Full Time A plein temps
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Full Time

Full Time A plein temps
„Full Time“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Früher einmal, da muss das Leben von Julie (Laure Calamy) richtig gut gewesen sein. Aktuell ist davon aber nichts mehr zu spüren. Ihre Ehe ist gescheitert, mit einem undankbaren Job als Zimmermädchen in einem Luxushotel hält sie nur mit Mühe und Not sich und ihre beiden Kinder über Wasser, die sie seit der Trennung alleine groß zieht. Eigentlich würde sie gern zurück zu ihrem alten Berufsumfeld, dem Marketing. Doch die Angebote halten sich bei der Mittvierzigerin schwer in Grenzen. Und schon die Suche nach einer neuen Arbeit wird zu einem großen Hindernis: Julies Tagesablauf zwischen Arbeit und ihren Mutterpflichten fressen alle zeitlichen Kapazitäten auf. Da kann sie die diversen Streiks im Transportwesen, die jede Fahrt zum Hotel zu einer Odyssee werden lassen, ganz und gar nicht gebrauchen …

Eine Frau zwischen Arbeit und Familie

Bei dem Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau geht es nicht nur darum, dass beide dieselben Rechte haben und denselben Lohn für dieselbe Arbeit erhalten sollen. Es bedeutet auch, dass Frauen überhaupt der Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht wird. Denn auch wenn sich die Geschlechterbilder in den letzten Jahrzehnten ein wenig gewandelt haben, so obliegt es meist immer noch den Frauen, sich um die Kinder zu kümmern. Das wird vor allem dann ein Problem, wenn die Frau alleinstehend ist, der Mann nichts beisteuern kann oder will. Full Time greift dieses Thema auf, wenn wir hier einen Einblick in das Leben von Julie bekommen, die sich tagtäglich dieser schwierigen Aufgabe stellt. Die tagtäglich kurz davor steht, in einen tiefen Abgrund zu fallen bei dem Versuch überall gleichzeitig zu sein.

Das Szenario ist natürlich nicht neu oder auch ungewöhnlich. Vielmehr schildert der Film eine Situation, die weltweit Menschen nur zu bekannt vorkommt. Ungewöhnlich ist jedoch, wie Eric Gravel dies umsetzt. Anstatt ein herkömmliches Sozialdrama daraus zu machen, wie es bei dem Thema zweifellos naheliegend gewesen wäre, setzt der kanadische Regisseur und Drehbuchautor bei seinem zweiten Spielfilm auf Tempo. Full Time gewährt weder der Protagonistin noch dem Publikum nennenswerte Ruhepausen. Die wenigen Momente, wenn es doch mal danach aussieht, werden gleich wieder anderweitig torpediert. Überhaupt zeigt der Film auf, dass Planungen mehr oder weniger sinnlos sind. Jeder Tag im Leben der alleinstehenden Mutter besteht aus Mikro-Improvisationen, wenn man wieder irgendwas gerade schiefläuft, sei es bei der Arbeit, auf dem Weg dorthin oder privat.

Rastloser Überlebenskampf

Verbunden ist der Versuch, diese regelmäßigen und zugleich unplanbaren Schwierigkeiten zu lösen, mit jeder Menge Druck. Vor allem zeitlich hat Julie kaum je Gelegenheit mal innezuhalten, weswegen sie ständig am Machen und Tun ist. Zuweilen auch am Rennen, wortwörtlich, die Arbeit wartet nicht auf sie. Ein bisschen erinnert Full Time an der Stelle an Good Time. So wie Robert Pattinson damals durch die Nacht rannte, ist auch Laure Calamy ständig auf Achse. Nur dass bei ihrer Figur keine Verbrecher der Grund zur Eile sind, sondern das Leben selbst. Wenn sie zu spät kommt, muss sie nicht direkt Angst um ihr Leben haben. Und doch ist die Dringlichkeit nicht wirklich viel geringer, wenn es immer um alles zu gehen scheint. Niemand kann vorhersagen, was passiert, wenn die Nanny wegfällt oder die Arbeit ausbliebt.

Für eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema bleibt auf diese Weise nicht wirklich Zeit. Das Drama, welches bei der Orrizonti Sektion in Venedig 2021 Premiere feierte, ist stärker mit Spannung und einem direkten Erleben beschäftigt als mit einer rationalen Beschäftigung. Das Ergebnis ist etwas anstrengend, aber doch ungemein effektiv. Vor allem der rastlose Auftritt von Laure Calamy (Mein Liebhaber, der Esel & ich) trägt dazu bei, dass man nach Full Time erst einmal eine Zeit lang braucht, um sich wieder zu sammeln, zu verschnaufen und zu verarbeiten, was da in den anderthalb Stunden passiert ist. Eine Lösung hat Gravel nicht zu bieten, es fehlt auch ein Diskurs innerhalb des Films, was außerhalb der Kamikazeaktionen von Julie getan werden kann. So anschaulich wie hier wurde der besagte Druck des täglichen Überlebenskampfes aber nur selten vorgeführt.

Credits

OT: „À plein temps“
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Regie: Eric Gravel
Drehbuch: Eric Grave
Musik: Irène Drésel
Kamera: Victor Seguin
Besetzung: Laure Calamy, Anne Suarez, Geneviève Mnich, Nolan Arizmendi, Sasha Lemaitre Cremaschi

Bilder

Trailer

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Full Time
Fazit
„Full Time“ folgt anderthalb Stunden einer alleinerziehenden Mutter, die zwischen Familie und Arbeit hin und her rennt und dabei immer wieder knapp am Abgrund vorbeischlittert. Eine wirkliche Diskussion ergibt sich daraus nicht. Dafür ist das Drama spannend und schafft es wie kaum ein anderer Film, den Druck zu veranschaulichen, den ein täglicher Überlebenskampf mit sich bringt.
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