Inhalt / Kritik

Abou Leila

„Abou Leila“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Algerien, 1994: Die Freunde Lotfi (Lyès Salem) und S. (Slimane Benouari) machen sich auf in den Süden des Landes. Mitten in der Wüste vermuten sie das Versteck des berüchtigten Terroristen Abou Leila, dessen Organisation hinter zahlreichen blutigen Anschlägen und Attentaten in der Hauptstadt steckt. Besonders S. Scheint noch unter dem Trauma dessen zu leiden, was er gesehen hat, und ist fest entschlossen, Leila der Gerechtigkeit zuzuführen, während sein Freund vor allem um die geistige Gesundheit seines Mitfahrers besorgt ist. Je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr scheint sich Zustand von S. zu verschlechtern: Er leidet unter Alpträumen, an Erinnerungslücken und Stimmungsschwankungen, die er auf die Medikamente schiebt, welche er täglich einnehmen muss. Zudem basiert ihre Suche nur auf einer Ahnung, was die Stimmung der beiden Freunde nicht besser macht und immer wieder für Streitereien sorgt.

In einem kleinen Dorf, welches eigentlich nur als Zwischenstation auf ihrer Reise gedacht war, kommt Lotfi auf eine vielversprechende Spur, denn er hört von einem Barbesitzer von einem grausamen Verbrechen, welches ganz in der Nähe verübt wurde und die Handschrift des Terroristen trägt. S., immer noch der Ansicht, Abou Leilas Hauptquartier sei viele Dörfer weiter, verschließt sich seinem Freund, der sich letztlich versucht, auf eigene Faust zu ermitteln. Am Abend kommt es in ihrer Herberge jedoch zu einer Tat, welche ihre Suche wie auch ihre Freundschaft in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.

Ein Land der Verrückten

Mit seinem ersten Spielfilm Abou Leila wollte der algerische Regisseur Amin Sidi-Boumédiène, wie er im Regiestatement sagt, eine Geschichte erzählen über den Terrorismus und den Bürgerkrieg in seinem Land in den 90er Jahren. Anstatt einen vornehmlich realistischen Ansatz zu nutzen, geht es Sidi-Boumédiène um eine stilisierte Erzählweise und Ästhetik, welche dem Grauen, der Verstörung und dem Wahnsinn dieser Zeit am nächsten kommt. Das Ergebnis, welches gerade im Rahmen des ALFILM Festivals zu sehen ist, ist ein düsterer und zunehmend verwirrender Film, bei dem es bald schon weniger um die Suche nach einem Mörder und Verbrecher geht, sondern vielmehr um jene nach der eigenen Identität.

Die Wüste, ihre Kargheit und Lebensfeindlichkeit definieren das immer wieder in den Vordergrund tretenden Bild in Sidi-Boumédiènes Film. Noch verstärkt durch das Sound-Design wird der Haupthandlungsort zu einer Art Metapher für die Themen des Films, allen voran die Entfremdung von dem eigenen Ich sowie der Welt an sich. Ohne dass ihnen ein Auto entgegenkommt und scheinbar ohne einen konkreten Plan, wohin es eigentlich gehen soll, durchqueren die beiden Hauptfiguren die Wüste und suchen nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen, einer Möglichkeit der (blutigen) Rache, die vielleicht ein Schlüssel sein könnte, ein Trauma zu überwinden, welches beide in sich tragen, aber anders zeigen.

Trotz der Tatsache, dass der Zuschauer an vielen Stellen an die historische Realität erinnert wird, ist die Realität des Krieges fern. Neben den beiden Hauptfiguren begegnen wir vielen anderen Charakteren, die meist mit einer Mischung aus Sarkasmus und Abgeklärtheit auf die Nachrichten von Tod und Gewalt aus Radio und Fernsehen reagieren. Regisseur Sidi-Boumédiène zeigt mithilfe des schon erwähnten Sound-Designs wie auch den Bildern von Kameramann Kaname Onoyama das Panorama eines desolaten Landes, ebenso fragmentiert wie die beiden Hauptfiguren, die aller Sicherheiten wie auch das Vertrauen in das eigene Ich, das Narrativ, welches ihr Leben zusammenhält, beraubt wurden.

Der innere Feind

Da sich Abou Leila vor allem als ein Mystery-Drama versteht, ist die Frage nach dem eigentlichen Feind, oder vielmehr dem Ziel der Suche der beiden Hauptfiguren, ein Hauptthema des Filmes. Jedoch wird das Ich immer mehr zu der eigentlichen Gefahr und zum Quell von Gewalt, und damit auch einem dunklen Sog, dem sich die beiden Männer nicht mehr entziehen können. Zwischen  Lyès Salem und Slimane Benouari in den Hauptrollen ergibt sich eine gefährliche Dynamik als Ergebnis einer Lüge, die beide um sich herum wie einen Schutzwall aufgebaut haben. Amin Sidi-Boumédiène nutzt in seiner Inszenierung wie auch dem Drehbuch das Stilmittel der Auslassung, sodass man als Zuschauer immer mehr Puzzleteile über die eigentlichen Intentionen der Figuren erhält, nur um dann abermals, durch eine der vielen Wendungen der Geschichte, von Neuem beginnen zu müssen.

Atmosphärisch und darstellerisch macht Abou Leila vieles richtig, jedoch spielt Amin Sidi-Boumédiène auch mit der Geduld seines Zuschauers. Über die Laufzeit von über zwei Stunden zieht sich die Geschichte, insbesondere in dem immer mehr ins Surreale abdriftenden letzten Drittel, und verliert sich in Passagen, die man bestenfalls als redundant bezeichnen kann.

Credits

OT: „Abou Leila“
Land: Algerien, Frankreich
Jahr: 2019
Regie: Amin Sidi-Boumédiène
Drehbuch: Amin Sidi-Boumédiène
Kamera: Kaname Onoyama
Besetzung: Lyès Salem, Slimane Benouari, Azouz Karim, Fouad Megiraga, Meriem Medjkane, Hocine Mokhtar, Samir El Hakim

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Abou Leila
„Abou Leila“ ist eine Mischung aus Mystery-Thriller und Drama über die Suche zweier Männern in der Wüste Algeriens nach einem Terroristen sowie letztlich sich selbst. Atmosphärisch dicht und darstellerisch beeindruckend, leidet Amin Sidi-Boumédiènes Spielfilm an seiner Überlänge, die viele Themen wie auch Konflikte unnötig in die Länge zieht.
7von 10

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