Inhalt / Kritik

Während in den letzten Jahren durch Bewegungen wie Fridays for Future oder die Diskussionen rund um den Klimawandel und was man dagegen tun könne, den Einfluss des Menschen auf die Natur wieder ins Bewusstsein vieler gerufen haben, ist es doch nach wie vor schwer zu verstehen, welches Ausmaß dieser Einfluss angenommen hat. Wenn man alleine betrachtet, wie der Mensch den Verlauf von Flüssen beeinflusst hat, zeigt sich die Komplexität dieses Themas sowie die Kontraste zwischen lebensspendend und -zerstörend, wie aktuell bei den Hochwassern in vielen Gebieten Deutschlands. Auch in anderen Ländern bemerkt man diese Zusammenhänge, wie beispielsweise in den sechs Ländern Südostasiens, die der Mekong durchstreift, welcher nicht nur einer der längsten Flüsse der Welt ist, sondern auch als „Lebensader“ für die am Flussufer angesiedelten Gebiete gilt. In ihrem Gemeinschaftsprojekt Mekong 2030 näherten sich 2020 die Filmemacher Anocha Suwichakornpong, Anysay Keola, Kulikar Sotho, Pham ngoc Lan und Sai Naw Kham dem Fluss, seiner Kraft und seiner Rolle für das Leben der Menschen in fünf sehr unterschiedlichen Episoden. Ihre Ausgangsfrage war unter anderem, wie sich diese Rolle verändern wird in den kommenden zehn Jahren.

Eine dieser Episoden trägt den Titel The Unseen River und wurde inszeniert von dem vietnamesischen Regisseur Pham Ngoc Lan, der bereits in seinen vorherigen Kurzfilmen wie Blessed Land seine Faszination für die Beziehung zwischen Landschaft und Mensch bewies. In dem Film, der unter anderem auf dem Filmfest Dresden zu sehen war, geht es im ersten Handlungsstrang um ein junges Paar, die Rat suchen bei einem Abt, dessen Kloster in der Nähe des Mekong liegt. Da ihr Freund schon seit mehreren Wochen an Schlaflosigkeit leidet, erhoffen sie sich eine Lösung für ihr Problem, doch der Zustand des Mannes scheint wesentlich schlimmer als anfangs vermutet. In der Begegnung mit einem anderen Mönch, der ihnen von seinem Leben vor dem Kloster erzählt und wie er selbst zur Ruhe findet, könnte einen Weg zur Heilung ebnen.

Parallel zu dieser Geschichte, aber größtenteils ohne einen Berührungspunkt zu dieser, wird von einem Fischer und seinem Hund erzählt, welche am steinigen Ufer des Mekong ihrer Arbeit nachgehen. Die Begegnung mit einer früheren Geliebten wird für den alten Mann zu einer Wiederbegegnung mit der eigenen Geschichte, welche wiederum eng mit der des Flusses verknüpft ist.

Fluss, Zeit und Schlaf

Auf seiner Homepage beschreibt Pham Ngoc Lan die Intention des Projekts als das Suchen nach der „metaphorischen Verbindung zwischen dem Mekong, Zeit und Schlaf“. Der Fluss als Ausgangspunkt ist der Schlüssel für eine Verknüpfung dieser Elemente, sodass man sich nicht sicher sein kann, in welcher Zeit man gerade lebt, ob man gerade träumt oder ob es die Realität ist, welche man gerade erlebt. Mag dies auch sehr experimentell klingen, sind die philosophischen Fragen, die der Filmemacher stellt, nicht nur sehr menschlich, sondern ausgesprochen tiefsinnig, besonders wenn man sich die einzelnen Handlungsstränge etwas genauer betrachtet. Während sich für den alten Fischer Gegenwart und Vergangenheit vermischen, ausgelöst durch die Begegnung mit seiner früheren großen Liebe, erscheint die Schlaflosigkeit des jungen Mannes, wie der Mönch andeutet, auf ein fundamentaleres Problem zurückzugehen, nämlich der Unsicherheit oder gar Angst bezogen auf die Zukunft.

In einer Bildsprache, die bisweilen an die Arbeiten von Apichatpong Weerasetahkul (Cemetery of Splendour) erinnert, betont Lan, wie sich feste Kategorien wie Wirklichkeit und Sicherheit in der Begegnung mit dem Mekong aufzulösen scheinen. Alles deutet darauf hin, dass nichts sicher ist, alles fragil und „im Fluss“, was eine Erschütterung des Selbst zur Folge hat. Doch damit ist bestenfalls nur eine Sichtweise auf diesen poetisch-ambivalenten Kurzfilm angedeutet.

Credits

OT: „The Unseen River“
Land: Laos, Vietnam
Jahr: 2020
Regie: Pham Ngoc Lan
Drehbuch: Pham Ngoc Lan
Musik: Nguyen Xuan Son
Kamera: Quang Minh Pham, Nguyen Vinh Phuc
Besetzung: Minh Chau, Hoang Ha, Naomi, Ha Phong Nguyen, Wean



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The Unseen River
"The Unseen River" ist eine Geschichte über Zeit, Traum und die trügerische Sicherheit in unseren Leben. Pham Ngoc Lan sieht den Mekong als eine Metapher für die Unsicherheit in unseren Leben und die Angst die damit einhergeht, dass der Fluss der Zeit unaufhörlich weiterfließt, während wir diesem hilflos dabei zusehen.
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