Das Ende der Wahrheit

„Das Ende der Wahrheit“ // Deutschland-Start: 9. Mai 2019 (Kino)

Regeln? Damit kann Martin Behrens (Ronald Zehrfeld) eher weniger etwas anfangen. Als Zentralasien-Experte beim Bundesnachrichtendienst weiß er, dass er manchmal eigene Wege gehen muss, um ans Ziel zu gehen. Und auch die Vermischung von Beruflichem und Privatem ist für ihn kein Problem, als er eine Beziehung mit der Investigativ-Journalistin Aurice Köhler (Antje Traue) eingeht. Als die bei einem Anschlag ermordet wird, setzt er alles daran, den Fall aufzuklären, auch wenn ihm seine Chefin Aline Schilling (Claudia Michelsen), Dr. Joachim Rauhweiler (Axel Prahl), der Direktor des Leitungsstabs des BND, und der neue Krisenmanager Patrick Lemke (Alexander Fehling) dringend davon abraten. Dabei muss er feststellen, dass in den eigenen Reihen vieles nicht so ist, wie es den Anschein hat.

Ein deutscher Politthriller, der sich mit dubiosen Machenschaften innerhalb des Bundesnachrichtendienstes auseinandersetzt? Das hat auf jeden Fall Seltenheitswert, umso mehr da Das Ende der Wahrheit auch in die Kinos kommt und nicht einfach als TV-Film verheizt wird. Der Zeitpunkt dafür ist sicherlich nicht schlecht gewählt, das Vertrauen in Institutionen befindet sich hierzulande auf einem erschreckenden Tief. Da kommt ein Film, der die schlimmsten Vermutungen bestätigt, irgendwie gerade recht. Egal ob man sich nun am linken oder rechten Ende des politischen Spektrums aufhält, man findet hier vieles, das einen erschauern lässt.

Das kann nicht heiter werden
Dabei kommt der Film anfangs noch vergleichsweise idyllisch daher, wenn wir Martin und Aurice bei ihrem kleinen Tête-à-Tête in einer Hütte am See beobachten. Aber schon da ist die Stimmung eher unheilvoll, untermalt von grauen Bildern im Nirgendwo. Die Befürchtungen werden sich bald bewahrheiten, wenn die Journalistin wenige Minuten später schon nicht mehr unter uns weilt. Der größere Schock dürfte aber sein, mit welcher Kaltschnäuzigkeit und Skrupellosigkeit Martin zur Sache geht. Menschen für die gute Sache opfern? Klar, warum nicht. Wie es anderen geht, das ist ihm eher weniger wichtig. Er lebt für seinen Beruf, da bleibt wenig Platz für moralische Bedenken oder eine Familie.

Das ist durchaus mutig: Wenn Protagonisten nach schönster David-gegen-Goliath-Manier gegen finstere Organisationen kämpfen, dann sollten sie im Idealfall ein Held sein. Martin würde man anfangs aber kaum als einen solchen bezeichnen wollen. Ihn anzufeuern, wenn er alleine nach der Wahrheit sucht, bedeutet ebenso moralische Kompromisse eingehen zu müssen, wie er es selbst tut. Das typische kleinere Übel. Natürlich darf das so aber nicht bleiben, je mehr der Angestellte des BND über die Hintergründe erfährt, umso besser soll die Figur sein. Regisseur und Drehbuchautor Philipp Leinemann (Wir waren Könige) traut sich dann doch nicht so ganz, Schurken gegen Schurken antreten zu lassen. Irgendwo muss das Publikum ja abgeholt werden.

Herumirren im moralischen Grau
Das ist verständlich, wenn auch bedauerlich, umso mehr, da dieser Wandel nicht wirklich plausibel vollzogen wird. Warum manches moralisch vertretbar ist, anderes ist, wird nie wirklich erklärt. Das muss einfach akzeptiert werden. Aber mit durchgängiger bzw. überzeugender Charakterisierung tut sich Leinemann allgemein eher schwer. Vor allem die Figur von Lemke ist eine Ansammlung nicht-konsequenter Szenen. Dass auch er irgendwann eine Kehrtwende macht, aus den Antagonisten Partner werden, sei es drum, Das Ende der Wahrheit will dann doch noch ein bisschen klassischer Buddy-Movie sein und Erwartungen bedienen. Schlimmer ist aber, dass sich der Film nicht entscheiden kann, ob der Krisenmanager ein streng kalkulierender Stratege oder einfach ein Idiot sein soll. Mit dem Ergebnis, dass er beides ist, je nachdem, wie es gerade in die Geschichte passt.

Aber auch bei der Geschichte selbst nimmt es der Eröffnungsfilm vom Max Ophüls Preis Filmfest 2019 nicht so genau. Wohin Das Ende der Wahrheit schlussendlich soll, das weiß der Film zwar, nicht aber, wie er dorthin kommen soll. Also wird auf teils kuriose Weise ermittelt, willkürliche Schlüsse gezogen, Dinge passieren, weil sie passieren sollen, nicht weil sie sich natürlich ergeben. Die kriminologischen Aspekte des Films sollte man daher ignorieren können, ebenso den Hang zu Klischees und gelegentliche Längen, wenn manches früh klar ist fürs Publikum, wir aber trotzdem warten müssen, bis Martin uns einholt. Die Atmosphäre passt dafür, die Darsteller liefern im Rahmen der Figurenzeichnung gute Leistungen. Das reicht für einen soliden Thriller, der zeigt, dass im deutschen Kino mehr drin ist, der das eigene Versprechen aber nicht so ganz hält.

Das Ende der Wahrheit
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Das Ende der Wahrheit
„Das Ende der Wahrheit“ beginnt idyllisch-unheilvoll, bevor es tief in die Abgründe eines korrupten Nachrichtendienstes geht. Das ist schön düster und ansprechend gespielt, auch wenn es inhaltlich doch diverse Mängel gibt: Die Figuren sind nicht konsequent gezeichnet, sowohl dort wie auch bei der Geschichte selbst trüben Klischees und Willkürlichkeiten das Vergnügen.
6von 10

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