Les passagers de la nuit The Passengers of the Night
© 2021 Nord-Ouest Films, Arte France Cinema

The Passengers of the Night

Inhalt / Kritik

Es ist das Paris der 1980er. Zwischen Kaltem Krieg und Mitterand-Euphorie befindet sich Elisabeth (Charlotte Gainsbourg), die, nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde, ihr ganzes Leben neu ordnen muss. So sucht sie sich zum ersten Mal nach Jahren wieder einen Job und landet nach einiger Zeit bei der Radiosendung Les passagers de la nuit. Durch ihre Arbeit begegnet sie der Obdachlosen Talulah (Noée Abita), die sie kurzerhand bei sich aufnimmt. Der Film folgt Elisabeth, ihren Kindern und Tallulah über mehrere Jahre und begleitet sie durch gute und schlechte Zeiten.

Sich durch die Nacht träumen

The Passengers of the Night besitzt eine unglaubliche Atmosphäre. Die Musik, die verzerrten  anamorphen Lichter, die langsamen, berauschenden Kamerafahrten, all das sorgt für die Entfaltung einer beeindruckenden Sogwirkung. Verlorene Seelen sind beim Wandern durch die nächtliche Stadt zu beobachten. In sich gekehrt und doch völlig ungeschützt. Regisseur und Co-Autor Mikhaël Hers (Mein Leben mit Amanda) konserviert, romantisiert und intensiviert dieses Gefühl bis ans Maximum. Recht schnell wird klar, dass politische Debatten nur Randerscheinungen sind und es nur um dieses Gefühl geht. Die Bezeichnung Semantisierung der Zeit und des Raums klappt selten so gut wie hier.

Diese Stimmung und die von ihr geformten Charaktere tragen den Film dabei über weite Strecken. Der Plot ist sehr minimalistisch gehalten und auch die Diskurse sind außer der Frage, was Film soll, äußerst marginalisiert. Das hat zur Folge, dass der Film im zweiten Akt etwas schwächelt, da er kurzzeitig mit seiner Atmosphäre bricht und der Fokus auf den Plot eher misslingt. Dennoch fängt sich Les passagers de la nuit und führt zu einem runden Ende.

Die heile Welt

Wie bereits angedeutet, ist der größte Diskurs des Films, die Aufgabe des Mediums Film bzw. des Kinos. Dabei verkörpert Les passagers de la nuit nicht nur eine bestimmte Gattung, sondern thematisiert konkret deren Daseinsberechtigung. So sei Film eine Möglichkeit, eine irreale Welt zu erschaffen, eine bessere Welt. Und genau daran hält sich Les passagers de la nuit. Zwar passieren durchaus unangenehme Dinge im Laufe des Films, diese werden aber stets so am Rand gehalten, zeitlich distanziert, dass sie fast nur beiläufig werden. Wenn beispielsweise eine Figur die andere fragt, ob sie die Arme einer dritten Figur gesehen habe (gemeint sein dürften damit Male von Heroinspritzen) und die Kamera diese Arme explizit nicht zeigt.

Gerade auch die Erwähnung verschiedener politischer und gesellschaftlicher Debatten wie soziale Ungleichheit, Feminismus und der Kalte Krieg, dann aber ihre Nichtbehandlung und letztlich Nichtigmachung, indem diese Debatten stets den Gefühlen untergeordnet werden, stützen diesen Punkt. Les passagers de la nuit steht für einen Irrationalismus Problemen gegenüber und dem Wunsch, sich diese wegzudenken, wie er nur in der literarischen Romantik vorkommt, fernab von konkreter Auseinandersetzung mit Problemen. Ein interessanter Aspekt dabei ist, die Frage, ob es sich denn nicht nur um die Wunschvorstellung einer bzw. mehrerer Figuren handelt. Das ist natürlich möglich, wäre dann aber durch das häufige Wechseln der Erzählperspektive und das regelmäßige Einstreuen von stimmungsvollen Originalaufnahmen aus dem Paris der 1980er und Bildern, die diesen nachempfunden sind, unnötig kompliziert.

Muss alles Dekonstruktion sein?

Es ist durchaus möglich, den Film auf dieser Grundlage noch ewig weiter zu kritisieren. Dem klassischen Kunstbegriff wird Les passagers de la nuit nicht im Ansatz gerecht. Es ist möglich zu argumentieren, dass ein Fall von Opfertourismus vorliegt, bei dem die Beziehung der Figuren untereinander, aber auch zwischen Publikum und Figuren vor allem auf Mitleid basiert, etc. Dennoch schafft es Mikhaël Hers, das während des Schauens vergessen zu machen. Les passagers de la nuit ist kitschig, besitzt kein grandioses Drehbuch und ignoriert Probleme, aber er besitzt genauso viel Charme, den Hilfeschrei einer von der Pandemie gebeutelten Welt, die Sehnsucht, dass Dinge besser werden.

Vermutlich ist das eine eingeschränkte Weltsicht, aus einer Perspektive, die es sich erlauben kann, Probleme zu ignorieren. Sicherlich ist sie höchst strittig. Fest steht aber, dass die persönliche Wertschätzung für diesen Film davon abhängig ist, wie sehr man sich in ihm verlieren kann, sich auf ihn einlassen kann.

Credits

OT: „Les passagers de la nuit“
Land: Frankreich
Jahr: 2022
Regie: Mikhaël Hers
Drehbuch: Mikhaël Hers, Mariette Désert, Maud Ameline
Kamera: Sébastien Buchmann
Musik: Anton Sanko
Besetzung: Charlotte Gainsbourg, Noée Abita, Emmanuelle Béart, Quito Rayon Richter, Ophélia Kolb, Laurent Poitrenaux

Trailer

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Berlinale 2022

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The Passengers of the Night
Fazit
Romantisch, verträumt und nostalgisch kommt Mikhaël Hers' Werk daher. "Les passagers de la nuit" steht für ein Kino, das eine Wunderwelt erschaffen möchte, die nur leicht an wahre Probleme angelehnt ist. Das ist zwar durchaus kritisch zu betrachten, allerdings erreicht der Film, das, was er sich vornimmt auf so eine beeindruckende Art und Weise, dass "Les passagers de la nuit" ein durchaus kitschiges, aber wirklich tolles Erlebnis ist.
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