25 kmh

„25 km/h“ // Deutschland-Start: 31. Oktober 2018 (Kino)

Man kann nicht unbedingt behaupten, dass das Verhältnis zwischen Christian (Lars Eidinger) und Georg (Bjarne Mädel) besonders gut wäre. Viele Jahre haben sich die beiden Brüder schon nicht mehr gesehen, seitdem Christian seine Sachen packte und die Familie hinter sich ließ. Erst die Beerdigung ihres Vaters führt die beiden wieder zusammen – und zu einem entsetzlichen Krach. Aber dieser hält nicht lange an, ein paar Flaschen Alkohol später fassen die zwei den spontanen Entschluss, mit ihren alten Mofas einmal quer durch Deutschland zu fahren und so die Reise nachzuholen, die sie als Jugendliche geplant, aber nie umgesetzt hatten.

Wenn es in Filmen darum geht, entfremdete oder gar zerstrittene Familienmitglieder wieder zusammenzuführen, dann bieten sich immer zwei Szenarios an. Das eine setzt den Tod eines anderen voraus, um weit verstreute Leute zurück in die alte Heimat zu locken. Das Prinzip verlorener Sohn. Bei der anderen sind die Protagonisten dazu gezwungen, auf eine gemeinsame Reise zu gehen, deren Ziel meist nur vorgeschoben ist, während sich die Streithähne langsam annähern. Aber wozu eigentlich sich für eins entscheiden, dachte man sich hier wohl und kombinierte einfach beides miteinander. Mit einer fatalen Heimführung geht es los, danach steht der Familientrip an.

Alles schon gesehen, alles schon gehört
Bei so viel Standardaufbereitung ist dann klar: 25 km/h kann und will nicht in die Geschichtsbücher der originellsten Filme eingehen. Déjà-vu-Erlebnisse gehören hier zur Reiseroute dazu, an vielen Stellen möchte man aufrufen: Hey, das kenn ich doch schon! Dazu gesellt sich dann auch ein schönes Stück Nostalgie, befeuert von einem Soundtrack, der noch nach Musikkassette riecht. The Cure ist auf dieser zu hören, aber auch Camouflage, jene Synthie-Popper, deren Ohrwurm Love Is a Shield vor bald 30 Jahren im deutschen Radio rauf und runter lief. Ideal für einen Film über zwei Brüder, die Jahrzehnte später ihre Jugend wiederaufleben lassen wollen.

Der Kontrast zwischen den beiden könnte auch nicht größer sein. Das ist dann ebenso streng durchkonzeptioniert wie das Szenario, man will schließlich das Maximum herausholen. Doch der Plan geht auf: Wenn der englisch babbelnde Business-Pinkel und der maulfaule Provinzniemand auf eine gemeinsame Reise gehen, dann fahren Konflikte und Reibungen immer mit. Und eben auch der Spaß. Ständig wird gepiesackt und gemotzt, man kriegt sich wegen dem kleinsten Blödsinn in die Haare, so wie es einem als kleiner Junge mit den Geschwistern noch ergangen ist. Anders gesagt: Dem unreifen Verhalten der beiden verkorksten Ü40er sieht man ihr Alter nicht an. Zum Glück!

Tun die sdas gerade wirklich?
Schon der Anblick, wie sie auf ihre Uraltmofas durch Deutschland tuckern, in einem zwangsweise so gemächlichen Tempo, dass es nicht mal für Fahrtwind reicht, ist so komisch, dass man dankbar ist für den Tod des Vaters. Denn etwas Vergleichbares dürfen wir nur selten sehen. Das lebt auch sehr von der Spielfreude seiner Darsteller: Während Bjarne Mädel (1000 Arten Regen zu beschreiben) nicht sonderlich von seiner üblichen Typbesetzung abweicht, ist Lars Eidinger eine überraschendere Wahl. Der ansonsten eher für etwas steifere, unterkühlte Rollen gesetzte Charakterdarsteller – etwa SS-GB – begeistert durch unerwartet alberne, ausgelassene Ausbrüche. Eine gemeinsame Tanzszene gehört so zu den Höhepunkten des Films.

Während 25 km/h so gerade in der ersten Hälfte sehr unterhaltsam ist, die Zufallsbegegnungen ihre Skurrilitätsquote mehr als erfüllen, schleichen sich in der zweiten doch gehörige Längen ein. Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg (Mein Blind Date mit dem Leben, Frau Müller muss weg) konnte der Versuch nicht widerstehen, die üblichen besinnlichen Feel-Good-Momente einzubauen. Die häufen sich besonders gegen Ende hin, wenn der Film mehr Tiefgang will, als er braucht, als ihm auch gut tut. Genauso hätte ein kompletter Zwischenstopp kurz vor Schluss, dessen Humor trotz niedrigem Tempo verunglückt, nicht sein müssen. Insgesamt lohnt sich aber ein Ticket für diese etwas andere Deutschlandrundreise, in der man sich selbst einiger Klischees zum Trotz leicht wiederfinden kann.



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25 km/h
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25 km/h
Zwei zerstrittene Brüder gehen auf eine gemeinsame Reise und nähern sich dabei wieder an: Das Szenario ist nicht originell, das Fahrzeug hingegen schon. Zwei Ü40-Männer, die auf alten Mofas durch Deutschland fahren, das ist ein ebenso komischer Anblick wie die regelmäßigen Streitereien und skurrilen Begegnungen. Zum Ende hin zieht sich „25 km/h“ dann aber doch, ist insgesamt auch zu lang.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Heide Limpert

    Wunderbar. Leichtfüßig. Melancholisch. Witzig-charmant. Kein klassischer Roadmovie, ein zutiefst melancholischer Film, über das vermeintliche Scheitern zweier Lebenswege, zweier Brüder. Hilflose Dialogversuche – manchmal witzig, eher gallig. Bemerkenswert: die Darstellerkunst Mädel/Eidinger trägt die winzigen Erzählstränge, hat filmische Wucht. Nostalgie ist das Netz, in dem sich alle Mitwirkenden fallen lassen können.
    Letztendlich geht es wieder um Liebe, um fehlende Anerkennung, um empfundene Benachteiligung durch den Vater. Oft filmisch bemüht und eingesetzt, filmisch beweint und immer wieder gut anzusehen. Danke an die Filmemacher, an die wunderbaren Schauspieler, an den Soundtrack. Ja – sollte gesehen werden. Unbedingt. Was bleibt? Eine Nachfreude, ein Schmunzeln (nicht nur über einen Wotan Wilke Möhring als Bogenschießender Camping-Prol).

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