Inhalt / Kritik

„Unter Verdacht: Ein Richter“ // Deutschland-Start: 23. Oktober 2015 (Arte) // 11. November 2016 (DVD)

In der Kantine des Justizzentrums wird Eva Maria Prohacek (Senta Berger) zufällig Zeugin, wie Richter Koller (Martin Brambach) angegriffen und gefährlich verletzt wird. Die Täterin stellt sich als Doris Kern (Anneke Kim Sarnau) heraus, deren Fall Koller vor Jahren verhandelt hatte. Damals war sie das Opfer häuslicher Gewalt durch ihren Ehemann Theo Schichter (Georg Friedrich) geworden, der jedoch freigesprochen wurde. Nun steht ihre Schwester Carola Kern (Alexandra Finder) vor Gericht, da sie Schichter, mit dem sie inzwischen selbst liiert ist, angegriffen hat. Für Prohacek ist das Grund genug, gemeinsam mit André Langner (Rudolf Krause) zu ermitteln. Doch dabei stößt sie schnell auf Hindernisse, da Koller unantastbar scheint …

Wenn Gesetzeshüter das Gesetz brechen

Eigentlich sind Polizei und Justiz dafür da, um für Gerechtigkeit zu sorgen und die Menschen zu schützen. Doch was, wenn ausgerechnet diese sich nicht korrekt verhalten? Wie heikel solche Fälle sein können, zeigt immer wieder der Blick in die USA, wo Beispiele exzessiver Polizeigewalt ungeahndet bleiben. Aber auch in anderen Ländern hält man im Zweifel zusammen und schützt die schwarzen Schafe, wenn es irgendwie geht. Noch komplizierter wird es, wenn die Richter sich einer Kontrolle entziehen und in einer Grauzone mehr oder weniger tun können, was sie wollen. Das war natürlich ein willkommenes Thema für die Reihe Unter Verdacht, bei der 30 Folgen lang Senta Berger für die interne Ermittlung tätig war und damit einen Blick hinter die Kulissen warf.

Dass mit dem Richter etwas nicht stimmt, das wird dem Publikum recht schnell vor Augen geführt. Er führt sich im Gerichtssaal wie ein König auf, versucht nicht einmal unparteiisch zu sein. Und wenn ihm die Staatsanwältin nicht weit genug geht, dann mischt er sich ein und biegt den Ablauf so lange zurecht, mit kaum zulässigen Mitteln, bis ihm das Ergebnis passt. Keine Frage: Koller ist ein selbstgerechtes Monster. Unter Verdacht: Ein Richter verzichtet auf jegliche Ambivalenz, sondern zieht von Beginn an klare Grenzen. Auf der einen Seite stehen die beiden übergriffigen Männer – Koller mit seinem Machtmissbrauch, Schichter mit körperlicher und psychischer Gewalt –, auf der anderen Seite die zwei Schwestern, die jeweils angeknackst sind und zu Täterinnen werden, nachdem sie lange Opfer waren.

Widerliche Männer, wenig Tiefe

Dass das Eindruck hinterlässt, liegt vor allem an den beiden Schauspielern. Der hierfür mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnete Martin Brambach (Goldjungs) legt eine bewundernswert widerwärtige bis bedrohliche Darstellung als manipulativer Richter ab. Georg Friedrich (Helle Nächte) überzeugt als in mehrfacher Hinsicht brutaler Ehemann, dem dennoch die Frauen hörig sind. Sonderlich tiefgründig ist die Figur nicht angelegt, als Antagonist reicht das aber. Weniger geglückt sind die Figuren der Schwestern, die zu sehr auf ihre Hysterie reduziert werden und die sich nie wirklich nachvollziehbar verhalten. Wenn eine Frau auf einmal mit dem Ex der eigenen Schwester liiert ist, dann ist das schon etwas erklärungsbedürftig, vor allem wenn dieser gewalttätig ist. Daraus ergeben sich einige Fragen zum Verhältnis der beiden Schwestern, an denen in Unter Verdacht: Ein Richter aber niemand wirklich Interesse hat.

Überhaupt hat das Drehbuch von Unter Verdacht: Ein Richter eklatante Mängel. So wird die Frauenfeindlichkeit des Richters nie befriedigend erklärt. Mit den Ermittlungen von Prohacek und Langner kommen zwar neue Erkenntnisse ans Tageslicht. Doch die taugen nicht als Begründung. Die Figur bleibt ebenso willkürlich wie die Schwestern. Anstatt hier mehr in die Tiefe zu gehen und an Details zu arbeiten, lässt der Film die Ereignisse lieber auf absurde Weise eskalieren. Vor allem zum Schluss hin wird es richtig hanebüchen. Das ist mindestens schade, wenn nicht gar ärgerlich, wie hier ein wichtig Thema zum Zweck billiger Unterhaltung derart plump und reißerisch abgearbeitet wird. Aufgrund der schauspielerischen Leistung und der Grundthematik ist das zwar insgesamt noch brauchbar. Mehr aber nicht.

Credits

OT: „Unter Verdacht: Ein Richter“
Land: Deutschland
Jahr: 2015
Regie: Martin Weinhart
Drehbuch: Mike Bäuml
Musik: Sebastian Pille
Kamera: Jo Heim
Besetzung: Senta Berger, Rudolf Krause, Gerd Anthoff, Martin Brambach, Anneke Kim Sarnau, Georg Friedrich, Alexandra Finder, August Zirner

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Unter Verdacht: Ein Richter
„Unter Verdacht: Ein Richter“ spricht ein interessantes Thema an, wenn ein Richter quasi unantastbar ist und dadurch konsequent seine Position missbraucht. Der Film geht aber weder bei ihm noch bei seinen Opfern in die Tiefe. Stattdessen eskaliert im weiteren Verlauf die Geschichte auf absurde und plumpe Weise.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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