Mein Leben mit Amanda

„Mein Leben mit Amanda“ // Deutschland-Start: 12. September 2019 (Kino)

So ganz im Leben angekommen ist der Mittzwanziger David (Vincent Lacoste) ja noch nicht. Mal kümmert er sich um Wohnungen, mal schneidet er Bäume und Hecken, wohin genau die Reise gehen soll, weiß er dabei nicht. Genug zu tun hat er aber auf jeden Fall, auch weil er ein sehr enges Verhältnis zu einer Schwester Sandrine (Ophélia Kolb) und deren Tochter Amanda (Isaure Multrier) hat. Und dann wäre da ja auch noch Léna (Stacy Martin), die neue Mieterin, die es David schon sehr angetan hat. Zumindest privat sieht es also gut aus, er freut sich auch schon auf die gemeinsame Reise nach London, wo sie sich ein Wimbledon-Match anschauen wollen. Doch kurz bevor es soweit ist, kommt es zu einer Tragödie, die nicht nur sein Leben völlig auf den Kopf stellt …

Wie soll man damit umgehen, einen geliebten Menschen verloren zu haben? Dieser Frage ging Mikhaël Hers vor einigen Jahren bereits in Dieses Sommergefühl nach. Damlas erzählte er von dem plötzlichen Tod einer jungen Frau, die eine nicht zu füllende Lücke im Leben ihres Verlobten und der Schwester hinterlassen hat. In Mein Leben mit Amanda kehrt der französische Regisseur und Co-Autor zu diesem Thema zurück, gewinnt diesem aber neue Facetten ab, auch weil er eine andere Perspektive einnimmt. Nicht ohne Grund wurde der Film im Original nach Amanda benannt, dem kleinen Mädchen, das sich mit dem Tod auseinandersetzen muss, obwohl es noch weniger als die Erwachsenen versteht, was dies bedeutet.

Der gemeine Tiefschlag
Anders als bei Dieses Sommergefühl, das gleich mit der Tragödie begann, lässt sich Hers hier sehr viel Zeit, bevor er die emotionalen Daumenschrauben anzieht. Das ist durchaus geschickt. Indem er ausführlich die einzelnen Figuren vorstellt, ihren Alltag und die Beziehungen untereinander, wird der Verlust später umso deutlicher spürbar. Merken wir erst, was es bedeutet, dass da ein Mensch nicht mehr da ist. Das geht natürlich deutlich mehr zu Herzen, gerade auch später, wenn die Hinterbliebenen immer wieder von ihrer Trauer übermannt werden. Mal, weil irgendetwas passiert, das sie erinnert. Mal kommt es auch aus heiterem Himmel, als ob die Schmerzen nur auf einen unaufmerksamen Moment gewartet haben, um wieder mit voller Wucht zuzuschlagen.

Mein Leben mit Amanda ist damit einerseits ein Film, der sich mit der Schwierigkeit auseinandersetzt, sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden. Das kann mal kuriose Formen annehmen, wenn etwa eine Zahnbürste plötzlich zu einem Symbol wird. Doch dahinter steckt die sehr viel universellere Frage: Was bleibt uns von den Leuten, die wir verloren haben? Was wollen wir behalten? Wie viel können wir überhaupt behalten, ohne uns dabei selbst zu Gefangenen zu machen? Dass die Antwort auf eine solche Frage nicht einfach oder eindeutig ist, das leuchtet ein. Die Geschichte ist nach dem Wendepunkt auch erst einmal ohne rechtes Ziel, wenn nur noch von Tag zu Tag gelebt wird, es mal vorwärts geht, mal rückwärts, vieles auch auf der Stelle tritt.

Alles wird gut, vielleicht
Doch gleichzeitig ist das Drama, das auf den Filmfestspielen von Venedig 2018 Premiere hatte, ein Film über das Erwachsenwerden und eine ganz allgemeine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. David, der bislang sowas wie ein großes Kind war, nett, aber tendenziell eher unzuverlässig, manchmal auch etwas trotzig, muss nun auf einmal ganz erwachsene Entscheidungen treffen. Und sehr schwierige Entscheidungen, die man niemandem je wünschen würde. Vincent Lacoste (Sorry Angel, Victoria – Männer & andere Missgeschicke) ist dafür die perfekte Besetzung, mit seiner jugendlich-unbekümmerten Art. Aber auch die Nachwuchsschauspielerin Isaure Multrier in der Rolle der Titelfigur ist wunderbar, wenn sie von Wut über Trauer bis zur Naivität sämtliche Facetten verinnerlicht, die ihre Figur ausmacht.

Dass dem Film ein wenig die Überraschungen fehlen und er zum Ende hin sogar ein bisschen Wohlfühlstimmung verbreiten will, das sei ihm verziehen. Mein Leben mit Amanda will dann eben doch auch Mut machen, ein Triumph sein über das Traurige und Hässliche dieser Welt. Über eine sinnlose Gewalt, die uns schwer verwundet und ratlos zurücklässt. Denn auch wenn man manchmal nicht versteht, was um einen herum geschieht, und man mit der Situation überfordert ist. Das Leben findet am Ende doch einen Weg. David und Amanda zusammen zu sehen, da möchte man einfach glauben, dass es vielleicht doch auch wieder gut werden kann, selbst wenn es sich gerade nicht danach anfühlt.

Mein Leben mit Amanda
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Mein Leben mit Amanda
„Mein Leben mit Amanda“ zeigt uns den Alltag einer kleinen Familie vor und nach einer Tragödie. Das Drama bringt uns so die Figuren näher, zeigt wunderbare kleine Momente und sehr schmerzhafte, die einem auch als Zuschauer nahegehen. Das ist fabelhaft besetzt und funktioniert auch als Muntermacher, wenn der schwere Umgang mit Verlust am Ende doch gelernt werden kann.
8von 10

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