Annette
© Alamode Film

Inhalt / Kritik

Annette
„Annette“ // Deutschland-Start: 16. Dezember 2021 (Kino) // 22. April 2022 (DVD/Blu-ray)

Mit seinen Auftritten stößt Henry (Adam Driver) andere immer wieder vor den Kopf. Gleichzeitig feiert der umstrittene Stand-up-Comedian aber auch genau damit große Erfolge, das Publikum hängt an seinen Lippen. Auch Ann (Marion Cotillard) ist auf der Bühne zu Hause, die Opernsängerin ist weltweit gefragt. Umso größer ist die Freude der Klatschpresse, als heraus kommt, dass ausgerechnet diese beiden ein Paar sind. Mehr noch, sie haben sich sogar verlobt. Später werden sie heiraten und mit Annette ein kleines Töchterchen bekommen. Nichts scheint das junge Glück trüben zu können, so sieht es zumindest nach außen hin aus. Während die beiden in den folgenden Monaten die Schlagzeilen dominieren, kommt es jedoch zu ersten Rissen zwischen den beiden …

Lang erwartete Rückkehr eines Exzentrikers

So richtig produktiv ist Leos Carax nicht gerade im Hinblick auf seinen Spielfilm-Output. Gerade einmal ein halbes Dutzend hat der Regisseur bislang gedreht, bei einer Karriere, die inzwischen knapp 30 Jahre umfasst. Entsprechend lange heißt es immer warten, bis es mal wieder Nachschub von Franzosen gibt. Zwischen Pola X und Holy Motors lagen ganze 13 Jahre. Neun Jahre später folgt nun mit deutlicher Verspätung Annette. Dafür darf man sich bei dem notorisch eigenwilligen Filmemacher immer darauf freuen, dass seine Werke etwas Besonderes sind. Werke, die man vielleicht nicht immer ganz versteht, die dafür aber auch umso unvergesslicher sind. Und das gilt dann auch für sein jüngstes Baby, mit dem er einige neue Wege einschlägt und zugleich doch unverkennbar anders bleibt.

Ein wichtiger Unterschied: Mit Annette legt er sein lang erwartetes englischsprachiges Debüt vor, was auch neue Möglichkeiten der Besetzung mit sich bringt. Stars waren dabei natürlich schon vorher immer wieder in den Filmen von Carax zu sehen, allen voran die beiden großen französischen Schauspielerinnen Juliette Binoche und Catherine Deneuve. Diese illustre Runde wird um Marion Cotillard (La Vie en Rose) und Adam Driver (House of Gucci) erweitert. Wer jedoch deshalb denkt, der Autorenfilmer würde auf den Mainstream schielen, der sieht sich getäuscht. Vielmehr bleibt er seinem Image treu und drehte mit der Geschichte eines kriselnden Promipaares ein Drama, das in mehrfacher Hinsicht schwer verdaulich ist.

Tanzend in den Abgrund

Dabei geht das Musical noch schwungvoll los, wenn die beiden durch die Stadt tanzen und singen und ihnen sich dabei immer mehr Leute anschließen. Das ist zwar kein West Side Story, aber doch so nah dran an klassischer Unterhaltung, wie man es bei Carax wohl nie vermutet hätte. Doch dieser Eindruck täuscht. Gesungen wird auch später immer wieder. Tatsächlich gibt es relativ wenig Dialoge, was vor allem bei einem Film mit einer Laufzeit von rund 140 Minuten auffällt. Aber ein Lied sagt mehr als tausend Worte. Manchmal zumindest. Annette sagt in diesen Liedern aber nicht, dass alles ganz toll und romantisch ist, wie man es aus solchen Musicals oft kennt. Vielmehr wird hier ausführlich gezeigt, wie eine Ehe zunehmend auseinanderbricht.

Maßgeblich dafür verantwortlich ist dabei Henry. Schon früh wird er als polarisierender Narzisst beschrieben, der es liebt, andere vor den Kopf zu stoßen, dabei aber auf die Aufmerksamkeit anderer angewiesen ist – weswegen sein Karriereknick fürchterliche Folgen hat. Ein Egozentriker, der mit Humor seine Abgründe offenlegt und gleichzeitig von Selbsthass zerfressen ist. Sympathisch ist ein solcher Mensch natürlich weniger. Dafür aber faszinierend: Der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes 2021 ist ein beeindruckend gespieltes Porträt, verbunden mit gesellschaftskritischen Elementen. Ob es nun sensationslüsterne Medien sind, Besitzansprüche des Publikums oder auch #MeToo, in dem Strudel des scheiternden Paares blitzen reihenweise hässlicher Elemente auf.

Surreal, hörenswert, aber etwas lang

Diese Verweise auf Abgründe der realen Welt verbindet Annette mit einigen surrealen Elementen, wie man es bei Carax gewohnt ist. Zu viel sollte man im Vorfeld nicht darüber wissen, da einige der Ereignisse so unerwartet kommen, dass es schade wäre, sie vorwegzunehmen – wobei es nicht nur auf das „was“, sondern auch das „wie“ ankommt. Auch dafür ist das Musical-Drama sehenswert, etwas Vergleichbares wird man in diesem Genre kaum finden. Schade ist jedoch, dass die Figur der Ann bei dem Egotrip ein wenig untergeht und zu selten Gelegenheit bekommt, mehr als die Frau an seiner Seite zu sein. Außerdem macht sich die lange Laufzeit irgendwann dann doch bemerkbar. Dafür gibt es zahlreiche hörenswerte Lieder, die auf die Brüder Ron und Russell Mael zurückgehen, die zusammen das Duo Sparks bilden und zusammen mit dem Regisseur am Drehbuch arbeiteten. Auch wenn „schöne“ Lieder dabei eher Mangelware sind, die düstere Richtung wird beibehalten: Die Musik trägt dazu bei, dass der Film gleichzeitig irre und tieftraurig ist.

Credits

OT: „Annette“
Land: Frankreich, Belgien, Deutschland
Jahr: 2021
Regie: Leos Carax
Drehbuch: Leos Carax, Ron Mael, Russell Mael
Musik: Ron Mael, Russell Mael
Kamera: Caroline Champetier
Besetzung: Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg

Bilder

[tab;Trailer]

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Cannes 2021 Goldene Palme Nominierung
Beste Regie Leos Carax Sieg
Beste Musik Ron Mael, Russell Mael Sieg
Golden Globes 2022 Beste Hauptdarstellerin (Komödie oder Musical) Marion Cotillard Nominierung
Prix Lumières 2022 Bester Film Nominierung
Beste Regie Leos Carax Nominierung
Beste Musik Ron Mael, Russell Mael Nominierung
Beste Kamera Caroline Champetier Nominierung

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Annette
Fazit
„Annette“ ist ein überbordendes Musical-Drama um zwei Prominente, deren Ehe nach einem enthusiastischen Auftakt immer hässlicher wird. Der Film fasziniert dabei als Porträt eines selbsthassenden Egozentrikers, verbunden mit gesellschaftskritischen Elementen. Das ist faszinierend, auch wegen der zunehmenden surrealen Elemente, hat aber Längen und hat über die Frau sehr viel weniger zu sagen.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10