Nach seinem gefeierten Debütfilm Der Bunker legt der deutsch-griechische Filmemacher Nikias Chryssos mit A Pure Place (Kinostart: 25. November 2021) seinen zweiten Spielfilm vor. Darin erzählt der Regisseur und Co-Autor die Geschichte zweier Geschwister, die von einem Sektenführer aufgenommen werden und fortan auf einer abgelegenen Insel leben. Doch das vermeintliche Paradies stellt sich als zwiespältig heraus: Während die einen an der schönen Inseloberfläche leben, schuften die anderen in den Kellern und stellen eine spezielle Seife her, mit der sich die Sekte vom Schmutz der Welt reinwaschen will. Wir haben uns mit Nikias Chryssos bei der Premiere auf dem Filmfest München 2021 getroffen und über sein Werk, Zweiklassengesellschaften und das Konzept der Reinheit unterhalten.

 

Könntest du uns ein bisschen über die Entstehungsgeschichte von A Pure Place erzählen? Du hast ja schon an dem Film gearbeitet, als wir uns damals über Der Bunker unterhalten haben.

Das stimmt. Die Idee war sogar schon vor Der Bunker da. Damals hat die Geschichte noch nicht in Griechenland gespielt, es gab aber die Konstellation der Figuren. Zum einen machte die Verlegung inhaltlich Sinn. Eine Insel bietet sich natürlich an für die Geschichte, die wir erzählen, mit der Isoliertheit der Gemeinschaft. Und es war auch für mich schön, mit dieser griechisch-deutschen Mythologie spielen zu können. Zum anderen brachte das für Alexis von Wittgenstein, der den Film produziert hat, interessante Förderungsmöglichkeiten mit sich. Damals waren deutsch-griechische Produktionen noch sehr selten.

Die Hauptrolle spielt mit Sam Louwyck weder ein Deutscher, noch ein Grieche, sondern ein Belgier. Wie kam es denn dazu?

Ich hatte Sam Louwyck in Ex Drummer gesehen und mochte ihn darin sehr gern. Er hatte aber auch einen Film mit einer italienischen Regisseurin gedreht, in dem er einen deutschen Vater gespielt hat. Da hat er auch tatsächlich Deutsch gesprochen, natürlich mit einem belgischen Akzent. Klar ist das ein wenig seltsam in einem griechisch-deutschen Film. Aber wir wollten A Pure Place ohnehin als eine Art Fantasy anlegen und fanden, dass das zur Verfremdung beiträgt, wenn jemand mit einem ganz eigenen Akzent spricht. Er war auch sofort dafür zu haben, weil es für ihn interessant war, einen Sektenführer zu spielen.

Wenn man deine beiden Filme miteinander vergleicht, zeigen sich da schon einige Gemeinsamkeiten. Da hast bei Der Bunker und A Pure Place jeweils einen in sich geschlossenen Raum, fernab von der Zivilisation und teilweise unterirdisch. Was fasziniert dich so sehr an diesem Setting?

Gute Frage. Das muss ich selbst noch herausfinden. (lacht) Mir ist aufgefallen, dass ich schon bei meinen Kurzfilmen von Orten ausgegangen bin. Ich hatte einen Kurzfilm, der hieß Hochhaus. Da war die Hochhauswelt der Mikrokosmos. Ich denke, meine Faszination hat mehrere Gründe. Das eine ist, dass sich diese Orte filmisch spannend gestalten lassen. Das andere ist, dass sich Leute so zurückziehen in ihre eigene Welt und darin etwas selbst erschaffen. Es gibt auch bei Der Bunker schon diese sektenhaften Züge innerhalb dieser Familie, die im Untergrund lebt und Heinrich channelt. Da gibt es also schon Überschneidungen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die Idee zu A Pure Place damals schon mitgeschwungen ist, als ich an Der Bunker gearbeitet habe, und deshalb diese wiederkehrenden Elemente drin sind.

Was wolltest du denn mit A Pure Place sagen?

Das ist natürlich schwierig, auf eine einzelne Aussage runterzubrechen. Aber wenn wir von einem Bild ausgehen, dann ist es das der beiden Geschwister, die an der Peripherie von Athen in Armut leben, mit einer drogenabhängigen Mutter, und die in eine auserwählte Welt gerettet werden. Die ist der komplette Kontrast, weil alles total auf Reinheit ausgelegt ist, also eine Extremform darstellt. Fust ist dabei ein sehr selbstgerechter Mensch, der für sich in Anspruch nimmt, andere aus dem Dreck zu retten und diese sogar selbst als Dreck ansieht. Die Sekte ist schon sehr wahnhaft, gerade im Hinblick auf die Einteilung der Menschen in Kategorien. Das abschließende Bild ist, wie sich die Geschwister in dieser Disco eine eigene kleine Welt schaffen und diese selbst gestalten können, nachdem sie vorher fremdbestimmt waren. Ob diese Welt jetzt wirklich paradiesisch ist oder nur ein für die Kinder ebenfalls undurchschaubares Kunstprodukt, bleibt offen. Der Film ist eine Kritik an einem solchen ausbeuterischen System, auch an dessen falschen Versprechen. Den Kindern wird immer wieder gesagt, dass sie sich nur anstrengen müssen, dann kommen sie irgendwann nach oben. Aber das stimmt eben nicht, oder zumindest nur zum Teil.

In A Pure Place wird gesagt, dass es die Leute dort unten braucht, damit die sich oben waschen können. Das Thema der Zweiklassengesellschaft ist uns allen natürlich bekannt. Auch in unserer Gesellschaft werden Menschen ausgebeutet und gibt es einige wenige, die sich daran bereichern. Kann es überhaupt eine Gesellschaft ohne diese zwei Klassen geben?

Ich hoffe ja. Es ist in der aktuellen Situation sehr schwer vorstellbar, weil diese Diskrepanz zwischen denjenigen, die sehr, sehr viel haben, und denjenigen, die in prekären Verhältnissen leben, so groß ist. Wir leben bei uns in einer Wohlstandgesellschaft, bei der das vielleicht nicht ganz so krass ist wie in anderen Ländern, wo die Leute wirklich in Müllhalden suchen müssen, um zu überleben. Aber es ist auch bei uns ein wichtiges Thema, wie Reichtum fair verteilt werden kann. Viele von denen, die in Reichtum leben, wurden in diese Position hineingeboren. Und dieses Ungleichgewicht, welches von Geburt an herrscht, muss irgendwie entschärft werden.

Kommen wir auf das Thema Reinheit. Es geht dabei zum einen natürlich schon auch um eine äußere, wenn sich die Leute mit einer ganz speziellen Seife waschen. Es geht aber vor allem um eine innere Reinheit. Gibt es das überhaupt? Kann man innerlich rein sein?

Ich denke, das ist eher eine Behauptung dieser Sekte, dass du durch die äußerlichen Rituale innerlich rein wirst. Aber was soll das heißen? Vielleicht so, wie es Siegfried bei dem Theaterstück sagt, indem man das Unreine, das Böse, das Schlechte oder wie auch immer du es nennen willst, von sich abspaltet. Dabei gehört dieser Teil zu einem dazu. Und diesen nicht anerkennen zu wollen, das hat etwas Krankhaftes. Das erinnert mich ein bisschen an diese Sekundärtugenden, die früher so propagiert wurden: Du bist ein anständiger Mensch, wenn deine Kleidung sauber ist. So typisch preußische Tugenden wie Disziplin oder Pünktlichkeit. Das war wichtiger als die Art und Weise, wie man sich anderen gegenüber verhält. Der äußere Schein eben. Und das gibt es ja heute noch: das sauber geputzte Haus, die schöne Fassade, die verbergen soll, was dahinter ist.

Dieses Spiel mit einer äußeren Fassade und dem dahinter bietet sich immer für Satiren an. Bei Der Bunker war das noch recht stark ausgeprägt, A Pure Place ist mehr ein Drama. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?

Es gab verschiedene Phasen in der Entwicklung dieser Geschichte, da dies über einen längeren Zeitraum ging. Die erste Fassung war noch sehr viel satirischer. Das ging eher in Richtung South Park. Sie war auch viel epischer und wäre ein Drei-Stunden-Film geworden. Wir hatten viel mehr Vorlauf, wir haben von den Eltern der Kinder gesprochen und dem Leben im Heim. Der ganze Teil des Ankommens, wenn wir mit den Kindern die Welt kennenlernen, hat viel mehr Platz eingenommen. Davon sind wir weggegangen und damit auch von der äußeren Perspektive. Jetzt erzählen wir aus der Sicht der Kinder, die schon dort leben. Das hat sicher dazu beigetragen, dass wir vom Satirischen weg sind. Klar mag ich das auch, wenn es grotesk oder bizarr ist. Und zum Teil ist das in A Pure Place noch drin.  Aber ich wollte nach Der Bunker auch einfach etwas machen, das eine etwas andere Tonalität hat.

Du hast eben schon angesprochen, dass der Blick von außen ganz anders sein kann als der von innen. Das zeigt sich gerade auch bei der Sekte, die für Außenstehende total bizarr ist und kaum zu erklären. Warum fallen die Leute dennoch auf so etwas herein?

Zum einen geht das mit einem Gefühl einher, auserwählt worden zu sein, wenn du zu so einer Gruppe gehörst, die klar umgrenzt ist wie bei den wenigen Leuten im Film, die auf der Insel wohnen. Es gibt einem auch eine Sicherheit, wenn man völlig daran glaubt und alle Zweifel beiseite wischt. Das kann schon sehr verführerisch sein, wenn man sonst in einer Welt lebt, in der so vieles unsicher ist. In der man Angst vor Krankheiten oder Umweltkatastrophen hat. Insofern kann ich das nachvollziehen, wenn die Leute sich davon abschirmen wollen. Abschirmung muss ja auch keine Sekte sein. Wir erzählen von einem Extremfall, das kann auch viel harmloser sein. Andere ziehen vielleicht aufs Land und wollen dort ihre Ruhe haben. Da gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten, wie man allem entfliehen kann. Bei uns wird diese Flucht eben mit der griechischen Mythologie verbunden.

In dieser Sekte werden auch normale religiöse Motive eingebaut. Worin unterscheidet sich eine solche Sekte dann von einer „normalen“ Religion? Wo zieht man da die Grenze?

Der Alleinherrscheranspruch. Es gibt da jemanden, der für sich sagt, er kennt die einzige und absolute Wahrheit, eine Führerpersönlichkeit. Dann ist da die Abwertung der Außenwelt, verbunden mit einer Vermeidung von Kontakten dorthin. Auch die familiären Verbindungen werden unterbrochen. Und es gibt dieses Bild vom gemeinsamen Feind, das es bei den Religionen in dieser Ausprägung normalerweise nicht gibt.

Diese Selbstisolation der Figuren fällt bei uns in eine Zeit, in der die Menschen aufgefordert wurden, Kontakte zu anderen zu vermeiden. Und auch dieses manische Waschen kommt einem nach den letzten anderthalb Jahren bekannt vor. Natürlich war A Pure Place schon vorher geplant, vor der Corona-Pandemie. Ist es aber ein gutes Timing oder ein schlechtes Timing, den Film ausgerechnet jetzt zu veröffentlichen?

Das ist schwer zu sagen. Trotz dieser Gemeinsamkeiten ist der Film immer noch so abstrakt und sein Thema so allgemeingültig, dass er nicht wirkt, als wäre er mit unseren aktuellen Erfahrungen im Hinterkopf gedreht worden. Zum Glück geht es bei uns nicht um einen Virus, das wäre wirklich schwierig geworden. Auf einen tatsächlichen Corona-Film hätte ich vermutlich keine Lust. Dann lieber einen Seifen-Guru auf einer griechischen Insel.

Vielen Dank für das Gespräch!

Nikias Chryssos Portraet

Zur Person
Nikias Chryssos wurde am 25. September 1978 als Sohn eines Griechen und einer Deutschen in Leimen geboren. Von 2001 bis 2002 studierte er Film- und Videoproduktion am Surrey Institute of Art & Design in England, anschließend bis 2009 Filmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Nach diversen Kurzfilmen drehte er Ende 2012 sein Spielfilmdebüt Der Bunker, in dem ein Student sich bei einer zurückgezogenen, skurrilen Familie einmietet, um eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. 2021 folgte sein zweiter Spielfilm A Pure Place.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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