Elvis
© Warner Bros.
Elvis
„Elvis“ // Deutschland-Start: 23. Juni 2022 (Kino)

Inhalt / Kritik

Kann man viel Neues über Elvis Presley (Austin Butler) erzählen, den „King of Rock ’n‘ Roll“? Wohl kaum. Fast jeder kennt sein öffentliches Leben: den Hüftschwung, die Soldatenzeit in Deutschland, seinen allmählichen körperlichen Verfall. Aber wie wäre es mit seinem Manager, dem schillernden Colonel Tom Parker (Tom Hanks)? Für den australischen Regisseur Baz Luhrmann ist der Mann fürs Finanzielle genau der richtige Aufhänger, um nicht nur von der schwierigen Beziehung zwischen Künstler und Geschäftemacher zu erzählen, sondern wie nebenbei auch von Elvis’ Musik und Leben. Von seiner Mutter Gladys (Helen Thomson) seinem Vater Vernon (Richard Roxburgh), die aus armen Verhältnissen kamen. Und von Priscilla (Olivia DeJonge), seiner großen Liebe und späteren Vertrauten, die dem Manager von Anfang an ein Dorn im Auge war und manches Mal dessen Pläne durchkreuzte. All das packt der Film in ein wuchtiges Spektakel um das Showbusiness im Allgemeinen und die amerikanische Gesellschaft der 1950er und 1960er im Besonderen.

Maßloser Rausch

Memphis, 1954: einer der ersten öffentlichen Auftritte eines 19-Jährigen. Ganz in Pink steht er auf der Bühne, zögert, scheint verunsichert. Doch dann legt er los und geht ab wie eine Rakete. Zappelt mit den Beinen, schwingt die Hüften. So viel Sex-Appeal hat die Damenwelt in den prüden 1950ern noch nicht gesehen. Erste Schreie von jungen Frauen lassen die Dämme einer rigiden Sexualmoral erzittern, dann spült eine Flutwelle alles hinweg, was das weiße Amerika bis dahin für heilig hielt. Unterwäsche fliegt auf die Bühne. Baz Luhrmann (Moulin Rouge, 2001) inszeniert das wie eine Orgie, in maßlosem Rausch und vermutlich hemmungsloser Übertreibung. Er darf das, weil die Erzählung zutiefst subjektiv ist. Im Publikum sitzt nämlich der Colonel, der Manager in spe und Erzähler des Films. Für ihn war das Konzert ein Erweckungserlebnis. Er kam her, weil er Elvis im Radio hörte und kaum glauben konnte, dass ein Weißer diese schwarze Mischung aus Blues, Gospel und Country singen konnte. Das allein wäre schon ein Clou gewesen, das den cleveren Geschäftsmann einen Menge Geld wittern ließ. Aber was er nun sah, übertraf seine kühnsten Erwartungen. Für ihn, den ehemaligen Jahrmarkts-Ausrufer, war Elvis die größte Jahrmarktsattraktion aller Zeiten.

So wie Elvis explodiert, explodiert auch der Film. Baz Luhrmann war schon immer bekannt für seinen opulenten Stil, für optisches Feuerwerk, große Oper und unsterbliche Gefühle. Die erste halbe Stunde beginnt wie ein Formel-1-Rennen. Man bangt schon um den Sprit, der vor dem ersten Boxenstopp verbrannt sein könnte. Aber dann schält sich aus dem Schnittgewitter eine künstlerisch beeindruckende und erzählökonomisch clevere Strategie heraus. In einem Wirbel aus Rückblenden und Parallelmontagen fächern sich Elvis’ zentrale Kindheits- und Jugenderlebnisse um den zitierten Auftritt herum auf. So lässt sich der normale Biopic-Ballast einer möglichst vollständigen Nacherzählung mit leichter Hand abwerfen. Das schafft Ruhemomente, die dann tatsächlich – man hatte die Hoffnung schon aufgegeben – in eine vernünftige Balance münden: zwischen Highspeed auf der Bühne und entspanntem Cruisen durch die privaten Höhen und Tiefen.

In der Seele schwarz

Wie sich der Colonel auf sein subjektives Bauchgefühl verlässt, so auch der Regisseur. In seinem aufwühlenden Überwältigungskino haben Ansprüche auf Objektivität und Ausgewogenheit wenig Platz. Baz Luhrmann zeigt uns einen Elvis, wie er ihn sieht. Einen Rebellen, der für Martin Luther King und Bobby Kennedy schwärmt, für den die Afroamerikaner die wahren Kings zeitgenössischer Musik sind, und der immer wieder die Fesseln sprengt, die der Colonel und das Establishment ihm anlegen wollen. Dass sich der echte Elvis um ein Treffen mit Richard Nixon bemühte (und es bekam), bleibt außen vor. Höchstens gestreift werden der exzessive Drogen- und Tablettenkonsum, der maßlose Lebensstil und die enormen Gewichtsprobleme. Darsteller Austin Butler, der Elvis bis in die kleinsten Bewegungen perfekt kopiert, darf bis zum Schluss schlank und rank bleiben. So erzählt der Film die Geschichte einer Kunstfigur: eines jener Superhelden, deren Comics der Sänger in seiner Kindheit so geliebt hat.

Damit reiht sich Elvis ein in Musikerbiografien wie Bohemian Rhapsody (2018) über Freddie Mercury und Rocketman (2019) über Elton John. Sie feiern ihre Helden, lassen sie neu auferstehen und machen Lust, die alten Songs wieder zu hören. Nur dass Elvis Presley noch eine Nummer größer war als seine Nachfolger. Mit seiner Aneignung der schwarzen Musik ebnete er den Weg für andere: die Rolling Stones, die Beatles, Bob Dylan und viele mehr. Da darf man sich vielleicht nicht wundern, dass eine Filmbiografie über Elvis noch bombastischer daherkommt als alles bisher Gesehene.

Credits

OT: „Elvis“
Land: Australien, USA
Jahr: 2022
Regie: Baz Luhrmann
Drehbuch: Baz Luhrmann, Craig Pearce, Sam Bromell, Jeremy Doner
Musik: Elliott Wheeler
Kamera: Mandy Walker
Besetzung: Austin Butler, Tom Hanks, Olivia DeJonge, Helen Thomson, Richard Roxburgh, Kelvin Harrison Jr., David Wenham, Kodi Smit-McPhee

Bilder

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Elvis
Fazit
„Elvis“ ist ein Film für alle, die es gern überlebensgroß haben. Regisseur Baz Luhrmann rollt dem „King“ einen Teppich aus, wie er gekrönten Häuptern gebührt: farbenprächtig, überladen und mit Goldfäden durchwirkt. Ob man dem „echten“ Sänger mit der Schmalzlocke dadurch näher kommt, ist eine andere Frage.
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