In ihrem Spielfilmdebüt Censor erzählt Prano Bailey-Bond von einer Frau, die in den 1980ern als Zensorin in England arbeitet und hierfür viele Horrorfilme anschaut – bis sie meint, in einem von ihnen ihre verschwundene Schwester wiederzuerkennen. Während sie herauszufinden versucht, wer die Frau in dem Video ist, verliert sie zunehmend den Bezug zur Realität. Zum Kinostart am 29. Juli 2021 haben wir uns mit der britischen Regisseurin und Autorin über Zensur in Filmen, den Wandel von Horrorfilmen und die Besonderheiten weiblichen Horrors unterhalten.

Wie bist du auf die Idee für den Film gekommen?

Ich hatte die Idee schon seit Langem. Es war aber mehr die Saat einer Idee als eine wirkliche Idee. Ich las einen Artikel über die Ära von Hammer Horror in England und wie Zensoren sich diesen Filmen angenähert haben. Damals gab es nicht allzu viele Regeln, was in einem Film erlaubt ist und was nicht. Mit einer Ausnahme: Blut auf der Brust einer Frau wurde sofort herausgeschnitten. Man nahm damals an, dass Männer auf diese Weise dazu animiert werden, Frauen zu vergewaltigen. Das ließ mich darüber nachgrübeln, welche Denkweise zu so einem Schluss kommen kann. Und es brachte mich auf die Idee, die Geschichte von jemandem zu erzählen, der selbst Filme zensiert. Denn wenn uns gewalttätige Filme zu gewalttätigen Menschen machen, was ist dann mit den Zensoren, die sich tagtäglich solche Filme anschauen? Was macht das mit denen? Ich wollte von Menschen erzählen, die so sehr an Zensur glauben, dass ihnen ihr eigener moralischer Kompass abhandengekommen ist.

Und denkst du selbst, dass Filme zensiert werden sollten?

Ich selbst nicht, nein. Aber es ist ein spannendes Thema. Warum wird zum Beispiel Gewalt in Kunst gefeiert, während sie in Filmen kritisiert wird? Ich denke schon, dass es in der Zeit, in der unsere Geschichte spielt, Filme gab, die im Hinblick auf Gewalt gegenüber Tieren und Frauen problematisch waren. Die sogenannten „Video Nasties“. Diese Gewalt wurde durch die Filme auf eine Weise normalisiert. Aber ich denke nicht, dass Zensur die Antwort auf solche Probleme sein sollte. Wir sollten in der Lage sein, uns durch Kunst auszudrücken. Heute gibt es Gesetze etwa zu Gewalt an Tieren und auch Richtlinien, an denen man sich orientieren kann.

Aber wo ist der Unterschied, ob man sich im Vorfeld anpasst oder Filme im Nachhinein angepasst werden? Das Ergebnis wäre doch dasselbe.

Diese Richtlinien sind keine klare Vorgabe, was erlaubt ist und was nicht. Du musst dich an die Richtlinien nicht halten. Sie sind eher eine Hilfe dabei, sich bewusst zu werden, warum man etwas zeigt. Und wie man es zeigt. Das lässt die Verantwortung bei den Künstlern und Künstlerinnen, was ich den besseren Weg finde.

Und gibt es für dich selbst eine Grenze, was in einem Film gezeigt werden sollte?

Ich denke, dass jeder da seine eigene Grenze hat. Die finden wir, indem wir uns auch Filme anschauen. Da waren bei mir definitiv einige Sachen dabei, welche bei mir die Grenze überschritten haben, für andere aber völlig in Ordnung waren. Genauso schaue ich mir wahrscheinlich Sachen an, die für andere Grenzen überschreiten. Deswegen können wir nicht für andere entscheiden, was sie sehen dürfen und was nicht.

Und welche Filme waren das zum Beispiel bei dir?

Der letzte Film, bei dem ich gedacht habe, das muss ich jetzt nicht unbedingt sehen, dürfte die Uncut-Version von A Serbian Film gewesen sein. Der Film war interessant, keine Frage. Aber ich hatte richtig schlimme Alpträume danach und hatte das Gefühl, ich müsste gereinigt werden. Ansonsten fand ich die Vergewaltigungsszene in I Spit On Your Grave sehr verstörend. Oder auch die Szene in Cannibal Holocaust, in der die Schildkröte getötet wird.

Bei uns in Deutschland wurden gerade Horrorfilme lange Zeit stark geschnitten oder auch ganz verboten. Selbst berühmte Titel wie Tanz der Teufel waren offiziell nicht erhältlich. Inzwischen geht man bei uns entspannter damit um. Vieles von dem, was früher verboten war, ist heute frei erhältlich. Wie war das in England? Wie hat sich die Rezeption von Horrorfilmen dort geändert?

Tanz der Teufel ist ein interessanter Fall. Ich konnte gar nicht glauben, dass der Film so lange in Deutschland verboten war, als ich das vor einiger Zeit erfahren habe. In England war der Film anfangs auch geschnitten und ich hatte das Glück, bei den Vorbereitungen auf Censor die Originalkommentare der Zensoren von damals lesen zu dürfen, zum Beispiel über die Vergewaltigungsszene mit dem Baum. Das war schon faszinierend. Einige Jahre später wurde der Film ungeschnitten bei uns veröffentlicht und einer der Zensoren, der damals für die Schnitte verantwortlich war, gab zu, dass die Schnitte überflüssig waren. Er konnte im Nachhinein gar nicht glauben, wie sie damals reagiert haben. Insofern gab es bei uns auch einen Wandel in der Rezeption. Er war nur sehr viel schneller.

Denkst du, dass wir inzwischen einfach an die Gewalt in Filmen gewöhnt haben?

Vielleicht. Ich erinnere mich, dass ich mir als Kind sehr viele Sachen angeschaut habe, die sehr gewalttätig sind, und ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht. Mit den Jahren bin ich mir erst bewusst geworden, was ich mir da angeschaut habe und was die Szenen zu bedeuten haben. Ich weiß auch von Freunden, die Kinder haben, dass sie sich keine Horrorfilme oder allgemein Gewalt mehr anschauen können. Wie Gewalt auf uns wirkt, hängt also auch von unseren Lebensumständen ab und kann sich mit der Zeit ändern. Was die allgemeine Entwicklung angeht: Wir sind die ganze Zeit von Gewalt umgeben. Und ich glaube, dass heute stärker unterschieden wird zwischen Gewalt im Film und Gewalt im wahren Leben. In den 80ern hatte man noch größere Angst, dass die Leute zwischen Fiktion und Realität nicht unterscheiden könnten und manche vielleicht sogar durch die gezeigte Gewalt selbst gewalttätig werden. Heute verstehen wir auch gesellschaftliche Probleme oder psychische Gesundheit besser. Deswegen sind wir nicht mehr so besorgt. Aber vielleicht sind wir auch einfach inzwischen abgestumpft, weil du sehr viel mehr Gewalt im Fernsehen siehst als früher. Gewalt hat es ohnehin schon immer gegeben, auch vor Filmen oder Kunst im allgemeinen. Die Menschen haben immer gekämpft und sich gegenseitig furchtbare Dinge angetan.

Wir werden heute nur leichter Zeuge davon, wie das geschieht.

Das stimmt. Wobei ich der Ansicht bin, dass es gesünder ist, offen mit dem Thema umzugehen. Wenn du versuchst, das Thema zu verbieten oder irgendwie zu unterdrücken, dann sorgst du eher dafür, dass die Leute umso neugieriger sind. Aber das gilt für vieles, nicht nur für Gewalt. Warum zum Beispiel ist es verboten, Nippel von Frauen auf Instagram zu zeigen, die von Männern aber sind erlaubt? Wir schaffen uns auf diese Weise nur unnötig Probleme.

Du hast schon angesprochen, dass es diese Angst gab, Menschen könnten durch Filme gewalttätig werden. Glaubst du, dass Filme ganz allgemein einen Einfluss darauf haben, wie wir uns verhalten?

Ich denke, dass es definitiv Dinge gibt, von denen wir inspiriert werden können, wenn wir uns Filme anschauen. Das muss dann auch nicht zwangsläufig etwas Negatives sein. Es gibt viele Filme, die dem Publikum etwas für das eigene Leben mit auf den Weg geben wollen, zum Beispiel indem wir etwas durch sie lernen. Aber wenn es um den moralischen Kompass geht, den jeder von uns hat, der wird glaube ich nicht so leicht geändert. Du wirfst den nicht aus dem Fenster, nur weil du gerade eine Gewaltszene gesehen hast. Wenn jemand etwas Gewalttätiges tut, dann muss da vorher schon etwas anderes gewesen sein. Filme können dich auf subtile Weise beeinflussen. Sie machen aus dir aber keinen komplett anderen Menschen.

Du hast vorhin gemeint, dass du dir viele gewalttätige Sachen angeschaut hast, als du jünger warst. Mit welchen Horrorfilmen bist du aufgewachsen?

Tanz der Teufel war tatsächlich einer davon. Das ist auch nach wie vor ein unglaublich unterhaltsamer Film. Ansonsten habe ich The Lost Boys wieder und wieder gesehen. Shining. Dann war ich ein großer Fan von David Lynch, auch wenn seine Filme nicht als reiner Horror angesehen werden. Eraserhead habe ich mir viele Male angesehen. Der Exorzist war ein sonderbarer Fall. Ich erinnere mich noch, dass ich damals viel gelacht habe, als ich ihn mir das erste Mal angesehen habe. Heute weiß ich aber nicht mehr warum, da der Film eigentlich furchteinflößend ist und nicht lustig. Vielleicht habe ich mich damals auch einfach unwohl gefühlt und deswegen gelacht. Als Teenagerin war ich außerdem ein großer Fan von Quentin Tarantino, Reservoir Dogs und Pulp Fiction gehörten zu meinen Lieblingsfilmen. Oh, und American Psycho. Den habe ich geliebt!

Censor

Auf der Suche nach Antworten: In „Censor“ meint eine Zensorin, in einem Horrorfilm ihre verschwundene Schwester wiedererkannt zu haben (© Kinostar)

Dein eigener Film Censor erzählt nicht nur von einer Frau, die Horrorfilme anschaut, sondern ist auch selbst zum Teil ein Horrorfilm. Welche Filme haben dich hierbei inspiriert?

Ich habe vor allem psychologische Horrorfilme geschaut als Inspiration für die Reise unserer Protagonistin: Let’s Scare Jessica to Death, Black Swan, The Machinist. Filme, bei denen es viel um die Wahrnehmung von Realität geht und um Leute, die irgendwie verloren sind. Let’s Scare Jessica to Death ist ein gutes Beispiel dafür, bei dem sich jemand fragt, ob er gerade verrückt wird oder ob da wirklich etwas Böses in der Welt vor sich geht. Für die Darstellung der Horrorfilme innerhalb des Films habe ich mich an Filmen von Lucio Fulci orientiert wie Über dem Jenseits oder Das Haus an der Friedhofsmauer. Oder auch Suspiria von Dario Argento. Die Axt war meine Inspiration für Don’t Go in the Church.

Wir haben uns vorhin darüber unterhalten, wie sich die Rezeption von Horrorfilmen in den letzten dreißig Jahren gewandelt hat. Aber wie sieht es mit den Horrorfilmen selbst aus? Wir unterscheiden sich heutige Horrorfilme von denen der damaligen Zeit?

Nach den „Video Nasties“ in den 80ern und vielleicht Freitag der 13. gab es in den 90ern einen Boom von Slasher-Filmen. Horror wurde für eine Weile kommerzieller. Seither gab es die unterschiedlichsten Variationen. Heute siehst du, dass Horror sehr viel weiter aufgefasst wird und auch politischer geworden ist. Natürlich hatten Horrorfilme auch früher schon politische Komponenten und dienten als Spiegel der Gesellschaft. Diese Idee ist heute aber sehr viel stärker verbreitet, wenn du dir Filme wie Der Babadook und Get Out anschaust. Dabei gehen die Meinung dazu stark auseinander. Es gibt auch Horrorfans, die solche Filme nicht als echten Horror ansehen. Ich selbst liebe diese Filme aber und denke, dass sie eine ganz eigene Perspektive auf das Genre bieten.

Der Babadook ist auch ein interessantes Beispiel für einen Horrorfilm, bei dem eine Frau Regie geführt hat. Protagonistinnen hat es in diesem Genre natürlich immer gegeben, die ganzen Scream Queens zum Beispiel. Regisseurinnen sind dafür nach wie vor selten. Liegt das an mangelndem Interesse oder an mangelnder Gelegenheit?

Ich denke, dass es zu hundert Prozent ein Mangel an Gelegenheit ist. Es hat zwar immer mal wieder Frauen gegeben, die in diesem Bereich Erfolg hatten, Mary Harron bei American Psycho zum Beispiel. Oder Kathryn Bigelow mit Near Dark. Aber erst in den letzten Jahren hat sich tatsächlich etwas getan, vielleicht auch dank des Internets und weil jetzt offen über die Ungleichheiten diskutiert wird. Über einen Mangel an Diversität, und das nicht nur aufs Geschlecht bezogen. Das erlaubt auch die Finanzierung anderer Projekte und schafft mehr Gelegenheiten für Frauen. Und ich hoffe, dass diese Entwicklung noch weitergeht, weil es so viele Frauen gibt, die Horrorfilme drehen wollen.

Gibt es deiner Ansicht nach einen Unterschied zwischen Horrorfilmen von Männern und solchen von Frauen?

Das weiß ich nicht. Ich denke, dass Menschen insgesamt so unterschiedlich sind und dass damit auch deren Horrorfilme unterschiedlich sind, unabhängig vom Geschlecht. Was sich glaube ich durch Horror-Regisseurinnen verändert, ist dass wir stärkere und aufregende Frauenfiguren bekommen. Sie sind komplexer und nuancierter als früher. Natürlich hat es auch früher schon gute Frauenfiguren gegeben, etwa bei Let’s Scare Jessica to Death, den ich vorhin erwähnt habe. Der ist von einem Mann und wurde schon vor fünfzig Jahren gedreht. Er hat viele interessante Themen wie Selbstzweifel, die aus der Sicht einer Frau geschildert werden. Heute gibt es jedoch mehr von solchen Figuren, was für mich vermutlich der größte Unterschied ist.

Auffallend ist, dass viele der Horrorfilme von Frauen in den letzten Jahren sich mehr mit den Figuren und deren Innenleben beschäftigt haben als mit einem äußeren Monster. Neben Der Babadook waren das letztes Jahr zum Beispiel Relic – Dunkles Vermächtnis und Saint Maud.

Da ist schon was dran. Ich meinte ja, dass die Figuren jetzt komplexer sind. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Ausrichtung des Horrors eine andere ist und stärker in die psychologische Richtung geht. Vielleicht nehmen Frauen stärker die Gehirne ihrer Figuren auseinander als nur deren Körper. (lacht) Als Zuschauerin finde ich es auf jeden Fall sehr aufregend, was da gerade geschieht, und ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.

Letzte Frage: Wie sieht es mit deiner eigenen Zukunft aus? Woran arbeitest du?

Ich arbeite an mehreren Projekten im Moment. Davon angekündigt ist Things We Lost in the Fire, der auf einer Kurzgeschichte der argentinischen Autorin Mariana Enriquez basiert. Das ist diesmal kein reiner Horrorfilm, hat aber viele Elemente des Horrors. Darauf freue ich mich schon sehr.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person
Prano Bailey-Bond  wurde 1982 in Aberystwyth, Wales geboren. Nach der Schule besuchte sie das London College of Printing und arbeitete im Anschluss in der Postproduktion von Filmen. Nach mehreren Kurzfilmen drehte sie ihr Spielfilmdebüt Censor, welches 2021 beim Sundance Film Festival Weltpremiere feierte.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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