Inhalt / Kritik

Ravage

„Ravage – Einer nach dem anderen“ // Deutschland-Start: 4. März 2021 (DVD/Blu-ray)

Eigentlich war die Naturfotografin Harper Sykes (Annabelle Dexter-Jones) nur in das abgelegene Tal gekommen, um dort ungestört ein paar Aufnahmen machen zu können. Stattdessen wird sie Zeugin, wie ein Mann von einer Gruppe auf bestialische Weise ermordet wird. Da sie alleine nichts dagegen ausrichten kann, beschließt sie, den Vorfall mit der Kamera festzuhalten und anschließend zur Polizei zu gehen. Doch die Männer denken gar nicht daran, die Fremde einfach so gehen und die Geschichte ausplaudern zu lassen, und machen nun Jagd auf sie. Völlig auf sich allein gestellt liegt es nun an Harper, sich aus den Fängen ihrer Verfolger zu befreien …

Ein unglaublicher Rückblick

„Du wirst nie glauben, was als nächstes geschehen ist!“ Mit dieser oder ähnlichen Formulierungen locken seit einiger Zeit verstärkt Internetseiten ahnungslose Besucher und Besucherinnen an, die sich daraufhin in einem Labyrinth aus nichtssagenden Bildergalerien wiederfinden. Ravage – Einer nach dem anderen ist sozusagen das filmische Pendant dazu. Genauer startet der Film mit einer völlig einbandagierten Frau. Was ihr genau widerfahren ist, das erfährt das Publikum nicht, lediglich dass ihr bislang niemand die Geschichte abgekauft hat. Aber dann ja vielleicht beim nächsten Mal. Und so greift der Thriller das immer wieder gern verwendete Element auf, zuerst das Ende zu zeigen und sich danach vom Anfang bis zu diesem vorzuarbeiten, das Publikum sozusagen live dabei.

Grundsätzlich ist diese Strategie legitim und richtig angewendet nicht ohne Wirkung. Wer mit einem besonders heftigen oder rätselhaften Einstieg Eindruck hinterlässt, erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Leute vor den Bildschirmen auch brav bis zum Ende dabei bleiben. Nur gelingt Ravage das nicht so recht. Eine Frau, die so sehr durch medizinische Bandagen verhüllt ist, dass man sie nur noch an der Stimme als eine solche erkennt, ist sicherlich kein ganz alltäglicher Anblick. Ein Selbstläufer ist es aber nicht. Da muss dann schon noch ein bisschen mehr geschehen als das. Es braucht an der Stelle eine gewisse Intensität in der Stimmung – welche hier ausbleibt.

Mix aus Altem und Bewährtem

Wobei die eigentlichen Versäumnisse erst danach kommen. Das Konzept von Ravage ist dabei einerseits natürlich schon bewährt. Wenn eine Frau im amerikanischen Hinterland an eine Gruppe brutaler Männer gerät, dann ist die Liste an Vorbildern lang. Da wären einerseits die ganzen Backwoods-Horrorwerke à la The Texas Chain Saw Massacre, in denen Menschen aus der Großstadt zum Opfer rückständiger, sadistischer Provinzler werden. Gleichzeitig greift die Geschichte Elemente des Rape-and-Revenge-Thrillers aus, im Stil etwa von I Spit On Your Grave, wenn misshandelte Frauen vom Opfer zum Täter werden und nun selbst Jagd auf ihre Peiniger macht.

Das hat zweifelsfrei sein Publikum. Nur hat Regisseur und Drehbuchautor Teddy Grennan, der hiermit sein Filmdebüt gibt, keinerlei Interesse daran, mehr als nur Haken an der Genre-Checkliste zu machen. Überraschungen standen nicht auf seiner To-Do-Liste, er versucht nicht einmal, in einer nennenswerten Form das zu variieren, was schon Hunderte Filme vorher getan haben. Das wird vor allem in den Szenen zu einem Problem, wenn Ravage so tut, als gäbe es gerade eine Wendung. Wer diese Art Filme schaut, weiß genau, was als nächstes geschieht. Wer sich nicht für solche brutalen Überlebenskämpfe erwärmen kann, der wird hingegen sicherlich nicht bei einem C-Movie einsteigen, der trotz eines unverständlichen Mini-Auftritts des zweimal für einen Oscar nominierten Charakterdarstellers Bruce Dern eine absolute No-Name-No-Budget-Produktion ist.

Das war nichts

Natürlich kann man selbst ohne Geld und ohne eigenen Ideen etwas Unterhaltsames auf die Beine stellen. Aber auch an dieser Aufgabe scheitert der Film. Die Kamera springt bei den Action- und Verfolgungsszenen unmotiviert umher, was die Ereignisse immer recht unübersichtlich macht. Zumal vieles ohnehin nicht gezeigt wird oder sehr schnell abgewürgt wird, bevor es irgendwie interessant werden kann. Gerade bei der Auflösung, wenn wir erfahren, was hinter den Bandagen steckt, ist das ein Versäumnis. Denn zumindest an der Stelle zeigt Grennan, dass er auch tatsächlich fiese Einfälle haben kann, selbst wenn sich einem der Sinn davon nicht wirklich erschließt. Allein für diese Einfälle oder eine bemühte Annabelle Dexter-Jones (Ava’s Possessions) lohnt sich Ravage – Einer nach dem anderen aber nicht.

Credits

OT: „Swing Low“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Teddy Grennan
Drehbuch: Teddy Grennan
Musik: Jacques Brautbar
Kamera: Christopher Walters
Besetzung: Annabelle Dexter-Jones, Robert Longstreet, Michael Weaver, Ross Partridge

Bilder

Trailer

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Ravage – Einer nach dem anderen
In „Ravage – Einer nach dem anderen“ will eine Naturfotografin eigentlich nur Flora und Fauna festhalten, gerät dann aber mitten in ein Verbrechen, bevor sie selbst zur Zielscheibe wird. Der Film kombiniert dabei bewährte Elemente aus Backwoods-Horror und Rape-and-Revenge-Thriller, verpasst es aber, daraus auch irgendwie Spannung zu generieren. Stattdessen gibt es eine hektische Kamera, viele Standardszenen und unausgegorene Ideen.
3von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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