

Making a Martyr

Als Publikum einen Serienmörder bei den Morden und einer Journalistin auf der Suche nach dessen Identität zu begleiten, klingt zunächst nach einem recht beliebigen Serienmörder Film. Und ja, Holy Spider weist gerade in der ersten Hälfte viele Merkmale von Genre-Kollegen auf. Psychologisierung des Täters, Ego-Spiele durch die Berichterstattung über Morde, Kommunikation mit Polizei bzw. Presse, all das ist kein Novum. Spätestens in der zweiten Hälfte geht Holy Spider dann aber in eine etwas andere Richtung. Und zwar wird hier nicht nur Polizei, etc. kritisiert, sondern letztlich eine komplette Gesellschaft. Nach und nach erfährt Saeed immer mehr Bestätigung aus der Öffentlichkeit.

Selten wurde ein Serienmörder so gesellschaftsfähig gemacht. Es schockiert, welche Ablehnung die Opfer und welche Zuneigung der Täter bekommt. Ein Mann aus der Mitte der Gesellschaft, von seiner Familie geliebt, von der Gesellschaft verehrt. Besonders spannend ist dabei auch, wie gut es der Film schafft, fast schon so etwas wie Sympathie für den Täter zu kreieren. Natürlich sind das immer nur einzelne Momente, bis man sich wieder im Klaren darüber ist, was hier gerade passiert, aber es zeigt sehr beeindruckend, wie schnell wir bereit sind, etwas hinzunehmen, wenn es immer wieder heißt, es sei doch okay.

Konvention der Angst

Eine zentrale Rolle dabei spielt Konvention. Ohne Konvention bzw. das Hinterfragen dieser ist ein solches Auftreten eines Mörders nicht möglich. Und wie sich zeigt, ist ohne das Hinterfragen von Konvention Rechtsstaatlichkeit und letztlich auch eine funktionierende Gesellschaft nicht möglich. Das entscheidende Stichwort ist hier Sittenpolizei. Denn die Konsequenz einer Polizei, die über geltendes Recht hinaus Menschen kontrolliert, sie einschränkt, ist zum einen eben das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und zum anderen ein komplettes Misstrauen der Bevölkerung untereinander.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt sich unter anderem durch die Hindernisse, die Rahimi in den Weg gelegt bekommt. So ist das einerseits die völlige Hilflosigkeit gegenüber Behörden und letztlich deren Lust, zu kooperieren und andererseits die Dysfunktionalität einer komplett vergifteten Gesellschaft, sei es das Misstrauen gegenüber den Medien, Misogynie, die Ablehnung des Bildungsbürgertums, etc. Holy Spider zeichnet ein Bild von einer Gesellschaft, die ideologisch und sozial zutiefst gespalten ist, verlernt hat, mündig zu sein und nur auf der Suche danach ist, sich einer Mehrheit anzupassen, auch wenn es bei der Unterstützung eines Serienmörders ist. Es entsteht ein System, das sich selbst immer weiter verstärkt, wie das Ende des Films suggeriert und die Realität tragischerweise zeigt.

Ein Land am Boden

Entsprechend düster, aussichtslos und eindeutig ist Holy Spider auch. Während andere iranische Filmemacher*innen wie beispielsweise Asghar Farhadi (A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani) oder der mittlerweile inhaftierte Jafar Panahi (Taxi Teheran) in ihren Filmen zwar auch Kritik an der iranischen Regierung und Gesellschaft üben, geschieht dies oft ambivalent und mit einem Rest an Respekt für Land und Leute. In Holy Spider ist das anders. Regisseur und Co-Drehbuchautor Ali Abbasi (Border), der den Iran bereits 2002 verlassen hat, zeichnet ein Bild von einem verrotteten Land. Regierung, Behörden und weite Teile der Öffentlichkeit werden als moralisch korrupt und heuchlerisch dargestellt, ohne Respekt für Menschenwürde und Menschenrechte.

Inszenatorisch erinnert Holy Spider daher auch immer wieder an einen Film Noir, der von sphärischen und dröhnenden Klängen begleitet vor allem das Ziel hat, das hässliche Gesicht einer Stadt, eines Landes, einer Gesellschaft zu zeigen. Getragen von weiten und leeren Bildern, mehr eine zugemüllte Betonwüste als eine heilige Stadt, ist Maschhad selbst nur ein Spiegelbild für eine Gesellschaft. Eine Stadt, deren religiöse, kulturelle und spirituelle Bedeutung im Iran unvergleichlich und daher jedes Jahr das Ziel Millionen Pilgernder ist, aber gleichzeitig der Handlungsort eines solch grotesken Schauspiels ist. Besonders interessant ist daher auch, dass der Film nicht in Maschhad, sondern in Jordanien gedreht wurde, etwas das Abbasi in einem Interview mit dem Hollywood Reporter neben der politischen Notwendigkeit auch mit der Austauschbarkeit nahöstlicher Städte begründet.

Spätestens dadurch wird klar, dass Holy Spider ein Film ist, der die komplette Konfrontation sucht und nur wenig an moralischer Ambivalenz oder Zwischentönen interessiert ist. Überdramatisiert, überstilisiert und nur das Bild des Westens von einem Land am Boden, gegeißelt von einem übermächtigen und erzkonservativen Klerus, bestätigend. Das könnte man dem Film vorwerfen und hätte damit wohl auch irgendwo recht. Die Frage ist aber, ob es einen solchen Film momentan braucht. Einen Film, der sanfte Reformen fordert, anstatt einen Film, der die Wut für die letzten 43 Jahre Missentwicklung in sich trägt. Und genau dieser Film ist Holy Spider. Holy Spider ist kein differenziertes Porträt der iranischen Bevölkerung, aber das will er auch gar nicht sein. Er will der Kraftstoff für eine Stimmung des Aufbruchs, eine Stimmung der Veränderung, eine Stimmung der Revolution sein. Und das gelingt ihm.

Credits

OT: „Holy Spider“
Land: Dänemark, Frankreich, Deutschland, Schweden
Jahr: 2022
Regie: Ali Abbasi
Drehbuch: Ali Abbasi, Afshin Kamran Bahrami
Musik: Martin Dirkov
Kamera: Nadim Carlsen
Besetzung: Zar Amir Ebrahimi, Mehdi Bajestani, Arash Ashtiani, Forouzan Jamshidnejad, Sina Parvaneh, Nima Akbarpour

Bilder

Trailer

Interview

Wer mehr über den Film erfahren möchte: Wir hatten die Gelegenheit mit Regisseur Ali Abbasi ein Interview über Holy Spider zu führen.

Ali Abbasi [Interview]

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Holy Spider
fazit
„Holy Spider“ zeichnet ein bedrückendes Bild von der iranischen Gesellschaft, das nicht sonderlich differenziert, dafür aber umso kraftvoller ist. Zwar weicht die historische Genauigkeit der Ereignisse häufig der passenden Dramaturgie und Inszenierung, dadurch werden Strukturen, Motive und letztlich auch die Kritik aber nur umso deutlicher. Filmisch und erzählerisch ist „Holy Spider“ sicherlich angreifbar, aber er liefert auch etwas, das darüber hinaus geht.
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