Inhalt / Kritik

Eraserhead

„Eraserhead“ // Deutschland-Start: 7. September 1979 (Kino) // 19. Juli 2018 (DVD/Blu-ray)

In einer kleinen Wohnung, mitten in einem Industriegebiet, lebt Henry Spencer (Jack Nance) ein einsames Leben, bestimmt vor allem durch seine Arbeit als Drucker. Eines Tages jedoch scheint sich die Beziehung zu Mary (Charlotte Stewart) weiterzuentwickeln, denn er wird von ihr eingeladen zu einem Essen mit ihren Eltern. Allerdings verläuft der Abend alles andere als geplant, denn die Unterhaltung mit Mary Eltern verläuft für den ohnehin sehr schüchternen Henry sehr schleppend und dann häufen sich noch einige seltsame Vorkommnisse beim Essen selbst, als eines der winzigen gebratenen Hühnchen scheinbar wieder ins Leben zurückkommt. Zudem beschuldigt Marys Mutter Henry, ihre Tochter geschwängert zu haben, was dieser bestreitet, währt die Beziehung doch noch nicht sehr lange und es kam kaum zu einem Kuss zwischen den beiden. Dennoch bleibt sie beharrlich und auch Mary besteht darauf, dass Henry seiner Verantwortung als Vater gerecht wird.

So zieht Mary also bei Henry ein, doch das ohnehin enge Apartment und die angespannte Stimmung zwischen den beiden lassen nichts Gutes vermuten. Zudem ist ihr Kind seltsam deformiert, hat nichts Menschenähnliches an sich und sorgt durch sein dauerndes Greinen bei Mary schließlich für einen Wutanfall. Als Mary die gemeinsame Wohnung entnervt wieder verlässt, obliegt die Pflege des Kindes nun Henry, der feststellen muss, dass es an einer Krankheit leidet und an seinem Körper sich Geschwüre gebildet haben. Die Suche nach der Ursache der Krankheit führen Henry immer tiefer in die Dunkelheit einer Welt, bei der niemand mehr unterscheiden kann, was nun Fantasie und was Wirklichkeit ist.

Der Ursprung der Fremde

Über einen Zeitraum von mehreren Jahren arbeitete Regisseur David Lynch an einem ersten Spielfilm Eraserhead, zu einer Zeit, als er noch beim American Film Institute als Student wirkte. Immer wieder gingen Lynch und seinem Team die finanziellen Mittel aus oder es mussten Pausen eingelegt werden, weil Cast und Crew, teilweise auch Lynch selbst, an anderen Projekten arbeiten mussten oder ihren Tagesjobs nachgingen. Eraserhead, wie auch die zu der Zeit entstandenen Kurzfilme Lynchs zeigen nicht nur seine Ursprünge als Künstler, sondern zudem seine Abkehr von der für Hollywood typische Art und Weise eine Geschichte zu erzählen. In diesem ersten Spielfilm vereinen sich die Themen des Regisseurs, die der Entfremdung und der Einsamkeit sowie die Idee einer versteckten Welt, die sich hinter der Wirklichkeit verbirgt und zu der wir nur selten Zugang erlangen.

Mit der etwas sperrigen Bezeichnung „Experimentalfilm“ wird Eraserhead oft versehen, ein Film, der mehr einer Installation in einem Museum gleicht und weniger einem Spielfilm, wie man ihn kennt. Wie kaum ein anderer Regisseur gelingt es Lynch seinem Zuschauer die Fremde zu zeigen, die Konfrontation mit ihr zu suchen und dadurch seinen Zuschauer vor den Kopf zu stoßen, was die Rezeption seiner Werke bisweilen etwas überschattet, deren Ambiguität beschränkt oder diese als hermetische Kunst ansieht. Dabei ist eine Figur wie der von Jack Nance gespielte Henry in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild des Betrachters in seiner praktisch ständig währenden Irritation bezüglich der Personen, denen er begegnet, wie auch der Ereignisse, die er miterlebt. Henry imitiert in einer gewissen Weise den Prozess der Befremdung, der Irritation und teils auch des Entsetzens über das, was sich vor ihm abspielt, kann es sich aber ebenso wenig erklären, wie der Zuschauer.

Wie die Vorbilder Lynchs, Autoren wie Franz Kafka oder Nikolai Gogol, stellt sich auch den Bilderwelten von Eraserhead die Frage, woher diese Fremde eigentlich kommt. Zwar mutet vieles in der Wirklichkeit Henry seltsam an, öffnen sich ihm Tore in neue Wahrnehmungs- oder Traumebenen, doch fokussiert sich die Kamera stets auf seine Perspektive. Wichtiger als die Frage nach dem, was gerade geschieht, erscheint mit zunehmender Zeit die nach der Ursache, nämlich, ob die Welt schon immer so fremd, seltsam und abstrakt war oder ob sie dies nur aufgrund der Sichtweise Henrys geworden ist. Eraserhead verliert sich zu keiner Zeit in seiner Ästhetik, in den teils sehr verstörenden oder gar widerlichen Szenen, sondern fordert den Zuschauer heraus, durch eben diese Perspektive.

Das Monströse unserer Welt

Im Grunde erzählt Lynchs Film die Geschichte einer Entwicklung oder genauer gesagt von einer Suche, wie man sich mit der Welt und deren Fremde arrangieren kann. Im Falle Henrys geht dies über die Partnerschaft, die Familie sowie das gemeinsame Kind, alles letztlich Aspekte, die noch zu seiner Irritation beitragen und diese in gewisser Weise noch verstärken. Mittels des expressiven, bisweilen an Stars der Stummfilmzeit erinnernde Spiels Jack Nances sowie des nicht minder kreativen Sounddesigns arbeitet Lynchs Film auf eine schließlich nicht mehr zu vermeidende Eskalation hin, welche entweder den Seelenfrieden der Hauptfigur oder den Untergang einer Welt zur Folge hat.

Innerhalb dieses sehr ernsten Ansatzes vermutet man gar nicht, mit welch hintersinnigem Humor Lynch inszeniert. So werden gerade jene Aspekte, wie beispielsweise das Dinners mit Marys Familie, welche noch eine gewisse Normalität und Routine implizieren, zu einer verstörende Farce, die nach und nach betonen, inwiefern hier Hierarchien und Machtspiele am Werke sind oder einfach wie emotional distanziert die Figuren zueinander sind.

Credits

OT: „Eraserhead“
Land: USA
Jahr: 1977
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
Musik: David Lynch, Peter Ivers, Fats Waller
Kamera: Frederick Elmes, Herbert Cardwell
Besetzung: Jack Nance, Allen Joseph, Jeanne Bates, Judith Roberts, Charlotte Stewart

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Eraserhead
„Eraserhead“ ist ein Film, der von seinem Zuschauer viel verlangt, diesen aber auch reich belohnt, besonders bei mehrmaligen Schauen. Verstörende, befremdliche, aber immer wieder auch sehr kunstvolle Bilder- und Klangwelten machen David Lynchs ersten Spielfilm zu einem wahren Erlebnis, was sich jeder Kinogänger oder Liebhaber von abseitigem Kino mindestens einmal ansehen sollte. Dann aber bitte mit einem interessanten Gespräch über das Gesehene im Anschluss.
9von 10

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