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Nimic

„Nimic“ // Deutschland-Start: 27. November 2020 (Mubi)

Kommerziell gesehen ist Yorgos Lanthimos sicherlich kein besonders bedeutender Regisseur. Selbst sein mit Abstand erfolgreichstes Werk, das oscargerkönte Königinnenporträt The Favourite – Intrigen und Irrsinn, blieb weltweit unter der 100-Millionen-Dollar-Marke. Das Renommee des griechischen Filmemachers könnte hingegen kaum größer sein. Weltweit liegen ihm die Kritiker und Kritikerinnen zu Füßen. Seine ungewöhnlichen Werke, bei denen das Verstörende und das Komische zum Teil sehr nah beieinander liegen, haben ihm international Kultstatus eingebracht.

Während die Wartezeit auf einen neuen Spielfilm länger und länger wird, kehrte er zwischenzeitlich immerhin wieder zu seinen Kurzfilmwurzeln zurück. Wer seine langen Werke kennt, der wird sich in Nimic gleich wie zu Hause fühlen – auch wenn es hier explizit darum geht, sein eigenes Zuhause zu verlieren. Genauer erzählt der Regisseur und Co-Autor wie ein von Matt Dillon gespielter Musiker eines Tages auf dem Weg zurück zu seiner Familie ist und dabei eine seltsame Begegnung hat. So fragt er eine Frau nach der Uhrzeit, welche diese Frage an ihn zurückstellt. Und auch im Anschluss wird sie alles genau nachmachen, was er tut, als eine Art Doppelgängerin, und ihn dadurch aus seinem eigenen Leben zu drängen.

Unheimlich absurd

Das ist schon irgendwie unheimlich, auch weil Schauspielerin Daphne Patakia (Djam) ihrer Rolle etwas Undurchsichtiges bis Diabolisches mitgibt. Man sieht zwar, was sie tut, hat aber keine Ahnung, wer sie ist. Wie bei Replicas – In their Skin übernimmt sie nach und nach das Leben des namenlosen Protagonisten, ersetzt ihn im privaten wie beruflichen Bereich. Anders als der besagte Identitätendieb handelt es sich hierbei jedoch nicht eindeutig um einen Thriller. Vielmehr kostet Lanthimos die Absurdität der Situation völlig aus, wenn keiner aus dem Umfeld des Mannes erkennt, dass die Frau jemand anderes ist, obwohl sie zwangsläufig völlig unterschiedlich aussehen.

Was es mit dem Ganzen auf sich hat, wird dabei nicht verraten. Der rund 12 Minuten lange Kurzfilm, der auf dem Locarno Film Festival 2019 Premiere hatte, ist arm an Dialogen, noch ärmer an Erklärungen. Das lädt damit schon dazu ein, selbst sehr viel zu spekulieren, was eigentlich die Aussage ist. Sind wir alle austauschbar? Sind wir Parasiten, die voneinander profitieren? Gibt es das Individuum überhaupt oder ist das reine Illusion? Das Schlüpfen in fremde Identitäten führte der Regisseur schließlich schon in Alpen vor. Aber auch ohne definitive Antworten kann man mit Nimic auf seine Kosten kommen, sofern man sich an dem speziellen, leicht surrealen Humor von Lanthimos erfreut, der hier noch einmal in einer besonders konzentrierten Fassung vorliegt.

Credits

OT: „Nimic“
Land: Deutschland, US, UK
Jahr: 2019
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou
Kamera: Diego García
Besetzung: Matt Dillon, Daphne Patakia, Susan Elle

Trailer

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Nimic
Yorgos Lanthimos’ Kurzfilm „Nimic“ zeigt, wie ein Mann nach und nach von einer fremden Doppelgängerin aus seinem eigenen Leben verdrängt wird. Das ist rätselhaft und absurd, komisch und unheimlich, lädt dabei zum Interpretieren ein oder zum Genießen eines gewohnt eigenwilligen Werkes.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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