Kritik

Mein Liebhaber der Esel und ich Antoinette dans les Cevennes

„Mein Liebhaber, der Esel & ich“ // Deutschland-Start: 22. Oktober 2020 (Kino)

Was hatte sich Antoinette (Laure Calamy) nicht schon darauf gefreut, endlich mehr Zeit mit Vladimir (Benjamin Lavernhe) verbringen zu können. Schon seit Längerem treffen sich die beiden, heimlich jedoch, ist er doch verheiratet und – schlimmer noch – der Vater einer ihrer Schülerinnen. Die Ferien sollen nun die Gelegenheit sein, dass beide sich etwas näher kommen können. So war zumindest ihr Plan. Zu ihrem Entsetzen muss sie jedoch erfahren, dass Vladimir stattdessen mit seiner Familie zum Wandern in die Natur fährt. Ganz so leicht lässt sich Antoinette aber nicht abschütteln. Also reist sie ihm einfach hinterher und meldet sich für eine Trekkingtour mit einem Esel an, ohne zu ahnen dass besagtes Tier sie so richtig auf Trab halten wird …

Wer ist der größere Esel? Der Esel oder der, der dem Esel folgt? Gleich zu Beginn möchte man Antoinette doch beiseite nehmen und ihr ruhig, aber bestimmt sagen, sie möge doch bitte diesen Blödsinn lassen. Etwas mit einem verheirateten Mann anzufangen, in der Hoffnung, dass der irgendwann seine Frau verlässt, das klingt eigentlich nie nach einer guten Idee. Diesem aber noch in den Familienurlaub hinterher zu reisen, lässt einen völlig an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Und auch daran, ob ihr wirklich junge Menschen anvertraut werden sollten, um denen den Weg in ein Erwachsenalter zu zeigen, obwohl sie das offensichtlich selbst nicht wirklich erreicht hat.

Nichts klappt!
Während man aber noch darüber nachgrübelt, ob man sie verachten oder bemitleiden soll, hält Caroline Vignal eine dritte Alternative parat: Man soll darüber lachen. Von Anfang an zeichnet die Regisseurin und Drehbuchautorin ihre Hauptfigur als jemanden, der irgendwie nicht so wirklich was auf die Reihe bekommt, in Fettnäpfchen tritt. Geradezu symbolisch sind die Szenen, in denen sie verzweifelt versucht, Esel Patrick in eine bestimmte Richtung zu bugsieren, der sich aber so gar nicht für ihre Pläne interessiert. Von denen gibt es einige. Mein Liebhaber, der Esel & ich wird zwar als Liebeskomödie verkauft. Der romantische Aspekt hält sich aber sehr in Grenzen, stattdessen ist der Film aber eine Art Pilgerfahrt. Nur mit mehr Situationskomik.

Letztere nutzt sich leider relativ schnell ab. Der französische Film, der eigentlich während der Filmfestspiele von Cannes 2020 hätte gezeigt werden sollen, zeigt sich beim Humor nicht sehr variantenreich. Schade ist auch, dass das komödiantische Talent von Benjamin Lavernhe (Das Leben ist ein Fest, Meine geliebte Unbekannte) so gar nicht genutzt wird. Auch wenn er auf dem Poster an erster Stelle genannt wird, seine Auftritte sind eher kurz. Seine Figur wird zudem nicht mehr als der Mistkerl, der seine Frau betrügt und mit den Gefühlen einer anderen spielt. Doch das ist eben auch das Ziel der Geschichte: Wenn Antoinette ihm hinterher reist, dann nicht, um am Ende in seinen Armen zu landen und den Traum der großen Liebe zu verwirklichen. Mein Liebhaber, der Esel & ich erzählt vielmehr davon, wie jemand endlich lernt, was Sache ist und sich nicht jemanden an den Hals zu werfen, der das gar nicht will.

Selbstfindung mit tierischer Therapie
Der interessantere Teil ist dann auch, wenn sich Mein Liebhaber, der Esel & ich davon löst, aus Antoinettes vergeblicher Liebesreise einen Witz zu machen und sich stärker auf ihre Entwicklung konzentriert. So wie die vielen Roadmovies, welche eine innere Wandlung der Protagonisten und Protagonistinnen zeigen, wird hier die Begegnung mit der Natur zu einer Begegnung mit sich selbst. Vor allem Patrick darf in der Hinsicht gleich mehrere Funktionen übernehmen. Er ist zum einen die Quelle für mehrere Missgeschicke und verzweifelte Situationen. Gleichzeitig wächst er für Antoinette zu einer echten Bezugsperson heran, der sie all ihre Nöte, Gedanken und Gefühle anvertrauen kann. Wie eine Art Therapeut.

Das ist durchaus charmant, zum Ende auch ein wenig rührend. Außerdem profitiert Mein Liebhaber, der Esel & ich natürlich wahnsinnig von der traumhaften Gegend, in der der Film spielt. Nicht ohne Grund wird diese im französischen Originaltitel Antoinette dans les Cévennes besonders hervorgehoben. Sonderlich tiefgründig ist das dann nicht. Die hart erkämpfte Unabhängigkeit der Titelfigur wird zum Schluss auch etwas unnötig gleich wieder verkauft. Aber es ist doch ein nettes Wohlfühlkino, das in diesen Zeiten gleich doppelt willkommen ist. Zum einen lässt uns die Komödie an eine innere Stärke glauben und daran, dass alles am Ende gut ausgeht. Die idyllischen Aufnahmen helfen zudem dabei, den Alltag und die gerade dieses Jahr damit verbundenen Restriktionen für eine Weile zu vergessen – in einer Mischung aus Erleuchtung und Eskapismus.

Credits

OT: „Antoinette dans les Cévennes“
Land: Frankreich
Jahr: 2020
Regie: Caroline Vignal
Drehbuch: Caroline Vignal
Musik: Matei Bratescot
Kamera: Simon Beaufils
Besetzung: Laure Calamy, Benjamin Lavernhe, Olivia Côte

Bilder

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Mein Liebhaber, der Esel & ich
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Mein Liebhaber, der Esel & ich
„Mein Liebhaber, der Esel & ich“ ist eine charmante, wenn auch nicht sonderlich tiefgründige Komödie über eine Frau, die ihrem verheirateten Liebhaber hinterher reist und dabei sich selbst findet. Der Humor ist nicht so wahnsinnig abwechslungsreich, dafür verzaubern die Bilder aus der französischen Idylle – und ein Esel, der zum besten Freund wird.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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